Die Ohnmacht der Bilder

Ein Essay von Walter Eigenmann (2026)

Das Wort von der "Macht der Bilder" wird gewöhnlich im Ton ehrfürchtiger Bewunderung vorgetragen, als handle es sich um einen zivilisatorischen Höhepunkt, demokratisch, unmittelbar, modern. Dabei ist es ebenso die höfliche Umschreibung einer kollektiven Kapitulation: Das diskrete Eingeständnis einer Gesellschaft, die sich lieber zeigen lässt, was sie denken soll, als die Mühe des eigenen Urteilens auf sich zu nehmen.

 

 

 

Bilder kontra Leben - KI-Collage

Bevor man nachgedacht hat, bevor man gefragt hat, bevor man auch nur den Kontext kannte, hat das Bild bereits entschieden, gefühlt, geurteilt. Wer dann noch mit Einwänden kommt, wirkt wie jemand, der zu spät zur Party erscheint und erklärt, warum man eigentlich gar nicht hätte feiern sollen. Das ist keine Schwäche des Bildes, das ist seine Natur. Und solange diese Natur nicht zur Leitwährung öffentlicher Vernunft wird, ist dagegen ja nichts einzuwenden. Nur: Sie ist es längst geworden, mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden Protest im Ansatz schier lächerlich macht.

 

Beschleunigung - wohin?

Man könnte einwenden, diese Klage sei so alt wie das Klagen selbst: Gegen Pamphlete, Telegrafen, Fernsehen – immer dieselbe Jeremiade, immer dieselbe Generation, die den Untergang des Abendlandes in der jeweils neuesten Erfindung erkennt. Aber dieser Einwand ist inzwischen selbst zur Floskel geronnen, zum intellektuellen Beruhigungsmittel einer Gesellschaft, die sich lieber auf die Geschichte beruft, als die Gegenwart zu beschreiben. "Es war immer schon so, also wird es schon nicht so schlimm sein" – als hätte Quantität irgendwann aufgehört, in Qualität umzuschlagen, als wäre Beschleunigung nur ein anderes Wort für dasselbe, nur schneller. Es ist nicht dasselbe.

Sichtbarkeit als Eigenwert

Neu ist ja nicht das Bild an sich; seit 50'000 Jahren malt der Mensch Botschaften an Wände, von den Höhlen Sulawesis bis zur Berliner U-Bahn. Der Unterschied ist die Geschwindigkeit, mit der heute niemand mehr stehen bleibt. Und neu ist v.a. die Organisation der Bilder: Algorithmisch getaktet, affektiv optimiert, auf Wirkung hin gezüchtet wie ein Kampfhund, der nicht beissen soll, sondern bellen. Neu ist schliesslich aber auch die beschämende Selbstverständlichkeit, mit der Sichtbarkeit bereits als Wert gilt und Wahrnehmung beinahe schon als Erkenntnis durchgeht, als wäre das Gesehene das Gedachte und das Gefühlte das Verstandene. Nie war der Blick beschäftigter. Und nie der Verstand entbehrlicher. Oktober 2025: Die SVP Schweiz bringt auf ihrem Instagram-Account eine KI-generierte Fratze eines EU-Bürokraten, dessen fletschenden Zähne, dessen Hakennase und dessen "Bürokraten-Gier" das politische Gegenüber zur bösartigen Kreatur herabwürdigen. Solch gezielte, rassistische Stereotypen bedienende Dehumanisierung kapituliert als Argument vollends vor dem Affekt: Das Bild kritisiert nicht mehr, sondern hebelt den Verstand durch den primitiven Reflex des Abscheus aus. Auf der Richterskala der bildnerischen Verleumdung und der Verachtung des demokratischen Diskurses ist damit eine neue Stufe erklettert.

Synthetisch erzeugte Evidenz

Bilder erklären fast nie von sich aus. Sie zeigen Ausschnitte und verkaufen sie als Ganzes, sie verdichten, wo entfaltet werden müsste, sie erzeugen Evidenz, wo hartnäckig und unbequem Zweifel geboten wäre. Hinzu kommt ihre neuropsychologische Effizienz: Das visuelle System reagiert schneller als die reflektierende Sprache, Affekte werden aktiviert, bevor Einordnung überhaupt begonnen hat. Was Aufmerksamkeit bindet, erzeugt bereits eine implizite Handlungsaufforderung – klicken, teilen, empören, zustimmen. Der Finger ist schon unterwegs, während der Verstand noch nach dem ersten Satz sucht. Das macht sie zur idealen Währung einer Öffentlichkeit, die starke Eindrücke mit Wahrheit verwechselt und Ergriffenheit für Erkenntnis hält.

Moral im Bildzeitalter

Alan Kurdis Foto hat eine Debatte ausgelöst – und sie sechs Wochen später beendet. Nicht weil das Problem gelöst war, sondern weil dazu gerade kein neues Bild mehr kam, weil ein nächster Reiz schneller war, eindrucksvoller, filmischer. So funktioniert moralische Erschütterung im Bildzeitalter: Intensiv, folgenlos, wiederholbar. Und bei jeder Wiederholung womöglich noch etwas billiger als beim letzten Mal. Besonders deutlich und besonders beschämend fällt das in der Politik auf – ausgerechnet dort, wo Komplexität nicht der Störfall ist, sondern der Normalfall, und einer, aus dem wohl oder übel Entscheidungen abgeleitet werden müssen. Am 20. Januar 2025 legte Elon Musk die rechte Hand auf die Brust, streckte den Arm nach vorn und nach oben – zweimal, vor laufenden Kameras, vor Millionen, die sofort, mit der Sicherheit des Augenblicks zu wissen glaubten, was sie gesehen hatten. Was folgte, war kein politischer Diskurs, sondern ein wochenlanger globaler Bildkampf um drei Sekunden Filmmaterial. Die eigentliche Frage – welche Rolle der reichste Mensch der Welt in einer gewählten Regierung spielt, mit welchem Mandat, unter welcher demokratischen Kontrolle – interessierte niemanden; sie liess sich nicht in ein Standbild pressen, das man empört weiterleiten konnte. Neo-Nazi-Gruppen feierten die Geste, europäische Parteien forderten Einreiseverbote, Historiker sprachen von einer Legitimierung des Faschismus – und das Einzige, worüber alle einig waren: Man konnte nicht aufhören, es anzuschauen. Das Bild hatte die Debatte gefressen, bevor sie begonnen hatte. Und niemand, der empört weiterteilte, kam auf den Gedanken, dass er gerade Teil des Problems sein könnte.

Sprache als Bildmaschine

Deutschland, 14. Oktober 2025: Bundeskanzler Merz erklärt, man erkenne die deutschen Städte "im Stadtbild" nicht mehr – ein Satz so vage wie eine dräuende Wolke, sorgfältig unscharf gehalten, damit jeder hineinprojizieren kann, was er ohnehin schon fühlt. Er sprach nicht von konkretem Fehlverhalten, sondern von blosser Präsenz, und suggerierte, man könne Menschen ansehen, ob sie hierhergehören oder nicht. Die eigentliche migrationspolitische Debatte –Rückführungsabkommen, Integrationsstrukturen, verschleppte Strukturfragen, Fachkräftemangel kontra Abschieberhetorik – verschwand hinter einem visuellen Reizwort, das nicht mal ein Bild ist, sondern nur so wirkt. Das ist die eigentliche neue Meisterschaft: Wenn man nicht mal mehr eine Fotografie braucht, weil die Sprache selbst zur Bildmaschine geworden ist. Noch ein Beispiel: Aus dem deutschen Gebäudeenergie-Gesetz – kompliziert, in vielem angreifbar, aber ernstzunehmend – wurde binnen Wochen der "Heizungshammer". Damit war alles ersetzt, was man hätte lesen müssen: Übergangsfristen, Förderlogik, Zumutbarkeitsgrenzen. Eine Öffentlichkeit, die sich seither einbildet, ein Gesetz verstanden zu haben, was sie nie gelesen hat, und diese Einbildung für politische Mündigkeit hält. Das ist keine Kommunikation, sondern Entmündigung mit Einverständnis der Entmündigten – und die Entmündigten klatschen Beifall.

Wenn das Bild Wahrheit reklamiert

Im Personellen folgt dieselbe Logik, weil Menschen sich leichter bebildern lassen als Strukturen, weil ein Gesicht einprägsamer ist als ein Paragraph. Bundesratswahlen, Kanzlerkandidaturen, Koalitionsverhandlungen, – überall dieselbe Reduktion: Mimik statt Dossier, Auftritt statt Mehrheit, die Frage, wer "kanzlerhaft" wirke, als diagnostisches Instrument. Als wäre ein Gemeinwesen eine Castingshow mit siebzig Millionen Jurymitgliedern. Das Erschreckende daran ist weniger, dass es so ist; erschreckend ist, dass kaum noch jemand es erschreckend findet. Hinzu kommt die neue, die eigentlich beunruhigende Qualität: Bilder reklamieren inzwischen nicht mehr bloss Aufmerksamkeit, sie reklamieren Wahrheit. Das Weisse Haus postete Schlittenhunde mit dänischen Flaggen an einer Wegkreuzung zwischen US-Flagge und den Fahnen Russlands und Chinas – dazu: "Which way, Greenland man?" Ein geopolitisches Druckmittel im Meme-Format, das die eigentliche Frage – ob ein NATO-Mitglied ernsthaft ein anderes annektieren will und was das für die regelbasierte Weltordnung bedeutet – mit der Leichtigkeit eines Swipes beiseite räumt.

Bild-Witz bis ins Absurde

Und dann eine jüngste Eskalationsstufe, die man sich noch vor wenigen Jahren als Satire-Szenario verbeten hätte: Am 23. April 2026 kursierten Deepfake-Videos in sozialen Medien, die Donald Trump zeigten, wie er während eines Oval-Office-Treffens einschläft, mit dem Kopf auf den Tisch knallt und die Zunge heraushängen lässt. Fabriziert, nachweislich gefälscht — und trotzdem millionenfach geteilt, von Kongressabgeordneten kommentiert, als politisches Argument eingesetzt. (Tage zuvor hatte Trump selbst ein Bild gepostet, das ihn als Jesus Christus darstellt; nach einem Sturm der Empörung behauptete er, er habe gedacht, es zeige ihn als Arzt...) Zwei Seiten, ein Mechanismus: Wer Bilder nach Belieben fabriziert, braucht keine Argumente mehr. Und wer fabrizierte Bilder teilt, um den Gegner zu treffen, hat aufgehört zu fragen, ob sie stimmen. Beide haben dasselbe Verhältnis zur Wahrheit: keines.

Selbstdeklarierte Fälschungen

Und während diese Zeilen entstehen, liefert der US-Kongresswahlkampf im Bundesstaat New York das nächste Kapitel. Mitte August 2026 veröffentlichte der republikanische Kandidat Anthony Constantino im Rennen um den Sitz von Elise Stefanik ein KI-generiertes Video, dass einen demokratischen Herausforderer Blake Gendebien angeblich unterstützend zu Vergewaltigung, Menschenhandel und Pädophilie äussert – Sätze, die der echte Gendebien nie gesagt hat, gesprochen von einer Stimme und einem Gesicht, die ihm zum Verwechseln gleichen. Gendebien selbst nannte das Video hinterher abscheulich, und ordnete es als beunruhigendes Symptom einer dystopischen Entwicklung ein, auf die man zusteuere. Bemerkenswert dabei: Das Fälschungsvideo trug sogar den Hinweis, es handle sich um manipuliertes Material – als Retourkutsche darauf, dass zuvor Gendebien selbst mit einem KI Werbespot gegen Stefanik gearbeitet hatte. Die Fälschung erklärte sich also selbst zur Fälschung und wirkte trotzdem. Nicht weil jemand getäuscht werden sollte im klassischen Sinn, sondern weil die blosse Zirkulation der Bilder – ob wahr, gefälscht oder als Fälschung ausgewiesen –bereits die politische Wirkung entfaltet, um die es geht: Empörung, Klick, Weiterleitung. Hier also wird die Fälschung nicht einmal mehr verschleiert, sondern offen gekennzeichnet, und wirkt trotzdem! Das ist die jüngste Eskalationsstufe im Bilder-Krieg: Selbst die Transparenz über die Manipulation bremst die Wirkmacht des Bildes nicht mehr.

Komplexität: ein Verdummungstrick?

Und das sitzt tiefer als Medienkritik per se. Wer an permanente visuelle Eindeutigkeiten gewöhnt ist, empfindet Differenzierung bald als Feigheit und Komplexität als einen Trick der Mächtigen, um "das Volk" ruhig zu halten. Ein Mechanismus, der sich selbst verstärkt, weil jeder, der noch erklärt, sofort verdächtig ist, etwas zu verbergen. Das ist ein wirklicher Schaden: Nicht dass Menschen Bilder konsumieren, sondern dass sie verlernen, dem Unbehagen standzuhalten, das entsteht, wenn sich etwas nicht sofort zeigen lässt, wenn eine Antwort ausbleibt, wenn ein Zusammenhang Zeit braucht. Dieses Unbehagen war einmal der Anfang des Denkens. Heute ist es ein Interface-Problem. Die Wahl steht dabei nicht zwischen elitärer Lesekultur und demokratischer Bildwelt – diese Entgegensetzung ist selbst schon ein Bild, bequem und falsch. Die Wahl steht zwischen einer Öffentlichkeit, die Komplexität aushält, und einer, die es verlernt hat und sich dabei noch progressiv, noch informiert, noch engagiert vorkommt. Weil sie ja die richtigen Bilder liked.

Demokratie als Bild-Inszenierung

Denken vollzieht sich in Unterscheidungen, Widersprüchen, in Sätzen, die mehr leisten müssen als einen Reiz, die Zeit brauchen und Geduld, die man ihnen nicht mehr zubilligt. Eine Kultur, die jede Frage in ein Bild pressen muss, bevor sie eine Antwort verdient, verlernt die Geduld des Begreifens. Wobei: Bilder verdummen ja keineswegs – Bilder haben Diktatoren entlarvt, Abu Ghraib in die Welt getragen, Polizeigewalt sichtbar gemacht, die sonst unsichtbar geblieben wäre. Nein, das Problem ist nicht das Medium, sondern die Taktung der Bilder, ihre Beschleunigung, ihre algorithmische Logik, die keinen Raum mehr lässt für alles, was widersteht, was Zeit braucht, was unbequem bleibt. Damit wird aus Öffentlichkeit eine Kette gereizter Reflexe, aus Politik ein Wettbewerb der wirksamsten Inszenierungen. Wer das noch Demokratie nennt, hat den Begriff schon preisgegeben.

Schöne neue Bilder-Welt

Die Frage dahinter ist denn auch keineswegs, ob wir das alles eigentlich wissen. Wir wissen es, wir haben es immer gewusst, und es hat uns nie aufgehalten. Die wirkliche Frage ist, warum wir trotzdem weiterscrollen – und ob eine Gesellschaft, die diese Frage nicht mehr stellen kann, ohne sofort davon weggelenkt zu werden, noch eine politische Öffentlichkeit ist oder nur deren freundlich ausgeleuchtete Kulisse, wohlig angestrahlt von immer neu aufploppenden Short-Videos. Das wirklich Verstörendste daran ist also nicht, dass es geschieht. Sondern wie angenehm es sich anfühlt. Und dass man es in dem Moment, da man es erkennt, wahrscheinlich schon wieder vergessen hat. Denn die nächsten Bilder warten schon…

Erziehung und Regulierung

Es wäre zu billig, bei der Fatalität stehenzubleiben, dass wir um das Elend wissen und trotzdem weiterscrollen. Zwei Hebel sehe ich, die die oben angesprochene Passivität durchbrechen könnten – keiner davon die finale Erlösung, aber beide zusammen vielleicht ein Anfang. Der eine setzt bei den Jugendlichen an, die noch zu formen sind: Eine Medienbildung nämlich, die nicht Zugang verwaltet (Stichwort "Handyverbot"), sondern Urteilskraft trainiert: Das Aushalten von Widerspruch, das Misstrauen gegenüber der ersten Regung, das Nachfragen, bevor der Finger den Teilen-Button findet. Der andere setzt bei den Erwachsenen an, die längst geformt sind, aber von der Industrie ökonomisch "nachgebessert" werden: Eine Regulierung, die nicht Bilder verbietet, sondern die Architektur adressiert, die sie taktet: Algorithmen, die Empörung belohnen, Plattformen, die Verweildauer über Wahrheit stellen. Also: Erziehung ohne Regulierung bildet eine Generation für ein System, das ihre Mündigkeit gar nicht will. Regulierung ohne Erziehung verändert Regeln für Bürger, die weiterhin lieber gezeigt bekommen, was sie denken sollen. Erst beides zusammen zielt auf das eigentliche Problem: Nicht das Bild, sondern seine Beschleunigung. Und die Gesellschaft, die sich an sie gewöhnt hat, wie an eine Droge, deren Namen sie kennt und deren Wirkung sie trotzdem jeden Tag aufs Neue unterschätzt.

Walter Eigenmann wurde 1956 in Luzern geboren. Er studierte Komposition, Klavier und Dirigieren am Konservatorium Luzern u.a. bei Albert Jenny, Peter Benary, Hubert Podstransky und Eva Serman. Während Jahrzehnten unterrichtete er an verschiedenen Musikschulen und leitete div. Chöre in der Zentralschweiz. Gleichzeitig schrieb er jahrelang als Kultur- und Polit-Journalist für Luzerner Tages- und Wochenzeitungen (u.a. LUZERNER NEUESTE NACHRICHTEN, TAGBLATT, DIE REGION u.a.). Literarisch betätigte er sich u.a. als Herausgeber der Literaturzeitschrift SCRIPTUM und als Verleger diverser Buch-Projekte. Seit 1991 ist er Mitglied des InnerschweizerSchriftstellerverbandes.2007 gründete er als Herausgeber und Redakteur das internationale Online-KulturJournal GLAREAN MAGAZIN für Literatur, Musik und Schach. Walter Eigenmann ist verheiratet und lebt in Emmenbrücke/ CH.

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 23. August 2026