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Maria-Sibylla Lotter (c) Anna
Ziegler, 2023 |
Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter, deren Buch „Opfer.
Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ wird exemplarisch
ausgezeichnet. „Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter (…)
unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das
nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für
Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt“, so ein Auszug
aus der Jurybegründung. Die feierliche Verleihung des
Tractatus mit Laudatio und Dankesrede findet Freitag,
den 25. September um 21 Uhr in den Lechwelten, dem
Kultur- und Kongresshaus von Lech am Arlberg statt. Die
öffentliche Veranstaltung bei freiem Eintritt ist nur
einer der Glanzpunkte im Rahmenprogramm des 29.
Philosophicum Lech. Unter dem Titel „Betreutes Denken.
Die neue Lust an der Unmündigkeit“ lädt die Tagung vom
22. bis 27. September 2026 zur thematisch breit
gefächerten transdisziplinären Erörterung und Diskussion
drängender Fragen zu aktuellen Entwicklungen. Siehe
unter:
www.philosophicum.com
Bei der Auswahl von Publikationen für den Tractatus
liegt das Augenmerk vornehmlich auf der Originalität des
Denkansatzes, der Gelungenheit der sprachlichen
Gestaltung und der Relevanz des Themas. Demgemäß
erfolgen die Vorschläge der hochkarätig besetzten
dreiköpfigen Jury. Diese setzt sich aus der
österreichischen Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin
und Essayistin Daniela Strigl, der Schweizer
Philosophin, Kulturjournalistin und Publizistin
Catherine Newmark sowie dem deutschen Literaturkritiker
und Autor Ijoma Mangold zusammen. Jeweils im Juli wird
nach eingehender Diskussion unter dem Vorsitz von Konrad
Paul Liessmann eine Vorauswahl getroffen. Der
langjährige wissenschaftliche Leiter und nun gemeinsam
mit der Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara
Bleisch Co-Intendant des Philosophicum Lech ist dabei
nicht stimmberechtigt. Auch heuer wieder belegen die
sechs für die Tractatus-Shortlist nominierten Werke die
hohe Aktualität sowie Brisanz exzellenter
kulturwissenschaftlich-philosophischer Essayistik und
werden zur Lektüre empfohlen:
www.philosophicum.com/tractatus/shortlist/shortlist-2026
Mit ihrer scharfsinnigen Analyse historischer
Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der
Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und
Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner
Vielschichtigkeit auf den Grund. Dazu die
Jurybegründung: Wenn der aktuelle Diskurs durch eine
moralische Aufwertung des Opfers und seiner
dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage
nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem
Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten
Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf
drei Ebenen: Da ist die Autorität des Opfers, die es
nahezu sakrosankt macht; da ist die insbesondere durch
die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die
grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht; und da
ist vor allem die „Therapiemoral“, die sich aus einer
zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder
ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der
Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen
ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller
Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der
Inferiorität zu fixieren.
Die kritische Bestandsaufnahme von Maria-Sibylla Lotter
zeichnet sich insbesondere durch den spezifischen
diskursanalytischen Ansatz aus, wie die Jurybegründung
des Weiteren hervorhebt: Mithilfe anschaulicher
Beispiele aus dem öffentlichen Leben wie aus ihrer
privaten Erfahrung zeigt die Autorin, wie die gut
gemeinte Erweiterung von Begriffen wie „Trauma“ oder
„Gewalt“ zu einer Verengung der Debatte, aber auch des
Handlungsspielraums führt, der einer Person oder Gruppe
zugetraut und zugebilligt wird. Lotter beschreibt das
Einsickern radikaler akademischer Ideologiekritik in den
gesellschaftlichen Mainstream, die erbitterte Rivalität
von Opfergruppen und die Lähmung demokratischer
Streitkultur. Der emanzipatorische Impuls der
Veränderung, so ihre Diagnose, ist in den letzten
Jahrzehnten von den realen Verhältnissen in die Sprache
gewandert. Dass sie folgerichtig Diskursgeschichte als
Begriffsgeschichte ins Visier nimmt, ist das größte
Verdienst ihres glasklar formulierten Buches. Präzis
schärft Maria-Sibylla Lotter mit dem einschlägigen
Vokabular auch unseren Blick für die Gefahren eines
Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und
keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt.
Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte
in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie,
Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte
sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität
Zürich und lehrt seit 2014 als Professorin für Ethik und
Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Daneben
schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Auch
ihre beiden Bücher „Schuld und Respekt. Über die Praxis
der Vergeltung und Versöhnung“ (Suhrkamp, 2024) sowie
„Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen
Grundlagen der Moral“ (Suhrkamp, 2012) fanden nicht nur
in Fachkreisen große Anerkennung und reges
Leserinteresse.
Zur feierlichen Verleihung des Tractatus 2026 wird am
Freitag, den 25. September 2026 um 21:00 Uhr in die
Lechwelten geladen. Der Festakt mit Laudatio von
Jurymitglied Daniela Strigl und Dankesrede der
Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter wird musikalisch vom
Trio Tractatus umrahmt, das eigens für diesen Anlass
geschaffene Tonstücke des Vorarlberger Komponisten
Marcus Nigsch zum Besten geben wird. Als alljährliches
Highlight krönt die Veranstaltung das Rahmenprogramm des
29. Philosophicum Lech, das heuer unter dem Titel
„Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“
steht. Vom 22. bis 27. September werden namhafte
Vortragende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die
hochaktuelle Thematik unter unterschiedlichsten
Gesichtspunkten erörtern und mit dem Publikum
diskutieren. Den Auftakt als kritische Gegenwartsanalyse
unabhängig vom Jahresthema geben am Dienstag, den
22.09.2026 die„Philosophicum Dialoge“.
www.philosophicum.com.
Buchpublikationen:
2012: Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen
Grundlagen der Moral, Suhrkamp Verlag, Berlin, 4. Aufl.
2022
2024: Schuld und Respekt. Über die Praxis von Vergeltung
und Versöhnung, Suhrkamp Verlag, Berlin