Mit der Neuausgabe (2025) von „Karen W."
wurde Gerti Tetzners lange vergessenes Werk
wiederentdeckt. Nun erscheint erstmals ihr zweiter Roman
„Gegen Wind": ein literarisch verdichtetes Zeitbild der
DDR, inspiriert von der wahren Geschichte einer Freundin
– 45 Jahre nach dem Verbot durch die Zensur. Im Gespräch
mit Carsten Gansel erzählt die Autorin von der
Entstehung und verhinderten Veröffentlichung ihres
Romans. Der Abdruck des Interviews mit Gerti Tetzner an
dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des
Aufbau Verlages.
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Auf dem Foto Gerti Tetzner
(c) Jan Kraeutle |
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Wenn man den Text heute liest, werden viele nicht
mehr erkennen können, dass es hier um eine Reihe
damaliger Tabu-Themen geht: Erziehung, Armee, sogenannte
verbotene Literatur, Überwachung, Gängelung und Verrat
selbst unter engen Vertrauten. War Ihnen bewusst, dass
dieser Text wenig Chancen hatte, publiziert zu werden?
Ich habe mich nicht so sehr damit beschäftigt, ob der
Roman veröffentlicht werden kann, er musste einfach
raus. Ich fand den Text immer ein bisschen überfrachtet
mit den vielen Problemen. Aber das kam wahrscheinlich
daher, weil alles totgeschwiegen wurde. Es gab keine
öffentlichen Debatten über diese Themen. Und deswegen,
ohne dass ich es gemerkt habe, wurde alles in dem Text
untergebracht. Später, als ich das Buch fertig
geschrieben hatte, hatte ich das Gefühl: So, jetzt hast
du das runtergeschrieben, du hast dich befreit.
Text-Zitate aus
dem Interview mit Gerti Tetzner: „'Gegen Wind' war
in meinen Augen auch teilweise Öffentlichkeitsersatz. In
meiner Vorstellung, wie man schreiben müsste, habe ich
immer gedacht, Poesie muss ganz anders sein. Das darf
nicht so eine Polemik sein. Das muss ein weiterer Raum
sein. Aber damals war dies die einzige Möglichkeit, sich
zu befreien. “
Es war damals so, dass das Buch zwar in der DDR nicht
erscheinen konnte, im Westen aber haben Sie damit offene
Türen eingerannt. Vor uns liegt ein Verlagsvertrag von
Luchterhand für Ihren zweiten Roman, „Gegen Wind", vom
Verlag Anfang 1983 unterschrieben. Sie konnten aber
nicht mehr unterschreiben beziehungsweise haben sich
dagegen entschieden. Warum?
Weil ich dann aus der DDR raussollte. Und das kam für
mich nicht infrage. Meine Lektorin Ingrid Krüger wollte
den von mir gegengezeichneten Vertrag am nächsten Tag
abholen. Ich war von Leipzig nach Berlin gegangen und
sowieso in einer blöden Lage: Ich hatte keine eigene
Wohnung. Ich hatte eine Bekannte, die dieses
Hinterzimmer im zweiten Hof besetzt und mir unter der
Hand vermittelt hatte. Keiner wusste das, ich wohnte
also heimlich dort. An dem Abend, bevor Ingrid den
Vertrag abholen wollte, klingelt es. Da stand dieser Typ
in der Tür. Und dann wurde erst in einer Weise geredet,
als wäre ich sympathisch und verstünde das sicher – ich
sollte also das Manuskript zurücklegen, es sei jetzt
nicht die Zeit dafür etc. Woher wussten die nun schon
wieder von dem Vertragsangebot? Ich hatte es ja erst
kurz vorher bekommen. Normalerweise hätte ich den
vielleicht rausgeschmissen, aber nun wohnte ich illegal.
Bei manchen wurde Ernst aus den Drohungen.
„Es gab keine
Regel: Wenn man sich so und so verhält, geschieht das
und das. Sie haben jeden anders behandelt. Man konnte
sich auf nichts verlassen.“
Und der Mann drohte also damit, dass Sie dann das
Land verlassen müssten. Der prominente Biermann-Fall lag
nur wenige Jahre zurück, 1976, und damals hatten Sie
sich offen auf die Seite des Künstlers gestellt. Daher
war die Drohung durchaus ernst zu nehmen.
Ja, das Land zu verlassen kam für mich nicht in Frage.
Ich wollte nicht weg. Ich wollte nicht im Westen leben.
Nicht, weil ich noch eine große Anhängerin der DDR war,
sondern weil ich hier aufgewachsen war. Ich mochte die
Landschaft. Hier hatte ich Freunde.
„Ich hatte auch in Dänemark Freunde.Aber diese
gemeinsame Geschichte, die uns hier verband, gab es
nirgendwo sonst.“
Die wollte ich behalten. Und natürlich meine Tochter,
das kam überhaupt nicht in Frage, ohne meine Tochter
irgendwo hinzugehen. Und sie hatte gerade ihren
Wunschberuf als Korbmacherin gefunden, in der
Raumerstraße in Berlin, der Korbmacher dort war eine
Institution. Sie kriegten sogar Aufträge vom Theater. Es
war ein so kreativer Ort. In Westdeutschland machten die
Korbflechter Reparaturen. Da verlässt sie doch das Land
nicht.
Und Ihr Verlag, der Mitteldeutsche Verlag, was hatten
die dort gesagt, bevor Sie das Angebot von Luchterhand
bekamen?
Der Lektor kam zu mir nach Berlin, holte das Manuskript
raus und, ich saß hinter dem Tisch, warf es so hin wie
„Das ist ja wohl der letzte Dreck". Und seine Geste
dazu. Wir kannten uns. Die haben mit „Karen W." wirklich
Geld verdient. Man hätte da schon ein bisschen anders
miteinander reden können. Der hat es richtig aus der
Hand fallen lassen, und ich dachte: Du Idiot. Ich hab
dann auch gar nicht mit ihm diskutiert. Ich war ja auch
nicht von gestern, kannte ja die Verhältnisse.
Jedenfalls geht man so nicht mit einem Autor um, in dem
Moment war der Verlag für mich auch gestorben.
„Ich hab
gedacht: Egal, was ich noch schreibe, ihr seht mich
nicht wieder.“
Sie schreiben gerade an Ihrem dritten Roman. Und Sie
schreiben weiter mit der Hand. Eigentlich schreiben
heute fast alle Autorinnen und Autoren am Computer. Die
Macht der Gewohnheit?
Das hängt mit meiner Situation damals in Leipzig
zusammen. Wir wohnten im Erdgeschoss. Und alle, ob es
die Postbotin war oder die Nachbarin, alle klingelten
erst einmal bei uns. Auch weil bekannt war, dass ich zu
Hause war.
„Das
Schreiben bei einer Frau galt als eine Art Hobby. Auch
bei uns in der Familie: Die schreibt, na ja gut,
irgendeinen Vogel hat jeder. Das haben sie nicht
unbedingt böswillig gesagt, aber eben doch so geredet.“
Und wenn die Schreibmaschine klapperte, dann konnte ich
mich nicht verleugnen. Im Sommer konnte ich mich in
dieser ulkigen Wohnung, die um die Ecke ging zu dem
ehemaligen Dienstmädchenzimmer und zur Speisekammer,
ganz nach hinten verziehen, von da konnte man das
Klappern nicht hören. Aber wenn geheizt wurde, dann
musste ich in der Nähe der Öfen bleiben. Und da habe ich
mit der Hand geschriebene. Ich hatte immer nur den
Vormittag, wenn unsere Tochter nicht zu Hause war. Und
den musste ich verteidigen, denn jeder fühlte sich
berechtigt, eine Frau, die zu Hause ist, mit irgendwas
zu behelligen. Da musstest du dann ein bisschen schlau
reagieren. Und ich dachte, dann schreibst du eben mit
der Hand. Und das ist so geblieben.
Das Schreiben mit der Hand ist geblieben. Was hat sich
verändert, was macht das Schreiben heute für Sie aus?
Ich habe heute ideale Bedingungen. Ich muss kein Geld
verdienen, keine Familie versorgen, ich habe Zeit. Ich
kann schreiben, wenn mir danach ist, und einfach
weiterschreiben, wenn es gerade fließt. Und wenn es
stockt, mache ich eben eine Pause und etwas anderes.
Früher war das nicht möglich, da konnte ich nur
vormittags schreiben, wenn überhaupt. Heute stehe ich
morgens auf und schreibe meistens bis mittags. Dann
mache ich Pause und kaufe ein und erledige eben alles
andere. Oder ich schreibe doch weiter. Fast wie von
selbst geht es, wenn ich merke, dass ich den poetischen
Faden gefunden habe.
„Ich dachte, ich
würde einen Roman schreiben über das, was sich öffnet,
wenn man den Tod als Teil des Lebens akzeptiert. Doch zu
meiner Überraschung schreibe ich gerade eine
Liebesgeschichte. Es ist schon ein Glück, zu erleben,
dass all diese Erfahrungen in mir sind und nun auf diese
Weise ihren Weg aufs Papier finden.“
Das Gespräch mit der Autorin
führte Carsten Gansel
Siehe auch:
Gerti Tetzner – Gegen Wind – Roman – Aufbau Verlag
Siehe auch: Buchrezension:
'Gegen Wind' (2026) Roman von Gerti Tetzner erschienen
im Aufbau Verlag