Rothenburg ob der Tauber
ist eine Stadt, über die viel geschrieben worden ist:
„Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst
wurde“, so Hans Dieter Schmidt in seinem sehr
lesenswerten Taubertal-Buch „Melusine und schwarze
Wasser“. Oder der bedeutende Kunsthistoriker Georg
Dehio: Die Stadt sei „als Ganzes ein Denkmal“, schreibt
er. Und Herbert Schindler in seinem Buch über die
Romantische Straße, an der Rothenburg liegt: Man fände
hier „reines, großes Mittelalter“. Oder, noch besser,
Rothenburg, das sei schlichtweg die „Lieblingsstadt der
Welt“.
So wurde geschrieben, über Rothenburg,
über Türme und Tore, Kirchen und Bürgerhäuser, über das
Urbild einer mittelalterlichen Stadt, das die Stadt an
der Tauber wie kaum eine andere verkörpert. Und doch
bleibt Rothenburg ein Ort, der vielfach gebrochen ist:
Wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der berühmten
Silhouette, hinter den großen Bauwerken und
Meisterwerken der Kunst eine Geschichte voller Brüche,
Veränderungen und neuer Anfänge.
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Nachtwächterführung Rothenburg
o.d. Tauber - große Gruppe Tour, Herrngasse
Foto (c) Pfitzinger
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Die ehemals
Freie Reichsstadt, seit 1802 zum Kurfürstentum Bayern
gehörend, heute mittelfränkisch, ist mit ihren gerade
mal 11.000 Einwohnern ein internationaler touristischer
Magnet. Doch in der Nebensaison oder am späteren Abend
ist die Altstadt keinesfalls überlaufen. Wer nach
Rothenburg ob der Tauber kommt, der findet im Gewirr der
kleinen Gassen und Sträßchen eine ganze Vielzahl von
kunsthistorisch bedeutsamen Schätzen.
Rothenburg als Sehnsuchtsort
Das Selbstbewusstsein der bürgerlichen Stadtkultur ist
immer noch ganz gegenwärtig: Über Jahrhunderte prägten
Handel, Handwerk und ein selbstbewusstes Bürgertum das
Leben innerhalb der Mauern. Doch die Bedeutung
Rothenburgs gründet nicht allein in seiner
mittelalterlichen Vergangenheit, sondern auch in seiner
späteren Wiederentdeckung. Im 19. Jahrhundert, als die
Romantik den Blick auf das Mittelalter und die
historischen Städte neu schärfte, wurde Rothenburg zu
einem Sehnsuchtsort: Künstler und Reisende suchten hier
jene Verbindung von Architektur und Landschaft, die
ihnen in der modernen Welt zunehmend verloren schien.
Auch Maler entdeckten Rothenburg für sich. Künstler des
Biedermeier und der Romantik wie Carl Spitzweg trugen
mit ihren Darstellungen dazu bei, das Bild der alten
Stadt als besonderen Ort zwischen Wirklichkeit und
Erinnerung zu verbreiten. Rothenburg wurde nicht nur
betrachtet, sondern imaginiert – wurde zu einem Symbol
für eine bewahrte Welt, für die Sehnsucht nach dem
Gewachsenen und Dauerhaften.
Diese romantische Entdeckung hatte ihre Ambivalenzen.
Denn Rothenburg war niemals nur eine idyllische Kulisse.
Hinter den schönen Fassaden standen wirtschaftliche
Veränderungen, religiöse Konflikte, soziale Umbrüche und
die Herausforderungen der Moderne. Der Dreißigjährige
Krieg, der politische Bedeutungsverlust nach dem Ende
der Reichsstadtzeit und die Zerstörungen des Zweiten
Weltkriegs gehören ebenso zur Geschichte Rothenburgs.
Besonders der Wiederaufbau nach 1945 wurde zu einer
Frage von grundsätzlicher Bedeutung: Wie kann eine Stadt
mit ihrer Vergangenheit weiterleben, ohne zu einem
bloßen Denkmal zu werden?
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Nachtwächterführung Rothenburg
o.d. Tauber, Rathaus Gruppe - Marktplatz ©
Rothenburg Tourismus Service, W.Pfitzinger |
Der
Rothenburger Nachtwächter
Rothenburg fand darauf eine Antwort. Sie erhielt ihre
historische Gestalt und entwickelte sie zugleich weiter.
Und so ist es bis heute: Besonders am Abend, wenn die
Besucherströme nachlassen, wird dieses Verhältnis von
Vergangenheit und Gegenwart spürbar. Zu dieser Stunde
gehört seit mehr als drei Jahrzehnten eine Figur, die
für viele Besucher untrennbar mit der Stadt verbunden
ist: der Nachtwächter. Hans Georg Baumgartner hat aus
dieser Figur eine der bekanntesten Stimmen der Stadt
gemacht. Im April 1991 übernahm er seine erste Führung
und entwickelte „seinen“ Nachtwächter, den er, von
Anfang an, als erzählerischen Zugang zu Rothenburg
selbst verstanden hat.
Wir haben ihn erlebt, diesen kuriosen
Nachtwächter-Schauspieler mit Schalk im Nacken, der aus
der Geschichte der Stadt erzählt. Mit schwarzem Umhang,
Dreispitz, Hellebarde, Horn und Laterne entwickelte
Baumgartner seine Figur, deren Stärke nicht nur in der
äußeren Erscheinung lag, sondern in der Verbindung von
Wissen, Humor und Darstellungskunst. Die Stadt wurde zu
seiner Bühne, für 35 Jahre.
Bis zu 200 Menschen begleiteten ihn bei einzelnen
Rundgängen. Gäste aus aller Welt verbanden fortan ihre
Erinnerung an Rothenburg mit dieser Stimme aus der
Nacht. Und so wurde Hans Georg Baumgartner nach und nach
selbst Teil jener Geschichte, die er erzählte, zu einem
Botschafter der Stadt – bei Führungen, Veranstaltungen,
Medienauftritten und offiziellen Anlässen wie dem
Reiterlesmarkt und den Reichsstadt-Festtagen.
Rothenburg ob der Tauber sucht einen neuen Nachtwächter
Am 31. Oktober 2026 um 20 Uhr und 21.30 Uhr wird
Hans Georg Baumgartner nun seine letzte Runde
durch die Altstadt gehen. Mit seinem Abschied endet eine
Ära – doch die Geschichte des Rothenburger Nachtwächters
soll weitergehen: Rothenburg ob der Tauber sucht einen
neuen Nachtwächter!
Gesucht wird eine Persönlichkeit, welche die historische
Figur mit eigener Stimme weiterentwickelt – mit
schauspielerischem Gespür, historischem Interesse,
Freude am Erzählen und der Fähigkeit, Menschen aus aller
Welt für Rothenburg zu begeistern. Denn die alte
Geschichte der Stadt, dieser uralte Zauber, er soll
weitererzählt werden.
Die Bedeutung des Rothenburger Nachtwächters reicht
längst über die Stadtgrenzen hinaus: Besucher aus
Amerika, Australien oder Kanada reisen nach Rothenburg,
um den „Original Rothenburg Nightwatchman“ zu erleben.
Die Figur ist international bekannt und war unter
anderem bei NBC sowie dem brasilianischen Fernsehsender
Globo zu Gast. Nun sucht Rothenburg eine neue Stimme für
die Nacht, eine Persönlichkeit, die Menschen mitnimmt
auf eine Reise durch Geschichte, Erinnerung und
Gegenwart. Denn Geschichte bleibt nur lebendig, wenn sie
immer neu erzählt wird. Autor: Marc Peschke
Bis zum
31. August bewerben! Zum Frühjahr 2027 wird ein
Darsteller (m/w/d) für die Rolle eines vormodernen
(Mittelalter/Frühe Neuzeit) Nachtwächters gesucht,
die als männliche historische Figur gekennzeichnet
ist. Alle Informationen unter
www.rothenburg.de