Preisverleihung

Der Essaypreis Tractatus 2026 geht an Maria-Sibylla Lotter

Prämiert mit dem Tractatus 2026 wird die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter für ihr Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“. Die feierliche Verleihung des mit 25.000 Euro dotierten Essaypreises des Philosophicum Lech erfolgt am Freitag, den 25. September 2026, um 21.00 Uhr in den Lechwelten in Lech am Arlberg.
 

 

 

Maria-Sibylla Lotter (c) Anna Ziegler, 2023

Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter, deren Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ wird exemplarisch ausgezeichnet. „Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter (…) unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt“, so ein Auszug aus der Jurybegründung. Die feierliche Verleihung des Tractatus mit Laudatio und Dankesrede findet Freitag, den 25. September um 21 Uhr in den Lechwelten, dem Kultur- und Kongresshaus von Lech am Arlberg statt. Die öffentliche Veranstaltung bei freiem Eintritt ist nur einer der Glanzpunkte im Rahmenprogramm des 29. Philosophicum Lech. Unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ lädt die Tagung vom 22. bis 27. September 2026 zur thematisch breit gefächerten transdisziplinären Erörterung und Diskussion drängender Fragen zu aktuellen Entwicklungen. Siehe unter: www.philosophicum.com

 

Bei der Auswahl von Publikationen für den Tractatus liegt das Augenmerk vornehmlich auf der Originalität des Denkansatzes, der Gelungenheit der sprachlichen Gestaltung und der Relevanz des Themas. Demgemäß erfolgen die Vorschläge der hochkarätig besetzten dreiköpfigen Jury. Diese setzt sich aus der österreichischen Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Essayistin Daniela Strigl, der Schweizer Philosophin, Kulturjournalistin und Publizistin Catherine Newmark sowie dem deutschen Literaturkritiker und Autor Ijoma Mangold zusammen. Jeweils im Juli wird nach eingehender Diskussion unter dem Vorsitz von Konrad Paul Liessmann eine Vorauswahl getroffen. Der langjährige wissenschaftliche Leiter und nun gemeinsam mit der Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch Co-Intendant des Philosophicum Lech ist dabei nicht stimmberechtigt. Auch heuer wieder belegen die sechs für die Tractatus-Shortlist nominierten Werke die hohe Aktualität sowie Brisanz exzellenter kulturwissenschaftlich-philosophischer Essayistik und werden zur Lektüre empfohlen: www.philosophicum.com/tractatus/shortlist/shortlist-2026


Mit ihrer scharfsinnigen Analyse historischer Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner Vielschichtigkeit auf den Grund. Dazu die Jurybegründung: Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf drei Ebenen: Da ist die Autorität des Opfers, die es nahezu sakrosankt macht; da ist die insbesondere durch die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht; und da ist vor allem die „Therapiemoral“, die sich aus einer zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der Inferiorität zu fixieren.

Die kritische Bestandsaufnahme von Maria-Sibylla Lotter zeichnet sich insbesondere durch den spezifischen diskursanalytischen Ansatz aus, wie die Jurybegründung des Weiteren hervorhebt: Mithilfe anschaulicher Beispiele aus dem öffentlichen Leben wie aus ihrer privaten Erfahrung zeigt die Autorin, wie die gut gemeinte Erweiterung von Begriffen wie „Trauma“ oder „Gewalt“ zu einer Verengung der Debatte, aber auch des Handlungsspielraums führt, der einer Person oder Gruppe zugetraut und zugebilligt wird. Lotter beschreibt das Einsickern radikaler akademischer Ideologiekritik in den gesellschaftlichen Mainstream, die erbitterte Rivalität von Opfergruppen und die Lähmung demokratischer Streitkultur. Der emanzipatorische Impuls der Veränderung, so ihre Diagnose, ist in den letzten Jahrzehnten von den realen Verhältnissen in die Sprache gewandert. Dass sie folgerichtig Diskursgeschichte als Begriffsgeschichte ins Visier nimmt, ist das größte Verdienst ihres glasklar formulierten Buches. Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter mit dem einschlägigen Vokabular auch unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt.

Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und lehrt seit 2014 als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Daneben schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Auch ihre beiden Bücher „Schuld und Respekt. Über die Praxis der Vergeltung und Versöhnung“ (Suhrkamp, 2024) sowie „Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral“ (Suhrkamp, 2012) fanden nicht nur in Fachkreisen große Anerkennung und reges Leserinteresse.

Zur feierlichen Verleihung des Tractatus 2026 wird am Freitag, den 25. September 2026 um 21:00 Uhr in die Lechwelten geladen. Der Festakt mit Laudatio von Jurymitglied Daniela Strigl und Dankesrede der Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter wird musikalisch vom Trio Tractatus umrahmt, das eigens für diesen Anlass geschaffene Tonstücke des Vorarlberger Komponisten Marcus Nigsch zum Besten geben wird. Als alljährliches Highlight krönt die Veranstaltung das Rahmenprogramm des 29. Philosophicum Lech, das heuer unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ steht. Vom 22. bis 27. September werden namhafte Vortragende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die hochaktuelle Thematik unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten erörtern und mit dem Publikum diskutieren. Den Auftakt als kritische Gegenwartsanalyse unabhängig vom Jahresthema geben am Dienstag, den 22.09.2026 die„Philosophicum Dialoge“.

www.philosophicum.com.

Buchpublikationen:
2012: Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral, Suhrkamp Verlag, Berlin, 4. Aufl. 2022
2024: Schuld und Respekt. Über die Praxis von Vergeltung und Versöhnung, Suhrkamp Verlag, Berlin

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 01. September 2026