Konzert

Glühende Saiten im Casals Forum

Als sich Mitte Mai die internationale Kammermusikszene in Kronberg versammelte, wurde das Casals Forum erneut zum pulsierenden Zentrum musikalischer Begegnungen. Im Rahmen des Chamber Music Festival 2026 stand am 15. Mai das Konzert „Glühende Saiten“ auf dem Programm – ein Abend, der seinem Titel in jeder Hinsicht gerecht wurde. Mit Werken von Beethoven, Mendelssohn und Tschaikowsky entfaltete sich ein Panorama romantischer Klangkultur, getragen von hochkarätigen Solisten und den Nachwuchsmusikern der Kronberg Academy.

 

 

 

Christian Tetzlaff, links, während der Konzert-Einführung

Besondere Aufmerksamkeit galt der kurzfristigen Umbesetzung: Die ursprünglich angekündigte Bratschistin Tabea Zimmermann hatte ihre Teilnahme absagen müssen. Für sie sprang Pinchas Zukerman ein, der sowohl an der Violine als auch an der Viola zu erleben war. Gemeinsam mit Christian Tetzlaff und den „Juniors“ der Kronberg Academy sorgte er für eine Besetzung von außergewöhnlicher musikalischer Strahlkraft.

 

Bereits der Auftakt des Konzerts verwies auf die programmatische Idee des Abends: Ludwig van Beethovens, „Ich bin der Schneider Kakadu“-Variationen op. 121a verbanden Witz, Virtuosität und kammermusikalische Dialogkunst. Das Werk, das auf einem populären Opernlied basiert, entwickelte sich zu einem raffinierten Spiel aus Charakterwechseln und überraschenden Wendungen. Vor allem das kommunikative Zusammenspiel der Musiker verlieh der Interpretation eine besondere Lebendigkeit.

 

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquintett Nr. 2 in B-Dur op. 87 öffnete sich anschließend ein Klangraum voller Wärme und Eleganz. Mendelssohns späte Kammermusik verband klassische Formklarheit mit romantischer Intensität. In der herausragend transparenten Akustik des Casals Forums entfaltete das Werk seine ganze Farbigkeit und ließ die feinen Stimmengeflechte eindrucksvoll hervortreten. Geschrieben hatte Mendelssohn Bartholdy das Werk im Jahr 1880 in Bad Soden und so gab es auch auf diese Weise einen besonderen Bezug zum Taunus.

 

Nach der Pause folgte schließlich Peter Tschaikowskys Serenade für Streicher C-Dur op. 48, ein Werk, das dem Komponisten besonders am Herzen gelegen hatte. „Ich schrieb die Serenade aus einem inneren Impuls heraus“, hatte Tschaikowsky seiner Vertrauten Nadeshda von Meck anvertraut. Später bekannte er zudem, er habe das Werk in Verehrung für Mozart komponiert, dessen Musik er zutiefst bewunderte. Tatsächlich verband die Serenade fein gearbeitete Melodik und elegante Transparenz mit der klanglichen Fülle der Romantik.

 

 

 

Casals Forum, Außenansicht, Foto (c) Marcus Ebener

Junge Musiker aus aller Welt

 

Im Casals Forum entfaltete sich diese Mischung aus klassischer Leichtigkeit und romantischer Wärme eindrucksvoll. Unter der Führung von Christian Tetzlaff musizierten die jungen Streicherinnen und Streicher der Kronberg Academy gemeinsam. 32 junge Musiker aus 16 verschiedenen Ländern waren dabei: Amira Abouzahra, Sameer Agrawal, Gabrielle Després, Ria Honda, Clara Neubauer, Ruslan Talas, Dmytro Udovychenko, Xunyue Zhang, Omer Herz, Andjela Josifoski, Ayano Nakamura, Andy Park, Katrīna Anna Pelnēna, Lourdes Pinney und Cassandra Teissedre an der Geige. Antoine Thevoz, Xunyu Zhou, Emad Zolfaghari spielten Bratsche, Sofia Blându, Jinseok Jeong, Noah Lee, Izak Nuri, Petar Pejčić, Antonia Straka, Yi-I Stephanie Yang Cello und Yeonhee Lee und Kristaps Pētersons Kontrabass. Trotz der opulenten Besetzung blieb der Klang bemerkenswert beweglich und durchsichtig.

 

Der erste Satz, Andante non troppo – Allegro moderato, begann mit einer hymnischen Einleitung, aus der sich ein eleganter Hauptteil entwickelte. Im anschließenden Walzer gelang es dem Ensemble, den Wiener Charme des Satzes mit feinen Rubati. Die Musiker variierten dabei das Tempo subtil, mal leicht verzögert, mal etwas beschleunigt–, um den tänzerischen und eleganten Charakter lebendiger wirken zu lassen. Das kecke Pizzicato am Ende setzte einen pointierten Schlusspunkt. Besonders eindringlich geriet die Elegie, deren choralartige Linien und lyrische Dialoge zwischen hohen und tiefen Streichern eine große emotionale Intensität entfalteten. Im Finale (Tema Russo) steigerten sich die Musiker schließlich in einen wirbelnden Tanz voller Energie und Farbigkeit, bevor Tschaikowskys hymnisches Anfangsthema noch einmal aufleuchtete und das Werk eindrucksvoll beschloss.

 

Die Seele der Musik sichtbar machen

 

 

Konzert im Casals Forum, Schlussapplaus

 

Bereits in der Konzerteinführung hatte Christian Tetzlaff tiefe Einblicke in die emotionale Welt der Werke des Abends gegeben. Tetzlaff, der seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Geigern seiner Generation zählt und weltweit mit Orchestern wie den Berliner, Wiener und New Yorker Philharmonikern auftritt, sprach dabei weniger über Virtuosität als über das existenzielle Erleben von Musik. Der vielfach ausgezeichnete Musiker, der heute selbst an der Kronberg Academy unterrichtet, erinnerte sich an seine Zeit im Jugendorchester: „Mit elf, zwölf Jahren kommt man in Jugendorchester“, sagte er, und beschrieb das überwältigende Gefühl, erstmals eine Tschaikowsky-Sinfonie zu spielen. „Es war ein rauschhaftes Erleben und ein starkes Gefühl der Verbindung.“ Genau dieses Empfinden sei bis heute der Kern seines Musizierens geblieben: „Das starke Gefühl der emotionalen Verbindung eint einen mit den anderen Musikern und schließlich auch mit dem Publikum. Ohne das würde ich den Beruf als Musiker nicht ausüben.“ Entscheidend für ein gelungenes Konzert sei letztlich nicht allein die Partitur, sondern „wie man es erfüllt – mit eigener Kraft und Zärtlichkeit“. Dazu trugen auch die jungen Musiker mit großer Begeisterung bei und das Publikum belohnte die Interpretation, die gleichermaßen von technischer Brillanz wie von spürbarer Spielfreude getragen war, mit langanhaltendem Applaus

 

„Glühende Saiten“ stand exemplarisch für das Selbstverständnis des Chamber Music Festivals in Kronberg: Internationale Spitzenkünstler begegneten dem musikalischen Nachwuchs auf Augenhöhe. Dadurch wurden die Konzerte nicht nur zu Aufführungen, sondern zu lebendigen Werkstätten des gemeinsamen Musizierens. Gerade diese Verbindung aus Erfahrung, Jugend und unmittelbarer Spielfreude prägte auch an diesem Abend die besondere Atmosphäre im Casals Forum. Text und Fotos: Barbara Altherr

 

 

   

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 17. Mai 2026