Ein Rödelheimer Projekt wird Teil der Welt Design Hauptstadt 2026

Über mehrere Jahre hatte der Friseursalon Schlitz in Frankfurt Rödelheim geschlossen. Zwei Architekten, die zugleich die Eigentümer sind, haben das Haus übernommen und wollen umfangreich sanieren. Ziel ist unter anderem die Bewohnbarkeit der Wohnung im 1.Obergschoss zu gewährleisten. Doch bis es soweit ist, bleibt viel zu tun. Es besteht Nachholbedarf. Die Räume im Parterre, in denen sich der Salon und Nebenräume befinden, sind nur im Sommer nutzbar, da keine funktionstüchtige Heizung installiert ist. Das ist bedauerlich. Eine alte verbaute Gastherme ist defekt und nicht mehr brauchbar. Eine Wärmepumpe einbauen, um die notwendige Wärme im Winter zu haben, wurde noch nicht entschieden, ist natürlich eine Kostenfrage.

 

 

 

Eingangstheke, jetzt Büchertheke, im Salon Schlitz am 21. April, vormittags, anlässlich einer Presseveranstaltung zur Eröffnung am 24. April ab 19:30 Uhr, Foto (c) Kulturexpress

Die frühere Inhaberin des Geschäftes und zugleich Namengeberin, Frau Schlitz, ist schon vor mehreren Jahren verstorben. Der Laden lebt von seiner Geschichte als lokaler Treffpunkt in Rödelheim und natürlich als Friseur, der er mal war. Hinter der Ladentheke war die Inhaberin bis zum Schluss tätig. Das Geschäft war ihr Lebenswerk. Seit sie nicht mehr da ist, herrscht Stillstand im Haus. Doch die Räumlichkeiten und das Interieur sind weitgehend erhalten und intakt geblieben. Der Charme des Retrolook breitet sich mittlerweile aus und fordert seine Attribute. Gestaltungselemente der 1970er Jahre bestimmen das Bild. Ein paar große Plastikblumen und ebensolche Bäume in runden Töpfen geben dem Ambiente die gewünschte Haute Culture.

 

 

Ein altes Wandtelefon mit Drehscheibe erzeugt nostalgische Erinnerungen. Das Gerät wurde von mir nicht auf Funktion geprüft. Genauso die im Hintergrund befindliche farbige Tapete in Violett, Lila und Orangetönen, die in ihrer Farbigkeit stark an das Pop-Design der 1970er Jahre erinnert. WC und Toilette befinden sich wie oft bei alten Häusern im Treppenhaus, weiter oben, eine Treppe höher auf Höhe des Zwischenpodests hinter einer schmalen Tür.

 

Die Architekten planen eine Lüftungsanlage, um den großen Hinterraum mit sechs Trockenhauben an der Wand besser zu durchlüften. Bisher lässt sich nur das Fenster zum Hof öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Der langgestreckte Raum misst etwa 30 Quadratmeter. Über der Zimmerdecke ist ein Außendach, obwohl der Raum im Parterre liegt, so dass die Möglichkeit bestünde, Oberlichter einzubauen, die sich gegebenenfalls Öffnen und Schließen lassen. Eine Lüftungsanlage könnte mit einem energiesparenden Wärmetauscher verknüpft werden, das spart Kosten, was letztlich von der Kalkulation des Ganzen abhängt. Ist eben Altbau. Deckenhöhe 3,50 Meter, das ist Altbaustandard. Über einer abgehängten Decke verbirgt sich eine Deckenheizung, die bei voller Auslastung oftmals nicht das gewünschte Ergebnis brachte, die Räume vollständig aufzuheizen. Fußbodenheizung einsetzen ist dagegen ungeeignet, da Boden und Decke aus Holzbalken, Lamellen in Anordnung, Lehm und Stroh in den Zwischenräumen zusammengesetzt ist, von einer stabilen Kellerdecke mal abgesehen. Decken und Wände sind überdies reparaturbedürftig, an ihnen nagt schon der Verfall. Es gilt an manchen Stellen, zu retten, was zu retten ist. Eine Alternative wäre gewesen, das Haus von Grund auf erneuern. Entkernen und völlig neue Räume entstehen lassen, am besten gleich an solvente Käufer und Investoren abgeben. Doch die Entscheidung der Eigentümer fiel zu Gunsten der Erhaltung im Retrolook aus, eines interdisziplinären Treffpunkts aus allen Richtungen um Workshops und Kulturveranstaltungen hauptsächlich zum Thema Literatur und Poesie zu inszenieren. Auch die alten Bodenfliesen, schöne Keramik-Kacheln im Parterre sind flächendeckend erhalten geblieben. Sie durchziehen im quadratischen Raster sämtliche Räumlichkeiten sowohl im vorderen als auch den hinteren Geschäftsbereich. Auch sie zählen in hellem Karamellfarbton zum erhalten gebliebenen Retro-Design des Salons.

 

Die vorderen Geschäftsräume sind von der Straße aus einsehbar. Ein Schaufenster deutet an, dass hier einmal ein Friseursalon war. Der Name 'Salon Schlitz' steht in großen Lettern noch heute über dem Fenstersturz geschrieben und lädt nach wie vor zu sich ein. Eine altmodische Leuchtreklame von Wella als Relikt der Vergangenheit ist noch an der Hauswand befestigt. Doch auch sie sorgt für den Flair des Kleinstädtischen, was Rödelheim ja nicht mehr ist, da seit 1910 in Frankfurt eingemeindet. Das Wohnhaus mit Hinterhof in dem sich der Friseursalon befindet, verfügt über eine Besonderheit, es steht spiegelbildlich zum Nachbarhaus, gleicher Eingang, gleicher Hof und gleiches Hinterhaus. Nur der kleine Laden fehlt am Nachbarhaus oder wurde bereits neu verputzt.

 

   

 

 

 

Frankfurt-Rödelheim: der Friseursalon Schlitz ist nahezu vollständig im Originalzustand der 1970er Jahre erhalten. Von der Theke über die typischen Teleskop-Wandtrockenhauben bis zu Waschbecken, Tapeten, Möbeln und originalen Werbeartikeln wie dem Wella-Friseur-Aschenbecher – dieser Ort ist ein authentisches Design-Kleinod mit einer einzigartigen Atmosphäre.

Retro-Look wiederum beschreibt einen Stil, der aktuelle Mode, Wohnen oder Fotografie an Designs vergangener Jahrzehnte vor allem des 20. Jahrhunderts anlehnt, ohne echte Vintage-Stücke zu sein. Er zeichnet sich durch nostalgische Ästhetik, typische Farben, Muster und klassische Schnitte aus, die modernen Komfort mit Vintage-Flair verbinden. Der Retro-Begriff steht jedoch im Gegensatz zu Vintage für neu produzierte Waren, die "rückwärts" gewandt gestaltet sind. Vintage dagegen steht für die Originale aus der Epoche.

 

 

Im Salon Schlitz handelt es sich genaugenommen also nicht um Retroware sondern um echten Vintage. Die meisten Stücke und die Einrichtung sind im Originalzustand erhalten. Das Zusammenspiel zwischen Theke, Wandschmuck, Deckenbeleuchtung und Stühlen, in denen Kunden vor allem dann Kundinnen Platz nahmen, um sich frisieren zu lassen, zeugen von schlichtem Design. Der Farbton des Stuhlpolsters ist ausgefallen, ein dunkles Rot vielleicht wie Traubenrot. Diese Farbe tendiert zu einem leicht kühlen Rot, das Eleganz und Tiefe vermittelt. Auch von Patina kann die Rede sein, die sich wie ein Film auf Gegenstände und Gegebenheiten gelegt hat. Bei näherer Betrachtung scheinen die Gegenstände leicht ermattet zu sein, aber sie sind intakt und im täglichen Gebrauch weiterhin nutzbar. Die beiden erhaltenen Frisierspiegel wurden oberflächlich behandelt. Auf die Spiegelfläche wurde ein weißer Stift gesetzt, um diese im Stil von Keith Hearing oder wie A.R.Penck zu bemalen vielleicht auch beschriftet, je nach dem wer interpretiert. Die Künstlerin nutzte überwiegend Tiermotive für ihre Bemalung, die wie Fabelwesen erscheinen, begleitet von Cumulus artigen Wolkenformationen mit hohen Masten, die wie ein Vorhang in eine paradiesische Welt sind.

 

Salon Schlitz Retro Design for Future ist ein Projekt des Kulturnetz Frankfurt e.V. im Rahmen des World Design Capital Frankfurt Rhein Main 2026. Die Architekten stellen den Salon dem Verein als temporären Kulturraum zur Verfügung. Dieser ist seither der Hauptsitz des Vereins.

 

Ein experimentelles Pop-up-Format entsteht gerade unter diesem Titel, das Vergangenheit und Zukunft miteinander verknüpft: Renovierung und Erhaltung mit allen Materialien statt Abriss und Neubau. Das ist vorbildliches Verhalten. Die Gestaltung und das Design sollen auf die Zwecke der Kultur und nicht des Kommerzes ausgerichtet sein, wobei eine Nutzung angestrebt wird, die dem Gemeinwohl dient. Langfristig soll der Salon als offenes, demokratisches Stadtteil-Kulturzentrum etabliert und erhalten bleiben.

Ein vielseitiges Programm aus Veranstaltungen und Workshops, darunter Lesungen und Performances, ist geplant. Kunstausstellungen, Stadtführungen zur Stadtentwicklung in Rödelheim, Wohnprojekte, Bauen im Bestand, Natur und Stadt sowie Druckgrafik-Demonstrationen wie Siebdruck und Monotypie. Das Angebot umfasst auch DIY- und Upcycling-Workshops sowie öffentliche Besichtigungen des einzigartigen Interieurs. Es sind Diskussionsabende zu den Themen Bauen im Bestand, demokratische Wohnformen und Stadtentwicklung vorgesehen.

 

 

Mehr als nur ein Gebetsraum mit ungewöhnlichem Lampendesign. Hinter dem sombreroartigen, runden Gebilde an der Wand verbirgt sich ein künstlerisch gestalteter Lampenschirm. Eine altertümliche Standuhr mit Pendel und dunklem Holzkasten steht an der Wand. Das elektrische Licht funktioniert wenigstens, wie an der Decke unschwer erkennbar ist. Auch eine Art Dachfenster, das zur Zeit verschlossen ist, zeigt sich am oberen Rand. Unterschiedliche Gruppierungen haben diese Räumlichkeiten im Parterre schon genutzt. Darunter war ein Logopäde, der seine sprachlich intendierten Untersuchungen zum Thema Redefluss, Sprachschatz und Sprechkunst an andere vermittelte. Eine organisierte Frauengruppe nahm sich die Räume für ihre Zwecke vor. Zahlreiche Literaturveranstaltungen fanden statt, darunter eine ehemalige Bachmann-Preisträgerin, die mit literarisch Interessierten vor Ort den Salon als ihr kulturelles zu Hause entdeckte.

 

 

   

Salon Schlitz Retro Design for Future ist ein Ort der Zwischennutzung mit nachhaltiger Ausrichtung – ein pulsierender Treffpunkt für Kunst, Design, Austausch und gemeinschaftliche Quartiersgestaltung. Das Ziel ist es, den historischen Salon als kulturellen Raum zu bewahren und zugänglich zu machen. Viele Läden in der Umgebung waren wie andernorts auch von Schließung betroffen, andere Geschäfte eröffnen neu. Am oberen Ende der Straße ist ein kleines, neu eingerichtetes, asiatisches Café. Bedauerlicherweise hat ein alteingesessener Bäckereibetrieb zur Herstellung von Auslieferungsware an andere Läden aus der Umgebung dicht gemacht, ist umgezogen, um zur Großbäckerei zu expandieren. Seither sind frische Brotwaren, auch zu den unpassenden Uhrzeiten, zur Mangelware in diesem Teil Rödelheims geworden. Doch das sind absehbare Veränderungen, die sich durch Erneuerung und mögliche Startups leicht beheben lassen. In manchen Wohnhäusern sind die Mieten aufgrund eines Besitzerwechsels plötzlich um das Dreifache gestiegen. Das zeigt, die Preise steigen auch in diesem Stadtgebiet von Frankfurt und passen sich an das innerstädtische und teure Niveau an. R.M.

Das Salon Schlitz Retro Design for Future verknüpft die Geschichte des Designs mit der zeitgenössischen Kultur und demonstriert anschaulich, wie ein Ort aus der Vergangenheit zu einem Raum für die Zukunft werden kann.

Eröffnung am 24.4. ab 19.30 im Salon Schlitz am alten See 6, 60489 Ffm.-Rödelheim,  mit Besichtigung, Projektvorstellung, Bar und Live: Elekro Sound Poetry. Eintritt frei.

 www.kulturnetz-Frankfurt.de

 

 

   

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 21. April 2026