Worin diese räumlichen Regulierungspraktiken von
Architektur und Städtebau bestehen, ist das Betreiben
und Verwalten einer Lagerung der verstädterten Welt. Man
hat es hier in Bezug auf Francois Dragonet (1977) mit
einer „Wissenschaft des Lagerns" zu tun. Womit die
Topologie der Orte und der Tätigkeiten gemeint ist, die
sich zur Stadt vereinigen. Das Kernmerkmal des
Verlagerns von Stadt liegt in der Macht des Verortens.
Christopher Dell (2025) bezeichnet dieses Phänomen als „Topomacht"
, was aus einem Ensemble politischer‚ kultureller und
ökonomischer Kräfte besteht, die städtischen Raum
normalisieren, indem sie ihn mit Grenzziehungen
durchschneiden. Doch diese Teilung der Stadt in
verschiedene Bereiche kann niemals auf Dauer gelten,
schließlich gilt immer noch die Devise „Stadtluft macht
frei". Mit anderen Worten, es wird notwendig sein, die
Stadt lesbar zu machen. Die Lesbarkeit ist eine
Forderung, die seit dem 19. Jahrhundert aufkam, nachdem
sich verstärkt Migrationbewegungen auf die Städte zu
bewegten und Stadtbilder durch lange Fluchten und
Achsenbildung organisierte Straßenzüge veränderten.
Hinter den Grenzziehungen steht die Bedeutung der
Parzellierung des städtischen Territoriums vor allem zu
Zeiten großer Epidemien. Hinsichtlich des Regierens ist
Parzellierung, weil sie erlaubt, ein Territorium in
Raumpartikel zu gliedern und zu regulieren. Parzellen
sind somit städtische Ein- oder Ausschließungsmilieus.
Schon in diesem Zusammenhang finden Haussmanns
Achsenziehungen in Paris des 19. Jahrhunderts Erwähnung.
Der Berliner Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné
(1789–1866) prägte Berlin und Potsdam nachhaltig mit
seiner Gartenkunst. Lenné nahm die Rolle des
Gartendirektors ein und wurde später General-Director
der königlich-preußischen Gärten. Er wollte die Stadt
Berlin und Potsdam in eine einheitliche Parklandschaft
umgestalten. Er verwandelte den Großen Tiergarten,
kreierte die Sichtachsen im Park von Schloss Glienicke
und hatte Einfluss auf die Gestaltung der Pfaueninsel
und des Parks Sanssouci. Die Wirksamkeit einer Stadt
nach einem organisierten Fluchtlinienplan, wie er im
Bebauungsplan nach James Hobrecht (1825 -1902)
vorgesehen war, erreichte Lenné mit seinem
Gestaltungswillen für die Umgebung Berlins nicht ohne
weiteres. Erst der 1862 in Kraft getretene Hobrecht-Plan
legte als Fluchtlinienplan die Anordnung von Ring- und
Ausfallstraßen sowie die Bebauung in den Städten Berlin
und Charlottenburg und in weiteren umliegenden Gemeinden
fest. Meiner Ansicht bewegt sich auch Frankfurt am Main
in diese Richtung. Ein Ansatz bildet das innerstädtisch
gelegene Europa Viertel und seiner nach ihr benannten
Allee, die bestimmt auch nach städtebaulichem Vorbild in
Berlin entworfen wurde, um dem sonst eher verwinkelten
Aussehen im Stadtbild ein neues großstädtisches Gepräge
durch weiträumige Achsenbildung aufzuerlegen.
Foucaults Thesen zur Gouvernementalität basieren
auf dem Beispiel der Stadt. Foucault lässt jedoch die
Untersuchung der Rolle aus, die die Stadt selbst im
Bereich des Regierens spielt. Raumtheoretisch wurde
oftmals nicht beachtet, dass Foucaults Seminare zur
Gouvernementalität die Stadt selbst als konkreten Ausgangspunkt
haben. Die von Foucault beschriebenen Praktiken und
die politische Auseinandersetzung zwischen gewaltsamen
Unterwerfungen und Selbsttechniken artikulieren sich in
der Stadt. Stadt als alltägliche Ebene der Regulation
belegt, dass raumpolitische Fragestellungen mit der Gouvernementalität berührt werden. Die Stadt fungiert
als dynamisches Bindeglied zwischen der Bewahrung und
der Umklammerung von Praktiken. Sie gestaltet in
verschiedener Weise die Form des Regierens, also die Gouvernementalität.
Bei der Einmischung der Biomacht auf
raumpolitischer Ebene in die Lebensweisen der
Bevölkerung ist zu beachten, dass Gouvernementalität die
Subjekte ständig mit Grenzziehungen konfrontiert, die
sich bis ins Stadtinnere hinein verlagern. Das, was
gegenwärtig als Vermischung und Überlagerung von Leben,
Arbeiten und Wohnen formuliert wird, umfasst also einen
Wandel in der Regierungstechnik und Organisation von
direkter Kontrolle hin zu indirekter Steuerung. Diese
Veränderung beruht auf Rekonturierungen der politischen
Praktiken, die den sozialen Raum auf
Arbeitskooperationen beschränken und die
emanzipatorische Figur der „Präsenz des Anderen“ in eine
subtile Form persönlicher Abhängigkeit verschieben.
Biomacht bezeichnet zunächst einen spezifischen,
historisch bedingten Modus der Herrschaft über Körper in
Bezug auf ein Gebiet. Foucault zufolge taucht im 18.
Jahrhundert eine neue Regierungsstrategie auf, die
dadurch gekennzeichnet ist, dass das Recht auf die
Fürsorge für das Leben ausgerichtet wird. Das bedeutet,
das Leben (bios) im Hinblick auf Wert und Nutzen zu
strukturieren. Der politische Raum und die Stadt
strukturieren sich zunehmend um die Arbeit herum als
Ausdruck individueller Leistungsbereitschaft. Die Stadt
ist der Motor und dient der Intensivierung aller
Bereiche des bios.
Heterotopien sind Orte, die sich deutlich von
ihrer Umgebung abgrenzen, sei es durch ihre Funktion wie
Schule, Museum oder Park oder durch ihre Atmosphäre, wie
zum Beispiel Stadtviertel oder ein Campus. Nach Michel
Foucault sind Heterotopien im Städtebau „andere Orte“,
die sich von der normalen städtischen Umgebung abheben
und sie reflektieren, spiegeln oder in Frage stellen.
Christopher Dell stellt fest, das bei Foucault der Begriff der
Heterotopie unterschiedlich in den Texten aufgefasst
ist. Während er in „Andere Räume" (1967) Heterotopie
konkret im städtischen Raum verortet, geschieht dies in
"Die Ordnung der Dinge" (1966), indem er den Begriff als
Repräsentationsraum auffasst, also den Raum, in dem man
Wissen vorstellt oder ihn zur Darstellung bringt.
Repräsentationsräume sind Räume des Wissens, das
bedeutet, sie sind zugleich Räume des sich Ordnens. Dell
verweist darauf, die Rückkehr der Stadt in der Neuzeit
habe besondere historische Bedeutung gehabt. Das weist
auf die Frage des Raumdenkens hin. Foucault erarbeitet
diese Frage zum ersten Mal mit seinem Text „Andere
Räume". Der Text begründet Foucaults Raumtheorie und
markiert den Beginn seiner Auseinandersetzung mit
sozialen Räumen.
Es gibt Orte mit heterotopischen Qualitäten, was jedoch
nicht viel über deren genaue Funktionsweise aussagt. In
den Bereichen Architektur und Städtebau wird der Begriff
der Funktion als eine Nutzung verstanden, die durch
einen Entwurf klar definiert und geplant ist und die mit
der städtebaulichen Nutzungsverordnung übereinstimmen
muss. Funktionsbereiche wie Wohnen, Gewerbe, Verkehr und
Freizeit strukturieren die moderne Stadt.
Die Frage, die in der Regel nicht gestellt wird, lautet,
ob das, was funktional entworfen wird, tatsächlich auch
so funktioniert. Seit den 1980er Jahren wird in der
Raumtheorie diskutiert, wie die Stadt funktioniert und
was deren Nutznießer tatsächlich tun. Inwieweit das, was
funktional entworfen wird, tatsächlich so funktioniert,
ist eine Frage, die normalerweise nicht gestellt wird.
Insbesondere
Michel de Certeaus Werk „Kunst des Handelns“
(1980) behandelt die Thematik des Umfunktionierens und
demonstriert, dass Stadtbewohner oft abweichend von den
Planungen der Stadtplaner agieren. Foucault führt mit
der Heterotopie die Thematik ein, dass an einem
bestimmten Ort das Funktionieren variieren kann. Es sind
die Praktiken, die einen Ort zum Funktionieren bringen.
Je nachdem, in welcher Beziehung ein Ort zueinandersteht
und welchen gesellschaftlichen Konstruktionen er
unterliegt, bringt er unterschiedliche Praktiken hervor.
Christopher Dell (Prof. Dr. habil.) ist Professor
für Architekturtheorie an der Bergen School of
Architecture. Er lehrte zudem als Professor für
Städtebautheorie an der HafenCity Universität Hamburg,
der Technischen Universität München sowie an der
Universität der Künste Berlin. Er ist Leiter des ifit
(Institut für Improvisationstechnologie) in Berlin.
Michel Foucault oder die
Heterotopie
Reihe: Raumdenken heute
Autor: Christopher Dell
transcript Verlag,
Bielefeld
1. Auflage, 2026
264 Seiten, zahlreiche Abb.
ISBN 978-3-8376-7769-0
e-Book (PDF)
erschienen 12/2025
ISBN 978-3-8394-0731-8