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bauhaus imaginista: Einführung der Kurator_innen
Marion
von Osten & Grant Watson |
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Meldung:
Haus der Kulturen der Welt (HKW), Berlin |
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Auf
dem Foto Marion von Osten, Foto (c) Wolfgang Stahr |
Marion
von Osten & Grant Watson beschreiben die Notwendigkeit, Kunst und
Gestaltung grundsätzlich neu zu begreifen, zu praktizieren und
zu vermitteln, was sich wie ein roter Faden durch das 20.
Jahrhundert zieht. Nimmt man das historische Bauhaus und seine
Rezeption in den Blick, wird diese transnationale Geschichte
radikaler Bildungsideen sichtbar.
Das
Bauhaus, gegründet 1919 nach dem Ende des katastrophalen Ersten
Weltkriegs, war aus dem Aufbruch der deutschen
Novemberrevolution als eine Schule für Gestaltung neuer Art
hervorgegangen. Am Bauhaus versammelte sich eine jüngere
Generation von Künstler_innen und Architekt_innen, die mit der
nationalistischen, militaristischen und obrigkeitsstaatlichen
Vergangenheit abschließen wollte. Die künstlerischen und
gestalterischen Avantgarden und ihre radikal-pädagogischen Ideen
prägten die Weimarer Republik als erste demokratische
Gesellschaft Deutschlands. Mit der Umgestaltung der materiellen
Umwelt in der Verbindung von Kunst, Handwerk, Gestaltung und
Baukultur sollten auch bestehende gesellschaftliche Verhältnisse
reformiert werden. Neue gestalterische Praktiken, Arbeitsweisen
und Lebensformen zielten dabei auf die Befreiung von Nutzlosem
und Überkommenem. Bis heute stellt sich die Frage nach dem
Verhältnis von Kunst und Gesellschaft immer wieder neu. Wie
können wir heute, hundert Jahre nach der Gründung des Bauhauses,
Gestaltung und Kunst als ein gesellschaftliches Verhältnis
denken? Welche Institutionen und Veränderungen wären für eine
zeitgenössische fortschrittliche kulturelle Praxis notwendig?
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Konrad Püschel, Seite aus einem Fotoalbum
aus Nordkorea, Rekonstruktion von Hamhung, 1956–1959,
Silbergelatineabzug auf Karton, 30,6 × 22,7 cm, Stiftung
Bauhaus Dessau
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bauhaus imaginista schlägt vor, den nationalen Rahmen zu
verlassen und die Moderne als ein kosmopolitisches Projekt zu
verstehen, das durch transkulturellen Austausch entstanden ist
und bis heute weiterwirkt. Das Bauhaus war von Anfang an eine
international ausgerichtete Schule. Studierende und Lehrende
kamen aus verschiedenen Teilen Europas und Asiens, um hier zu
lernen oder zu lehren. Der experimentelle, hybride Charakter der
Moderne war kennzeichnend für das Bauhaus; es integrierte
sozialistische und kommunistische Ideen, die
Arts-and-Crafts-Bewegung und die Reformpädagogik, aber auch
spiritualistische und esoterische Ansätze. Bauhäusler_innen
unterhielten Verbindungen zum russischen Konstruktivismus und
der niederländischen Bewegung De Stijl oder beteiligten sich an
den Internationalen Kongressen für Architektur (CIAM).
Heterogenität machte den Erfolg des Bauhauses aus, brachte aber
auch Widersprüche und Konflikte mit sich.
Den eigenen utopischen
Ansprüchen genügte das Bauhaus nicht immer. Trotz des 1918
eingeführten Frauenwahlrechts und der in der Weimarer Verfassung
erwähnten grundsätzlich gleichen staatsbürgerlichen Rechte und
Pflichten, gab es auch für zahlreiche weibliche Studierende am
Bauhaus keine wirkliche Gleichberechtigung. Ebenso unaufgelöst
blieben Widersprüche zwischen künstlerischer und gestalterischer
Ausbildung, egalitärem Anspruch, zukunftsweisender Lehre und
marktgängiger Herstellung eigener „Design“-Produkte für ein
überwiegend bürgerliches Publikum. Diese Widersprüche sprechen
aber auch gegen jede kanonisierte Deutung des Bauhauses und
gegen den Versuch, es auf einen Stil zu reduzieren.
In allen seinen Phasen von 1919 bis 1933 bleibt das Bauhaus eine
Bildungsstätte von und für Praktiker_innen. Kognitive und
manuelle Fähigkeiten waren beim versuchsorientierten Umgang und
Lernen mit dem Material von gleichwertiger Bedeutung. Eine
Tatsache, die eindeutig im Gegensatz zur Höherbewertung
kognitiver Fähigkeiten im 21. Jahrhundert steht. Das Bauhaus
entwickelte eine materielle, experimentelle Forschung und
Praxis, die auf die Bedingungen der Massenproduktion Einfluss
nehmen wollte. Dementsprechend begann die Ausbildung mit Form-
und Materialstudien, gefolgt von der Arbeit in Werkstätten, zu
Teilen in Kooperation mit lokalen Herstellungsbetrieben.
Unter
Gropius’ Nachfolger Hannes Meyer (1928–1930) setzte sich am
Bauhaus eine stärker kollektive und egalitäre, aber auch
polytechnischere Herangehensweise in der Lehre durch. Sie
beinhaltete die Erforschung räumlicher, topografischer und
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen des Bauens, in die
internationale Ideen zum neuen Siedlungsbau und zur Stadtplanung
einflossen. In der letzten Phase unter Mies van der Rohe als
Direktor (1930–1933) wurde das Bauhaus vor allem zu einer
Architekturschule.
Bereits 1925 zog das Bauhaus aufgrund
zunehmend rechtskonservativer Politik von Weimar nach Dessau,
1932 mit Erstarken der Nationalsozialisten in Deutschland weiter
von Dessau nach Berlin. 1933 mit deren Machtergreifung wurde es
aufgelöst. Einige Bauhäusler_innen konnten gerade noch
rechtzeitig Nazi-Deutschland verlassen und trugen so dazu bei,
dass sich Bauhaus- Konzepte zunehmend in anderen Ländern
verbreiteten.
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Auf
dem Foto Grant Watson, Foto (c) Martin Christopher Welker
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bauhaus imaginista widmet sich dem Transfer von
Wissen durch die Migration von Studierenden und Lehrenden, aber
auch der Interpretation, Aneignung und Imagination
unterschiedlichster Bauhaus-Konzepte in China,
Nordkorea, Indien, der Sowjetunion, Japan, Brasilien,
Großbritannien, Nigeria, Marokko und den USA. Diese wurden
übersetzt, umgeschrieben abgelehnt. Das Bauhaus brach 1919 aber
auch radikal mit der klassisch-akademischen Kunstausbildung und
der Trennung von bildender und angewandter Kunst. Dieses
Anliegen wurde in anderen Teilen der Welt im Laufe des 20.
Jahrhunderts ebenso dringlich, wo das Erbe des europäischen
Kolonialismus Intellektuelle und Künstler_innen herausforderte,
die Opposition von Kunst und Handwerk zu überwinden und die
Kunstausbildung zu dekolonisieren.
Die
mehrjährigen Recherchen, die bauhaus imaginista 2016 bis 2019 in
Zusammenarbeit mit internationalen Forscher_innen und
Kulturproduzent_innen aus Brasilien, China, Großbritannien,
Indien, Japan, Marokko, Nigeria, Russland und den USA
zusammentragen konnte, zeigen, in welchem Maß und unter welchen
lokalen Bedingungen neue Gestaltungsideen und die Bauhaus-
Pädagogik aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Damit
eröffnet das Projekt eine Perspektive auf eine transnationale
Geschichte modernistischer Designpolitik, die geprägt ist von
Kriegen und Diktaturen, bündnisfreier Weltpolitik und Kaltem
Krieg, von Unabhängigkeitsbewegungen und uneingeschränkten
Modernisierungsversprechen.
Die Kurator_innen des Projekts bauhaus imaginista verstehen die
weltweite Zirkulation von Bauhaus-Konzepten nicht als eine
Geschichte von Wirkung und Einfluss, sondern als Teil einer
internationalen Verflechtung, die auch nach 1933 weiterwirkte. bauhaus imaginista verfolgt die Geschichte eines
transkulturellen Austauschs im 20. Jahrhundert aus der
Perspektive internationaler Korrespondenzen, Beziehungen,
Begegnungen und Resonanzen. 2018 wurde dieser Ansatz konkret in
die Praxis übersetzt. bauhaus imaginista realisierte ein Jahr
lang mit internationalen Partnerinstitutionen, dem Le Cube –
independent art room, Rabat, dem China Design Museum, Hangzhou,
dem Goethe-Institut, New York, dem National Museum of Modern
Art, Kyoto, dem Garage Museum of Contemporary Art, Moskau, dem
SESC Pompéia, São Paulo, den Universitäten von Ile-Ife und Lagos
und dem Kiran Nadar Museum, Neu-Delhi sowie dem Goethe-Institut
an den verschiedenen Orten eine Serie von transnationalen
Ausstellungen und Veranstaltungen, deren Ergebnisse in Berlin
und Bern 2019 zu sehen sein werden.
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Doreen Mende, Hamhung’s two Orphans,
2018, Foto (c) Doreen Mende, Silke Briel
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Die
Jubiläumsausstellung im Haus der Kulturen der Welt bestand aus
vier Kapiteln. Jedes einzelne geht von einem zentralen
Bauhaus-Gegenstand, einer Arbeit eines am Bauhaus Lehrenden oder
Studierenden aus. Die vier ausgewählten, eher ephemeren
Gegenstände eint ihre Thesenhaftigkeit: Es sind das
Bauhaus-Manifest und das erste Curriculum aus dem Jahr 1919 von
Walter Gropius, die Zeichnung Teppich (1927) von Paul Klee,
Marcel Breuers Collage ein bauhaus-film. fünf jahre lang von
1926 und die Reflektorischen Farblichtspiele von Kurt
Schwerdtfeger (1922). Diese vier Gegenstände stellen bis heute
Fragen hinsichtlich ihrer historischen Besonderheit, können aber
auch als zukunftsweisend gelesen werden. Mit dieser
kuratorischen Setzung war es den Kuratorinnen möglich, die internationale
Rezeption des Bauhauses im 20. Jahrhundert zu untersuchen, aber
auch ortsspezifische Fragen zu verfolgen. Gleichzeitig konnten
transhistorische Themen und Inhalte aus einer aktuellen
politischen und kulturellen Perspektive verhandelt werden.
Das
internationale Forschungs- und Ausstellungsprojekt ist ein
Ergebnis der mehrjährigen intensiven Zusammenarbeit mit
Wissenschaftler_innen und Kulturschaffenden aus Brasilien,
Chile, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien,
Israel, Japan, Marokko, den Niederlanden, Nigeria, Russland,
Schweden und den USA. Diesen Forscher_innen,
Gestalter_innen und Künstler_innen wird für die
Großzügigkeit gedankt, mit der sie ihre Arbeit und ihr Wissen in unser
Projekt eingebracht haben. Gedankt wird auch den
engagierten Projektteams in Berlin und den internationalen
Partnerinstitutionen für ihre großzügige Unterstützung sowie den
Projektinitiatoren: der Bauhaus-Kooperation Berlin Dessau
Weimar, dem Goethe-Institut und dem Haus der Kulturen der Welt.
Als erstes groß angelegtes Projekt dieser Art – das eine
nationale, westliche Geschichtsschreibung des Bauhauses verlässt
– verstehen wir diese Ausstellung im Sinne eines Neuanfangs: als
Versuch einer dialogischen, transdisziplinären und
transhistorischen Erzählung, die auch ein Potenzial für
zukünftige Forschungen, neue Theorien und Imaginationen
beinhaltet.
Siehe auch:
Buchrezension zu bauhaus imaginista - Teil 1
Siehe auch: bauhaus
imaginista: Einführung der Kurator_innen Marion von Osten &
Grant Watson - Teil 2
Siehe auch:
bauhaus
imaginista: Die vier Kapitel und ihre Künstler_innen - Teil 3
Siehe auch:
Zur Gesamtschau
bauhaus imaginista - Teil 4
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