Über mehrere Jahre hatte
der Friseursalon Schlitz in Frankfurt Rödelheim
geschlossen. Zwei Architekten, die zugleich die
Eigentümer sind, haben das Haus übernommen und wollen
umfangreich sanieren. Ziel ist unter anderem die
Bewohnbarkeit der Wohnung im 1.Obergschoss zu
gewährleisten. Doch bis es soweit ist, bleibt viel zu
tun. Es besteht Nachholbedarf. Die Räume im Parterre, in
denen sich der Salon und Nebenräume befinden, sind nur
im Sommer nutzbar, da keine funktionstüchtige Heizung
installiert ist. Das ist bedauerlich. Eine alte verbaute
Gastherme ist defekt und nicht mehr brauchbar. Eine
Wärmepumpe einbauen, um die notwendige Wärme im Winter
zu haben, wurde noch nicht entschieden, ist natürlich
eine Kostenfrage.
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Eingangstheke, jetzt
Büchertheke, im Salon
Schlitz am 21. April, vormittags, anlässlich
einer Presseveranstaltung zur Eröffnung am
24. April ab 19:30 Uhr, Foto (c) Kulturexpress |
Die frühere Inhaberin
des Geschäftes und zugleich Namengeberin, Frau Schlitz,
ist schon vor mehreren Jahren verstorben. Der Laden lebt
von seiner Geschichte als lokaler Treffpunkt in
Rödelheim und natürlich als Friseur, der er mal war.
Hinter der Ladentheke war die Inhaberin bis zum Schluss
tätig. Das Geschäft war ihr Lebenswerk. Seit sie nicht
mehr da ist, herrscht Stillstand im Haus. Doch die
Räumlichkeiten und das Interieur sind weitgehend
erhalten und intakt geblieben. Der Charme des Retrolook
breitet sich mittlerweile aus und fordert seine
Attribute. Gestaltungselemente der 1970er Jahre
bestimmen das Bild. Ein paar große Plastikblumen und
ebensolche Bäume in runden Töpfen geben
dem Ambiente die gewünschte Haute Culture.
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Ein altes Wandtelefon mit
Drehscheibe erzeugt nostalgische
Erinnerungen. Das Gerät wurde von mir nicht
auf Funktion
geprüft. Genauso die im Hintergrund
befindliche farbige Tapete in Violett, Lila
und Orangetönen, die in ihrer Farbigkeit
stark an das Pop-Design der 1970er Jahre
erinnert. WC und Toilette befinden sich wie
oft bei alten Häusern im Treppenhaus, weiter
oben, eine Treppe höher auf Höhe des
Zwischenpodests hinter einer schmalen Tür.
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Die Architekten planen
eine Lüftungsanlage, um den großen Hinterraum mit sechs
Trockenhauben an der Wand besser zu durchlüften. Bisher
lässt sich nur das Fenster zum Hof öffnen, um frische
Luft hereinzulassen. Der langgestreckte Raum misst etwa
30 Quadratmeter. Über der Zimmerdecke ist ein Außendach,
obwohl der Raum im Parterre liegt, so dass die
Möglichkeit bestünde, Oberlichter einzubauen, die sich
gegebenenfalls Öffnen und Schließen lassen. Eine
Lüftungsanlage könnte mit einem energiesparenden
Wärmetauscher verknüpft werden, das spart Kosten, was
letztlich von der Kalkulation des Ganzen abhängt. Ist
eben Altbau. Deckenhöhe 3,50 Meter, das ist
Altbaustandard. Über einer abgehängten Decke verbirgt
sich eine Deckenheizung, die bei voller Auslastung
oftmals nicht das gewünschte Ergebnis brachte, die Räume
vollständig aufzuheizen. Fußbodenheizung einsetzen ist
dagegen ungeeignet, da Boden und Decke aus Holzbalken,
Lamellen in Anordnung, Lehm und Stroh in den
Zwischenräumen zusammengesetzt ist, von einer stabilen
Kellerdecke mal abgesehen. Decken und Wände
sind überdies reparaturbedürftig, an ihnen nagt schon
der Verfall. Es gilt an manchen Stellen, zu retten, was
zu retten ist. Eine Alternative wäre gewesen, das Haus
von Grund auf erneuern. Entkernen und völlig neue
Räume entstehen lassen, am besten gleich an solvente Käufer und Investoren
abgeben. Doch die Entscheidung der Eigentümer fiel zu
Gunsten der Erhaltung im Retrolook aus, eines
interdisziplinären Treffpunkts aus allen Richtungen um
Workshops und Kulturveranstaltungen hauptsächlich zum
Thema Literatur und Poesie zu inszenieren. Auch
die alten Bodenfliesen, schöne Keramik-Kacheln im
Parterre sind flächendeckend erhalten geblieben.
Sie durchziehen im quadratischen Raster sämtliche
Räumlichkeiten sowohl im vorderen als auch den hinteren
Geschäftsbereich. Auch sie zählen in hellem
Karamellfarbton zum erhalten gebliebenen Retro-Design
des Salons.
Die vorderen
Geschäftsräume sind von der Straße aus einsehbar. Ein
Schaufenster deutet an, dass hier einmal ein
Friseursalon war. Der Name 'Salon Schlitz' steht in
großen Lettern noch heute über dem Fenstersturz
geschrieben und lädt nach wie vor zu sich ein. Eine
altmodische Leuchtreklame von Wella als Relikt der
Vergangenheit ist noch an der Hauswand befestigt. Doch
auch sie sorgt für den Flair des Kleinstädtischen, was Rödelheim ja nicht mehr ist, da seit 1910 in Frankfurt
eingemeindet. Das Wohnhaus mit Hinterhof in dem sich der
Friseursalon befindet, verfügt über eine Besonderheit,
es steht spiegelbildlich
zum Nachbarhaus, gleicher Eingang, gleicher Hof und
gleiches Hinterhaus. Nur der kleine Laden fehlt am
Nachbarhaus oder wurde bereits neu verputzt.
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Frankfurt-Rödelheim: der
Friseursalon Schlitz ist nahezu vollständig im
Originalzustand der 1970er Jahre erhalten. Von der Theke
über die typischen Teleskop-Wandtrockenhauben bis zu
Waschbecken, Tapeten, Möbeln und originalen
Werbeartikeln wie dem Wella-Friseur-Aschenbecher –
dieser Ort ist ein authentisches Design-Kleinod mit
einer einzigartigen Atmosphäre.
Retro-Look wiederum beschreibt einen Stil, der aktuelle
Mode, Wohnen oder Fotografie an Designs vergangener
Jahrzehnte vor allem des 20. Jahrhunderts anlehnt, ohne
echte Vintage-Stücke zu sein. Er zeichnet sich durch
nostalgische Ästhetik, typische Farben, Muster und
klassische Schnitte aus, die modernen Komfort mit
Vintage-Flair verbinden. Der Retro-Begriff steht jedoch
im Gegensatz zu Vintage für neu produzierte Waren, die
"rückwärts" gewandt gestaltet sind. Vintage dagegen
steht für die Originale aus der Epoche.
Im
Salon Schlitz handelt es sich genaugenommen also nicht
um Retroware sondern um echten Vintage. Die meisten
Stücke und die Einrichtung sind im Originalzustand
erhalten. Das Zusammenspiel zwischen Theke, Wandschmuck,
Deckenbeleuchtung und Stühlen, in denen Kunden vor allem
dann Kundinnen Platz nahmen, um sich frisieren zu
lassen, zeugen von schlichtem Design. Der Farbton des
Stuhlpolsters ist ausgefallen, ein dunkles Rot
vielleicht wie Traubenrot. Diese Farbe tendiert zu einem
leicht kühlen Rot, das Eleganz und Tiefe vermittelt.
Auch von Patina kann die Rede sein, die sich wie ein
Film auf Gegenstände und Gegebenheiten gelegt hat. Bei
näherer Betrachtung scheinen die Gegenstände leicht
ermattet zu sein, aber sie sind intakt und im täglichen
Gebrauch weiterhin nutzbar. Die beiden erhaltenen
Frisierspiegel wurden oberflächlich behandelt. Auf die
Spiegelfläche wurde ein weißer Stift gesetzt, um diese
im Stil von Keith Hearing oder wie A.R.Penck zu bemalen
vielleicht auch beschriftet, je nach dem wer
interpretiert. Die Künstlerin nutzte überwiegend
Tiermotive für ihre Bemalung, die wie Fabelwesen
erscheinen, begleitet von Cumulus artigen
Wolkenformationen mit hohen Masten, die wie ein Vorhang in eine
paradiesische Welt sind.
Salon Schlitz Retro Design for Future ist ein Projekt
des Kulturnetz Frankfurt e.V. im Rahmen des World Design
Capital Frankfurt Rhein Main 2026. Die Architekten
stellen den Salon dem Verein als temporären Kulturraum
zur Verfügung. Dieser ist seither der Hauptsitz des
Vereins.
Ein experimentelles
Pop-up-Format
entsteht gerade unter diesem Titel, das Vergangenheit
und Zukunft miteinander verknüpft: Renovierung und
Erhaltung mit allen Materialien statt Abriss und Neubau.
Das ist vorbildliches Verhalten. Die Gestaltung und
das Design sollen auf die Zwecke der Kultur und nicht
des Kommerzes ausgerichtet sein, wobei eine Nutzung
angestrebt wird, die dem Gemeinwohl dient. Langfristig
soll der Salon als offenes, demokratisches
Stadtteil-Kulturzentrum etabliert und erhalten bleiben.
Ein vielseitiges Programm aus Veranstaltungen und
Workshops, darunter Lesungen und Performances, ist
geplant. Kunstausstellungen, Stadtführungen zur
Stadtentwicklung in Rödelheim, Wohnprojekte, Bauen im
Bestand, Natur und Stadt sowie
Druckgrafik-Demonstrationen wie Siebdruck und Monotypie.
Das Angebot umfasst auch DIY- und Upcycling-Workshops
sowie öffentliche Besichtigungen des einzigartigen
Interieurs. Es sind Diskussionsabende zu den Themen
Bauen im Bestand, demokratische Wohnformen und
Stadtentwicklung vorgesehen.
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Mehr als nur ein Gebetsraum mit
ungewöhnlichem Lampendesign. Hinter dem
sombreroartigen, runden Gebilde an der Wand
verbirgt sich ein künstlerisch gestalteter
Lampenschirm. Eine altertümliche Standuhr mit
Pendel und dunklem Holzkasten steht an der Wand.
Das elektrische Licht funktioniert wenigstens,
wie an der Decke unschwer erkennbar ist. Auch
eine Art Dachfenster, das zur Zeit verschlossen
ist, zeigt sich am oberen Rand. Unterschiedliche
Gruppierungen haben diese Räumlichkeiten im
Parterre schon genutzt. Darunter war ein Logopäde,
der seine sprachlich intendierten Untersuchungen
zum Thema Redefluss, Sprachschatz und
Sprechkunst an andere vermittelte. Eine
organisierte Frauengruppe nahm sich die Räume
für ihre Zwecke vor. Zahlreiche
Literaturveranstaltungen fanden statt, darunter
eine ehemalige Bachmann-Preisträgerin, die mit
literarisch Interessierten vor Ort den Salon als
ihr kulturelles zu Hause entdeckte. |
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Salon Schlitz Retro Design for
Future ist ein Ort der Zwischennutzung mit nachhaltiger
Ausrichtung – ein pulsierender Treffpunkt für Kunst,
Design, Austausch und gemeinschaftliche
Quartiersgestaltung. Das Ziel ist es, den historischen
Salon als kulturellen Raum zu bewahren und zugänglich zu
machen. Viele Läden in der Umgebung waren wie andernorts
auch von Schließung betroffen, andere Geschäfte eröffnen
neu. Am oberen Ende der Straße ist ein kleines, neu
eingerichtetes, asiatisches Café. Bedauerlicherweise hat
ein alteingesessener Bäckereibetrieb zur Herstellung von
Auslieferungsware an andere Läden aus der Umgebung dicht
gemacht, ist umgezogen, um zur Großbäckerei zu
expandieren. Seither sind frische Brotwaren, auch zu den
unpassenden Uhrzeiten, zur Mangelware in diesem Teil Rödelheims geworden. Doch das sind absehbare
Veränderungen, die sich durch Erneuerung und mögliche Startups
leicht beheben lassen. In manchen Wohnhäusern sind die
Mieten aufgrund eines Besitzerwechsels plötzlich um das
Dreifache gestiegen. Das zeigt, die Preise steigen auch
in diesem Stadtgebiet von Frankfurt und passen sich an das
innerstädtische und teure Niveau an. R.M.
Das Salon Schlitz Retro Design for Future verknüpft die
Geschichte des Designs mit der zeitgenössischen Kultur
und demonstriert anschaulich, wie ein Ort aus der
Vergangenheit zu einem Raum für die Zukunft werden kann.
Eröffnung am 24.4. ab 19.30 im Salon Schlitz am alten
See 6, 60489 Ffm.-Rödelheim, mit Besichtigung,
Projektvorstellung, Bar und Live: Elekro Sound Poetry.
Eintritt frei.
www.kulturnetz-Frankfurt.de