Transkulturalität
Der von Wolfgang Welsch
in den 1990er Jahren weiterentwickelte Begriff der
Transkulturalität – anknüpfend an Überlegungen des
kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz Fernández –
beschreibt Kulturen nicht als geschlossene Einheiten,
sondern als dynamische Gefüge wechselseitiger
Durchdringungen und Verflechtungen.
Welsch analysiert die Vorteile transkultureller
Identitäten etwa in seinem Werk „Wir sind schon immer
transkulturell gewesen: Das Beispiel der Künste“ oder
auch in seinem Klassiker „Ästhetisches Denken“.
Identitäten entstehen
nach Welsch durch Austausch, Überschneidung und
gegenseitige Durchdringung kultureller Erfahrungen.
Bettina Heinen-Ayechs Werk verkörpert diese
Durchdringung in besonders exemplarischer Weise. Anders
als viele europäische Künstler des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts, die Nordafrika als exotischen Gegenraum
Europas wahrnahmen, entwickelte sie einen Blick, der auf
Teilhabe statt auf Distanz beruhte.
Orientalismus
Orientalismus ist die
kulturelle Konstruktion des Fremden.
Nordafrika erschien in dieser Denktradition als
Projektionsfläche europäischer Sehnsüchte und
Vorstellungen.
Diese Tradition reicht bis in die klassische Moderne
hinein und spielte für ihre Entstehung eine wichtige
Rolle.
Künstler wie Eugène
Delacroix, Henri Matisse oder später auch August Macke
und Paul Klee fanden im „Orient“ neue Impulse für die
Entwicklung ihrer Bildsprache. Die Regionen Nordafrikas
erschienen ihnen als Ort ursprünglicher Lebensformen,
intensiver Farben und einer vermeintlich unverfälschten
Kultur.
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Aquarell, 1980, Aicha
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Das Interesse Europas am
sogenannten Orient war stets von tiefen Ambivalenzen
geprägt, wie der amerikanisch-palästinensische
Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem 1978
erschienenen Postkolonialismus-Klassiker „Orientalismus“
beschrieben hat. Einerseits eröffnete es neue
ästhetische Horizonte. Andererseits reproduzierte es
häufig koloniale Machtverhältnisse und kulturelle
Stereotype.
Said hat aufgezeigt,
dass der Orientalismus eng mit solchen kolonialen
Machtverhältnissen verbunden war. Vor diesem Hintergrund
gewinnen jene Künstlerinnen und Künstler besondere
Bedeutung, die Nordafrika nicht als exotisches Gegenüber
Europas darstellten, sondern als gleichwertigen
kulturellen Raum verstanden.
Eine solche Künstlerin
ist Bettina
Heinen-Ayech: Ihr Verhältnis zu Algerien war nicht
touristisch, ethnografisch oder kolonial geprägt. Nach
ihrer Übersiedlung im Jahr 1963 wurde Algerien nach
Solingen und Paris zu ihrem Lebensmittelpunkt und zu
einem wesentlichen Bestandteil ihrer Identität. Sie
versteht den Mittelmeerraum nicht als Grenze zwischen
Kulturen, sondern als kulturellen Resonanzraum, in dem
europäische und nordafrikanische Traditionen miteinander
in Beziehung treten. Ihr Werk erweitert die Geschichte
der deutschen Moderne um eine Perspektive, die lange
Zeit außerhalb des kunsthistorischen Blickfeldes lag:
die produktive Begegnung europäischer Kunst mit den
Erfahrungswelten Nordafrikas.
Macke, Klee, Cézanne und
Bettina Heinen-Ayech
Die Tunisreise von Paul
Klee, August Macke und Louis Moillet im Jahr 1914 gilt
als Schlüsselmoment der Moderne: als überaus wichtige
Station in der Überwindung des Expressionismus hin zur
gegenstandlosen Kunst. Die Künstler entdeckten in
Nordafrika eine neue Wahrnehmung von Licht, Farbe und
Raum. Klees berühmte Formulierung „Die Farbe hat mich.
Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für
immer, ich weiß das“ verweist auf jene Erfahrung, dass
Farbe zu einem autonomen bildnerischen Prinzip werden
kann.
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Aquarell - Bettina - 1974 - Heißer Sommer
in Algerien
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Während die genannten
Künstler die nordafrikanische Erfahrung in Richtung
Abstraktion weiterentwickelten, bleibt Heinen-Ayech
hingegen der unmittelbaren Naturbeobachtung
verpflichtet. Ihre transkulturelle Moderne entsteht
nicht durch die Auflösung der sichtbaren Welt, sondern
anders: durch eine neue Intensität des Sehens.
Wenn die Tunisreise für
Macke und Klee zum Ausgangspunkt einer zunehmenden
Abstraktion wurde, führt die Begegnung mit Nordafrika
bei Bettina Heinen-Ayech in eine andere Richtung. Ihr
eigentlicher kunsthistorischer Bezugspunkt scheint vor
allem Cézanne zu sein: Nicht die Auflösung des
Gegenstandes interessiert sie, sondern die Verdichtung
der Wahrnehmung.
In diesem Sinn erschafft sie eine eigenständige Kunst,
die sich weder den konstruktiven Tendenzen der
klassischen Avantgarde noch den Programmen der
Abstraktion unterordnet.
Pleinair-Malerei
Eine zentrale Stellung
in ihrem Werk nimmt die Pleinair-Malerei ein,
die ihre frühen Wurzeln
in der englischen Landschaftsmalerei John Constables
besitzt und sich im Frankreich des 19. Jahrhunderts zur
eigentlichen Freilichtmalerei entwickelte.
Seit dieser Zeit war das Arbeiten unter freiem Himmel
eng mit der Entwicklung der Moderne verbunden. So lösten
sich später etwa die Impressionisten vom Atelier und
suchten die unmittelbare Begegnung mit Licht und
Atmosphäre. Auch Bettina Heinen-Ayech nutzte die direkte
Naturbeobachtung als Mittel zur Entwicklung einer
eigenständigen Bildsprache.
Bettina Heinen wuchs als
Tochter des Journalisten und Dichters Hanns Heinen und
Erna Heinen-Steinhoff in den Häusern der Solinger
Künstlerkolonie „Schwarzes Haus“ auf. Dort lernte sie
ihren wichtigsten Lehrer und Mentor, den Maler Erwin
Bowien kennen. Gemeinsam mit Bowien und später Amud Uwe
Millies gehörte sie zu den prägenden Persönlichkeiten
der Solinger Künstlerkolonie. Bereits im Alter von 18
Jahren erregte die Malerin Aufmerksamkeit, als sie an
der ersten großen internationalen Kunstausstellung der
jungen Bundesrepublik neben Karl Schmidt-Rottluff, Paul
Klee, Max Beckmann, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner und
Käthe Kollwitz teilnehmen durfte.
Nach dem Studium bei
Hermann Kaspar an der Kunstakademie München studierte
Bettina Heinen an der Königlich Dänischen Kunstakademie
in Kopenhagen. Bald machte sie erste Reisen nach
Norwegen, wo sie am Fuß des Wasserfalls Sieben
Schwestern eine Hütte erwerben konnte. Sie arbeitete
vorwiegend in Norwegen oder auf Sylt, schulte ihren Stil
im Licht des Nordens.
Mit der Übersiedelung
nach Algerien ändert sich bald ihre Auffassung der
Freilichtmalerei.
Die extremen
Lichtverhältnisse Algeriens spielen dabei eine
entscheidende Rolle. Das intensive Sonnenlicht, die
klaren Horizonte, die trockene Luft und die starken
Farbkontraste erzeugen Wahrnehmungsbedingungen, die sich
von den nord- und mitteleuropäischen
Landschaftserfahrungen markant unterscheiden.
Heinen-Ayechs Bilder entstehen aus einem Prozess
direkter Auseinandersetzung mit der Landschaft, bei
Hitze, Wind und Wetter. Die Komposition entwickelt sich
aus der Dynamik des Sehens selbst: Farbe, Licht und
Bewegung werden zu den eigentlichen Trägern der
Bildstruktur.
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Aquarell – 1972 - Blumenstilleben
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Die Künstlerin fand in
der algerischen Stadt Guelma und in der ganzen Region
eine Landschaft und ein Licht, die ihre Kunst nachhaltig
prägten. Besonders die Helligkeit, die weiten Ebenen,
die Berge und die kräftigen Farben der Natur rund um
Guelma (der antiken römischen Siedlung Calama)
inspirierten sie zu zahlreichen Aquarellen und Gemälden.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Bettina Heinen-Ayech
gerade die Technik des Aquarells zu einer seltenen
Meisterschaft gebracht hat: als autonomes Hauptmedium
ihrer Kunst.
Die Stadt Guelma liegt
in einer Senke, die sich im Atlas-Gebirge öffnet und die
durch den Fluss Seybouse durchquert wird. Die Senke wird
von dem 1411 Meter hohen Berg Maouna mit der markanten
Silhouette einer liegenden Frau überragt. Die Künstlerin
hat ihn etwa 100 Mal dargestellt – ein Hauptmotiv ihres
Oeuvres,
vergleichbar der Rolle, die der Montagne Sainte-Victoire
im Werk Cézannes spielt.
Die Region ist bekannt
für ihre üppige Vegetation, Olivenhaine, Obstgärten und
Getreidefelder – das intensive Sonnenlicht verändert die
Farben der Landschaft immer wieder: Morgens erscheinen
die Hügel oft in kühlen Blau- und Grüntönen, während die
Abendsonne die Umgebung in warme Gold-, Rot- und
Ockertöne taucht. Gerade dieses besondere Wechselspiel
von Licht und Farbe faszinierte die Künstlerin über
mehrere Dekaden – bis zu ihrem Tod.
Und so liegt der
entscheidende Beitrag Bettina Heinen-Ayechs zur
Pleinair-Malerei der Moderne auch in der Ausbildung
einer unverwechselbaren Bildsprache des Lichts und der
Farben. Farben entwickeln hier Eigenständigkeit und eine
Autonomie, die den Bildraum strukturiert. Figuren und
Landschaften werden durch Licht und Farbe transformiert.
Landschaft wird in farbige Energiefelder übersetzt, ohne
ihre Gegenständlichkeit zu verlieren. Gerade in dieser
Balance zwischen Wiedererkennbarkeit und malerischer
Transformation liegt die Besonderheit: die starke Kraft
ihres atmosphärischen Stils.
Die schöpferische Kraft
von Begegnung und Austausch
In einer Zeit, in der
Fragen kultureller Identität häufig als Konflikt
diskutiert werden, gewinnt diese Perspektive besondere
Aktualität: Bettina Heinen-Ayechs Werk demonstriert die
schöpferische Kraft von Begegnung und Austausch. Als
Brückenbauerin zwischen Deutschland und dem
Mittelmeerraum entwickelte sie eine transkulturelle,
künstlerische Position, die nationale Kategorien
überschreitet. Aus der intensiven Begegnung mit den
Landschaften Algeriens entstand eine Form der Moderne,
die weder den Programmen der Abstraktion noch den
Traditionen des Naturalismus verpflichtet ist. Ihre
Kunst eröffnet einen dritten Weg, der erst jetzt, nach
und nach, in seiner kunsthistorischen Bedeutung erfasst
wird: eine Moderne der Wahrnehmung, der Atmosphäre und
der kulturellen Vermittlung.
Viele Entwicklungen, die
gegenwärtig diskutiert werden, hat die Künstlerin
vorweggenommen. Lange Zeit galt die Moderne als ein
vorwiegend europäisches Projekt, das sich von Paris,
Berlin, London oder München aus über die Welt
verbreitete. Neuere Ansätze der globalen Kunstgeschichte
zeigen dagegen, dass die Moderne in der Kunst stets das
Ergebnis kultureller Austauschprozesse war.
Künstlerische Innovation entstand häufig an den Rändern,
Übergängen und Kontaktzonen verschiedener Kulturen.
Bettina Heinen-Ayech ist
eine Künstlerin jener kulturellen Randzonen, denen die
neuere Kunstgeschichte eine zentrale Rolle bei der
Entstehung moderner Bildsprachen zuschreibt. In Guelma
im Nordosten Algeriens entwickelte sie ihre
eigenständige Form der Moderne – und entfernt sich hier
(nach früher Anerkennung in Deutschland und Europa schon
in den 1950er Jahren) mehr und mehr vom westlichen
Kunstbetrieb.
In einer Kunstwelt, die
noch stark von männlichen Deutungsansprüchen geprägt
war, entwickelte sie als Frau eine eigenständige
Position, die sich weder stilistisch noch biografisch in
gängige Kategorien einordnen lässt. Während viele
Künstlerinnen ihrer Zeit mit strukturellen
Einschränkungen konfrontiert waren, entzog sich
Heinen-Ayech bewusst den etablierten europäischen
Kunstzentren und deren Hierarchien. In Guelma schuf sie
sich einen eigenen Arbeits- und Lebensraum, der nicht
von institutionellen Erwartungen, sondern von
unmittelbarer Erfahrung geprägt war.
Die Aktualität des Werks
von Bettina Heinen-Ayech
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Aquarell – 1953
– Frühstück in der Solinger
Künstlerkolonie
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Vor diesem Hintergrund
erscheint Bettina Heinen-Ayechs Werk erstaunlich
aktuell. Sie verkörpert eine künstlerische Biografie,
die sich nationalen Zuschreibungen entzieht. Weder lässt
sie sich ausschließlich der deutschen Kunstgeschichte
noch der nordafrikanischen Kunstgeschichte zuordnen. Ihr
ganz und gar singuläres Werk entstand in einem Raum
kultureller Verflechtung und verläuft konträr zur
Entwicklung der Moderne, die oft als Weg von der
Gegenständlichkeit zur Abstraktion beschrieben worden
ist. Man könnte die Besonderheit ihres Werks so
zusammenfassen: Moderne entsteht hier nicht durch die
Verneinung der Wirklichkeit, sondern durch deren
Intensivierung. Licht wird nicht dargestellt, sondern
konstruiert. Die vibrierenden Farbfelder erzeugen eine
visuelle Energie, die den Eindruck mediterraner
Helligkeit unmittelbar erfahrbar macht.
Während die Kunst der
letzten Jahrzehnte häufig von Konzeptualismus oder
digitaler Produktion geprägt war, wächst heute wieder
das Interesse an körperlicher Präsenz, Landschaft,
Materialität und ortsbezogener Erfahrung.
Bettina Heinen-Ayech und
ihr Lebenswerk stehen nun wieder im Zentrum des
Interesses. Dies dokumentieren zahlreiche Artikel in
Kunstmagazinen, diverse monographische Ausstellungen
sowie zahlreiche posthume Auszeichnungen. Zu diesen
zählt auch die Aufnahme in den exklusiven Kreis der 50
bedeutendsten historischen Frauenpersönlichkeiten
Nordrhein-Westfalens im Rahmen des Projektes „FrauenOrte
NRW“.
Heinen-Ayechs Werk kann
auch als wichtiger Bezugspunkt für aktuelle Diskussionen
über Landschaftsmalerei gelesen werden. Ihre Bilder
zeigen, dass Landschaftsmalerei keineswegs ein
historisch erschöpftes Genre ist. Sie kann vielmehr ein
Medium kultureller Erinnerung, ökologischer Sensibilität
und transkultureller Erfahrung sein: Teil einer
mediterranen Moderne,
deren Bedeutung für das 21. Jahrhundert gerade erst
sichtbar wird.
Marc
Peschke