Die AfD Sachsen-Anhalt kündigt für den Fall einer
Regierungsübernahme eine „neue patriotische
Kulturpolitik“ an. Die Kulturstiftungen und weitere
Kulturinstitutionen des Landes sehen darin den Versuch,
historisches Erinnern, Kunst und kulturelle Vielfalt an
nationalistischen Leitbildern und Identitätsvorgaben
auszurichten. Sie warnen vor einer Entwicklung, die die
Freiheit der Kunst, die Offenheit kultureller
Institutionen und die demokratisch verankerte
Erinnerungskultur grundlegend in Frage stellt.
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Foto (c) Kulturexpress |
Das am Wochenende verabschiedete
„Regierungsprogramm“ kündigt u.a. eine „patriotische
Wende“ in der Kulturpolitik an. Es verschiebt den
Kulturbegriff grundlegend: Kultur wird nicht mehr als
offener, pluraler Raum verstanden, sondern verengt sich
deutlich. Sie wird Instrument zur Herstellung einer
parteipolitisch definierten kollektiven Identität.
Kultur erscheint in diesem Fall als Ausdruck einer
ethnisch homogenen Volksgemeinschaft, deren angebliche
„Identitätsstörung“ durch eine „selbstbewusste deutsche
Identität“ überwunden werden soll. In dieser Ausrichtung
treten Elemente einer völkisch-nationalistischen
Kulturauffassung deutlich hervor.
Die kulturpolitischen Aussagen des Programms reichen
weit über den eigentlichen Kulturbereich hinaus und
betreffen auch zentrale Felder wie Bildungs-,
Wissenschafts- Integrations- und Religionspolitik. In
den einleitenden Passagen des Kulturteils wird die
bestehende Erinnerungskultur als „Verewigung eines
Schuldkomplexes“ beschrieben, der die „Möglichkeiten
einer stabilen nationalen Identitätsbildung verbaut“
habe. Zur „Heilung“ dieser „Identitätsstörung“ wird eine
stärkere Fokussierung auf die „guten Seiten der
deutschen Geschichte“ gefordert. Damit verschiebt sich
der Fokus von einer differenzierten, auf
wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden
Erinnerungskultur hin zu einer selektiven
Geschichtsdarstellung, in der die deutsche
NS-Vergangenheit systematisch geschönt wird.
Auch im Umgang mit der künstlerischen Moderne zeigt sich
eine deutliche Abgrenzung. Das Bauhaus wird als Ausdruck
von „Identitätslosigkeit“ dargestellt; dem wird eine „#deutschdenken“-Kampagne
entgegengesetzt. In Verbindung mit Vorgaben für eine an
„Bautradition“ orientierte Architektur entsteht ein
normatives Kulturverständnis, das moderne Strömungen
delegitimiert und durch staatliche Leitbilder ersetzt.
Im Bereich der bildenden und darstellenden Kunst wird
staatliche Förderung an die „kulturelle Identität“
gebunden; insbesondere Theater sollen stärker „deutsche
Stücke“ berücksichtigen. Damit wird ein inhaltlicher
Steuerungsanspruch gegenüber Kulturinstitutionen
formuliert.
Diese Tendenzen setzen sich fort: Kulturförderung soll
an nationale Identitätsbildung gekoppelt, als
„antideutsch“ geltende Kunst ausgeschlossen und
kulturelle Bildung auf „kulturelle Identität“
ausgerichtet werden. Selbst von Vereinen, die eine
Landesförderung beantragen, wird dann zukünftig ein
„glaubhaftes Bekenntnis“ zu einer „patriotischen
Grundhaltung“ erwartet. Das Kulturkonzept der AfD
verdrängt, wie wichtig vielfältige Impulse für eine
lebendige Kultur sind. Diese legen den Grundstein für
gesellschaftliche Entwicklungen und Erneuerungsprozesse.
Das Verhältnis zu den beiden großen Kirchen als Trägern
kulturellen Lebens ist widersprüchlich: Einerseits
gelten sie als identitätsstiftend, andererseits wird
ihnen „Regenbogenideologie“ vorgeworfen.
Förderentscheidungen werden auch hier an politische
Konformität geknüpft.
Insgesamt folgt diese Programmatik einem klar
erkennbaren Muster: Erinnerung wird selektiv umgedeutet,
Kunst normiert, Institutionen ab- und umgebaut und
Förderung politisch instrumentalisiert. Darüber hinaus
wird Sachsen-Anhalt als „Musterland der Kulturpolitik“
positioniert, das eine „Strahlwirkung auf andere
Bundesländer“ entfalten soll. Das Programm benennt die
kulturpolitische Entwicklung Ungarns unter dem
abgewählten Ministerpräsidenten Viktor Orbán als
„Vorbild und Inspiration“. Damit orientiert sich die AfD
Sachsen-Anhalt an einem Modell, das auf eine enge
Verknüpfung von Staat, Kultur und nationaler Identität
sowie die politische Einflussnahme auf
Kulturinstitutionen und die Einschränkung von Vielfalt
und Meinungsfreiheit zielt.
Das Land Sachsen-Anhalt wurde 1990 gegründet. Dabei
wurden Regionen unterschiedlicher kultureller und
historischer Identität zusammengefasst. Seine
Landesidentität definiert sich wesentlich über
verbindende historische Ereignisse und das gemeinsame
künstlerische und kulturelle Erbe. Sachsen-Anhalt steht
mit dem Wirken des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz
von Anhalt-Dessau in Wörlitz am Beginn der Aufklärung.
Freiheit und Toleranz sind in Sachsen-Anhalt gelebte
Grundwerte. Es ist ein Kulturland ersten Ranges, mit
einer der höchsten Dichten an bedeutenden Denkmalen in
Mitteleuropa. Dem Schutz und Erhalt dieses verbindenden
Erbes haben sich die unterzeichnenden
Kulturinstitutionen auf Grundlage der freiheitlichen
demokratischen Grundordnung, der im Grundgesetz
verankerten Ideale von Toleranz und Vielfalt und der
Wissenschafts- und Kunstfreiheit verschrieben. Ein
Angriff auf Kunst, Kultur und Geschichte, ihre
ideologische Instrumentalisierung, treffen die
Bürgerinnen und Bürger des Landes im Kern ihrer
Identität.
Die Unterzeichnenden halten dem entgegen: Kulturpolitik
darf nicht zur nationalistischen Instrumentalisierung
von Geschichte und Kultur missbraucht werden. Die
Freiheit der Kunst, die Vielfalt kultureller
Ausdrucksformen und eine an demokratischen Werten
orientierte Erinnerungskultur bleiben unverzichtbar.
Ihre entschlossene Wahrung sichert nicht nur die vitale
und vielfältige Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt,
sondern stärkt zugleich gesellschaftlichen Zusammenhalt,
Pluralität sowie die Grundlagen unseres demokratischen
Gemeinwesens.
Meldung: Stiftung Bauhaus Dessau, Dessau-Roßlau