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Buchcover |
Diesem
Handlungsstreben folgt die Autorin bis zum Ende des
Romans. Sie bleibt konsequent mit dieser Idee verknüpft.
Darin ist sie stoisch. Zugleich deutet sie an, dass doch
alles im Roman nur erdacht ist. Welch ein Widerspruch!
Die letzte Fassung des Romans wurde im Sommer 1981 in
Mecklenburg-Vorpommern geschrieben. Das liegt aus
jetziger Sicht weit zurück in der Vergangenheit und
lässt die Erzählung wie ein Sonnenstrahl der Erinnerung
aufscheinen.
Aus einer
Erstveröffentlichung seinerzeit im Luchterhand Verlag in
Darmstadt wurde nichts, nachdem schon der Mitteldeutsche
Verlag sein Nein zur Veröffentlichung befehligte und
dies mit inländischen Verfügungen begründete. So blieb
das Manuskript über Jahrzehnte hinweg unveröffentlicht
unter Verschluss. Doch dann beginnt Kristina zu reden.
Das geschieht durch literarische Anmerkungen, um auf
ihre Person in der Erzählung hinzuweisen. Denn sie ist
es, die den Antrieb liefert zu den Handlungsräumen, in
kurzen Sätzen wiedergegeben. Lauter knapp wirkende
Sätze, die grammatikalisch zwar vollständig sind, aber
immer nur einen Teil von dem Aussprechen, was wirklich
gesagt werden soll. Das sind Merkmale einer
Jugendliteratur. Kristina ist die Leitfigur des Romans,
an ihr haften die Gedanken. Was sie bewegt, ist
gewissermaßen Konsens. Dazwischen Gedankeneinwürfe, zum
Beispiel eine niedliche Catcher-Szene, die auf der Matte
spielt, so als gehöre dies zum gewöhnlichen Tagesablauf
in Mecklenburg-Vorpommern. Dazu zählt auch das imaginäre
grüne Haus, ein Ort der häufig beschrieben ist,
Zufluchtsort, Werkstatt, Handlungsort und mehr. Die
textliche Verspieltheit wirkt lebendig, sie ist
liebenswürdig und dürfte dazu beitragen, Nachhall zu
finden.
Halbsätze
schließen aneinander an, setzen eins ums andere fort, um
von einem Idiom zum nächsten zu wandern. Es ist so, als
säße die Autorin in einer Wolke, von der sie aufgenommen
wurde. Solange sie gefangen ist, kann nichts passieren,
ist sie unantastbar für sich und die Welt um sie herum.
Zum Teil
wartet die erzählende Person im Roman mit Fakten auf,
wie sich jemand bewegt, was er oder sie am Leibe tragen
und womit sie beschäftigt sind. Es ist eine Welt der
fünf Sinne, die auf ihre Kosten kommen will. Das ist
das, was den Roman kinderfreundlich erscheinen
lässt, obwohl nicht für Kinder geschrieben, höchstens
für Jugendliche, einer Art Plädoyer über das jung sein,
indem alle Freiheiten offenstehen, um sie erleben und
ausschöpfen zu dürfen.
Wenn vom
Schlaf erzählt wird und von den ruhelosen Momenten, die
vor sich gehen. Auf das Sinnliche hat sich die Autorin
besonnen. Insgesamt ist es aber eine befangene Welt,
die sich den Lesern erschließt, zu reibungslos um
wirklich wahr zu sein, zu realitätsfern, als sich davon
eine Scheibe abschneiden zu wollen. Gedankliche
Verfremdungen auf Bedeutungsebene zeichnen das Bild der
Erzählung und ermöglichen das Abschweifen wie in eine
Traumwelt, in der sich handelnde Personen im Roman
gemeinsam aufhalten. Jedenfalls mehr als dass sie sich
in der Realität bewegen würden, um auf eigenen Beinen zu
stehen und um in Konkurrenz zu treten. Anderseits werden
gerade diese Sachverhalte genauso wiedergegeben, in
welchem Verhältnis der oder die Einzelne zu den Anderen
steht und sich damit behauptet. Sie bewegen sich alle in
ihrer Bubble, es gibt keine Ausnahmen auch
Charakterliche nicht. Das ist bedauerlich für
den Inhalt eines Romans.
Die vielen
sprachlichen Verfremdungen sind einerseits poetisch,
aber meiner Meinung nach nur der Behelf, um den eigenen
schriftstellerischen Impetus zu wahren, zum anderen, um
sich nach außen eine eigene Welt zu erschaffen, um nicht zu
sagen Heile Welt, in der Personen Gelegenheit bekommen,
in Aktion treten dürfen.
Immer wieder
werden Örtlichkeiten aufgegriffen. „In einem bebuschten
Winkel, der sich weitete zum Innenraum zwischen
hufeisenförmigem Beton". Daraus spricht im Grunde
Nüchternheit. Dieser Betonwinkel ist zugleich
Handlungsort innerhalb eines Textabschnitts. Bildet eine Art Gehäuse, das sich die
Autorin zurechtgezimmert hat. Solche baulichen Details
tauchen immer wieder auf, sie haben die Bedeutung eines
Nestes, es sind Räume des Aufenthalts innerhalb des
Romans.
Letztlich
rekrutiert sich die erweiterte Weltsicht aus den vielen
Beobachtungen, die gemacht werden, ohne jedoch aus ihnen
auszubrechen, um auch neue Ufer zu erreichen. Die Dinge
bleiben weich. Sie sind nicht aus Beton gefügt, wie sie
es selbst vorgeben wollen, sondern sind wie ein Teig,
der erst noch gebacken werden muss. Teilweise haben die
Sinnbilder im Roman auch erotische Bezüge, meist feminin
akzentuierte, so als wolle die Autorin damit jemanden auf
ihre Seite ziehen. Alle sind sie jugendlich so scheint
es, das ist der Traum.
Gerti Tetzner
bleibt nicht stehen, sie geht zügig weiter, lässt sich
nicht aufhalten von Ungereimtheiten, die ihr auf dem
langen Weg begegnen. Doch die Realität findet woanders
statt. Die Autorin hat etwas in Gang gesetzt, was jetzt
‚Kristina‘ heißt, das will sie konsequent fortsetzen.
‚Gelbe
Farbnasen unter einer Türklinke‘, wer achtet schon auf
solche Details? Sind das Fakten oder sind das
Wirklichkeitsbegriffe? Wird versucht, wie in „Alice in Wonderland“ in eine andere Welt abzudriften, um damit
ein Weltengebäude mit eigener Dynamik zu entflechten?
Ein Makrokosmos der kleinen Dinge erscheint im
Widerschein der Szenerie. Manchmal scheint es so, als
wäre die Erzählerstimme des Romans männlich, ganz klar
wird das nicht, wenn es heißt: „Also sah ich mich wieder
einmal ertappt wie zu Zeiten meiner Ex-Frau.". Sind das
Attitüden? Oder hat diese Erkenntnis eine Bedeutung in
Bezug auf Kristina?
Der Vorteil
ist, während des Lesens gelingt es fast immer den
Anschluss zu halten. Das Buch kann zur Seite gelegt
werden, der Kontext geht nicht verloren. Ein Roman der
nicht ins Stocken gerät. Es gibt keine Stelle, an der
alle Stricke reißen und der Inhalt sich verabschieden
würde, zu weich, erzähltechnisch sanft durchziehen
Absätze, Passagen und Sequenzen die Spur des Romans.
Andererseits könnte behauptet werden, dieser Roman
besteht nur aus sich fortsetzenden Wiederholungen, es
gibt gar keine feste Handlung, die Figuren erscheinen
wie Arabesken, die als Silhouetten oder Wischfiguren
aufscheinen, ineinandergehakt, um nach einer Weile
wieder zu verschwinden ohne sich postulieren zu wollen.
Was zeichnet
jemanden aus, der immer nur von solchen
Unvollkommenheiten lebt, in einem Moment in Erscheinung
tritt und dann wieder vom Spielfeld verschwindet. Wie
wird jemand erlebt, der getrieben ist von Unmündigkeit,
der nicht nach dem Entscheidungswillen fragen will. Mir
fehlt im Roman die Spannung. Es bleibt letztlich ein
impressionistisches Gefühl übrig, das von sich aus
erzählt. Ein reformpädagogischer Ansatz, wie in Ödon von
Horwaths „Jugend ohne Gott“, der entscheidend dazu
beigetragen hat, einen Sinneswandel zumindest unter den
Jugendlichen seiner Zeit zu erreichen, gibt es im Roman
nicht. Das Einerlei des Romans 'Gegen Wind' will nicht
enden, das passt in die 1970er und 1980er Jahre, in
denen der Roman geschrieben ist, in denen das nicht
enden wollende 'Einerlei' zum allgemeinen Stimmungsbild
in der Gesellschaft gehörte jenseits aller Grenzen.
Das
Lebensgefühl, das hier so treffend beschrieben ist, ist
die existenzielle Lähmung und das Gefangensein im ewigen
Kreis der Gegenwart. Es ist das Porträt eines oder
mehrerer Menschen, die keine innere Achse besitzen und
der Welt völlig passiv ausgeliefert sind. Denn dieses
Einerlei soll in Wirklichkeit niemals enden.
Die im
Zentrum stehende junge und engagierte
Kindergartenleiterin Kristina tritt im Roman als sehr
redegewandt auf, das ist Ausdruck für die Klarheit ihr
gegenüber, die sich im Roman um deren Person rankt.
Inmitten einer grauen, tristen Plattenbausiedlung der
frühen 1980er Jahre schafft sie für die Kinder ein
buntes „Kinderhaus“ mit einem grünen Garten – eine
„Oase“ frei von staatlicher Kontrolle. Kristina
versucht, die Kinder zu kreativen, selbstständigen
Individuen zu erziehen. Dabei stößt sie immer wieder auf
zivilen Ungehorsam gegen das staatlich normierte
Erziehungsmodell, was aber nicht direkt zur Sprache
gelangt in Form von Protesten oder Angriffen gegen die
Obrigkeiten. Äußerungen zu dieser Thematik sind
praktisch wie ausgeblendet im Roman. Kristina lässt stattdessen Spielzeugpanzer
verschwinden. Überhängt das verordnete sozialistische
Mosaik im Treppenhaus mit bunten, freien
Kinderzeichnungen. Trotzt den Vorgaben, um die Eigenart
jedes einzelnen Kindes zu schützen.
Empfehlenswert das Interview, das im Anschluss an den
Roman abgedruckt ist und das Carsten Gansel mit der
Autorin führte. Darin geht es unter anderem um die
Frage, welche Bedeutung Kinderpädagogik spielte. Diese
war jedenfalls wesentlich fortschrittlicher als dies angenommen wird auch im Vergleich zur
Bundesrepublik. Im Roman ist der Kindergarten dann Oase und wird
als solche auch Garten-Oase für Kinder
benannt. Es geht bei diesen Dingen darum, die
gesellschaftlichen Zusammenhänge besser zu verstehen,
was mit dem Leben in der Familie, dem
Freundeskreis und im Betrieb verstanden wird. All das
sind Kennzeichen, die zum sozialen Nahbereich zählen, in
der der Einzelne Macht- und Regelungskompetenz besitzt.
Trotz aller Hemmnisse der Kollektivierung die
aufgeworfen werden, besteht innere Freizügigkeit
insbesondere in Bezug auf reformpädagogische
Erziehung im Kindergarten seinerzeit und darüber hinaus.
R.M.
Gegen Wind
Roman von Gerti Tetzner
Aufbau Verlag, Berlin
1. Auflage, 2026
Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten
ISBN: 978-3-351-04290-5
ebook bei Aufbau Digital
ISBN: 978-3-8412-4156-6
Siehe auch:
Gerti Tetzner – Gegen Wind – Roman – Aufbau Verlag
Siehe auch:
Interview: Nach dem Verbot durch die DDR-Zensur: der
nicht veröffentlichte zweite Roman von Gerti Tetzner