Kolumne

BDA - Stellungnahme zur Kommunalwahl in Frankfurt am Main

Über den gebauten Raum vor Ort werden soziale, ökologische und wirtschaftliche Entscheidungen dauerhaft wirksam und beeinflussen den Alltag der Menschen. Der BDA Frankfurt fordert Entscheidungsträger auf, die Potenziale von Architektur und Stadtplanung zu nutzen und so für lebenswerte und zukunftsfähige Kommunen zu sorgen.

 

 

 

Frankfurter Römer, Foto (c) Kulturexpress

Mit der Kommunalwahl wurden die Weichen für die Politik in den Städten und Gemeinden der nächsten Jahre gestellt. Architektur, Städtebau und Stadtentwicklung sind wesentlich für die Gestaltung des Zusammenlebens und der Lebensqualität. Architektur schafft Identität, Orientierung und den Rahmen für wirtschaftliche Entfaltung. Kommunen, die Stadtentwicklung und Architektur lediglich als Vollzugsaufgabe begreifen, verlieren Steuerungsfähigkeit. Kommunen, die Planung und Architektur als politisches Werkzeug einsetzen, schaffen langfristige Qualität, Sicherheit, Vertrauen und fördern so die wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung der Stadt.

Architektur als urbane Verantwortung - Stadt unter Druck


Frankfurt steht unter besonderem Druck. Als wachsende Metropole, Wirtschaftsstandort und Verkehrsknotenpunkt verdichten sich hier die zentralen Herausforderungen der Kommunalpolitik: Wohnraummangel, steigende Baukosten, soziale Spannungen, Klimaanpassung und der Umgang mit einem hoch beanspruchten öffentlichen Raum. Entscheidungen über Bauen und Stadtentwicklung wirken in Frankfurt schneller und sichtbarer als in vielen anderen Städten.


In den vergangenen Jahren ist deutlich geworden, dass diese Herausforderungen nicht durch Einzelmaßnahmen oder kurzfristige Programme zu bewältigen sind. Sie erfordern eine klare städtische Haltung zum gebauten Raum. Architektur ist dabei kein Randthema, sondern Teil urbaner Verantwortung. Über Gebäude, Straßen, Plätze und Quartiere entscheidet sich, wie tragfähig politische Entscheidungen im Alltag werden und ob sie Akzeptanz finden.

Wärmeleitplanung und öffentlicher Raum


Die kommunale Wärmeleitplanung ist in Frankfurt als notwendiges Instrument der Klimaanpassung anerkannt und auf den Weg gebracht. In der bisherigen Umsetzung zeigt sich jedoch, dass sie häufig technisch und sektoral gedacht wird. Leitungsführung, Energiequellen und Zeitpläne stehen im Vordergrund, während die räumlichen Folgen für Straßen, Plätze und Quartiere noch zu wenig mitgedacht werden. Damit droht die Wärmeleitplanung zu einem rein infrastrukturellen Projekt zu werden, das Akzeptanzprobleme erzeugt und Chancen für eine qualitative Aufwertung des öffentlichen Raums ungenutzt lässt.


Wärmeleitplanung und Stadtgestaltung müssen zusammen gedacht und entwickelt werden. Entscheidungen über Trassen, Bauabschnitte und Prioritäten sind zugleich Entscheidungen über Stadtgestalt. Eingriffe in den öffentlichen Raum müssen genutzt werden, um Aufenthaltsqualität, Begrünung, Entsiegelung und Klimaanpassung zu schaffen. Die Ertüchtigung der technischen Infrastruktur sollte gleichzeitig Anlass einer räumlichen Aufwertung werden, statt neue Belastungen zu erzeugen.


Die Wärmeleitplanung greift tief in den öffentlichen Raum ein und verändert Straßen, Plätze und Quartiere. Architektur und Stadtgestaltung müssen integraler Bestandteil dieser Prozesse sein, um Akzeptanz, Aufenthaltsqualität und Klimaanpassung gemeinsam zu sichern.
 

Schulbau öffentliche Inestition

 

Der steigende Bedarf an Schulraum hat in Frankfurt zu pragmatischen Lösungen geführt, insbesondere zur Anmietung externer Gebäude. Diese Praxis hat kurzfristig Entlastung geschaffen, wirft jedoch langfristige Fragen auf. Mietobjekte bieten oft weder die räumliche Qualität noch die bauliche Flexibilität, die Schulen als Lern- und Lebensorte benötigen. Gleichzeitig entstehen hohe Folgekosten, ohne dass dauerhaftes öffentliches Eigentum aufgebaut wird.


In Zukunft ist politisch zu klären, welchen Stellenwert Schulbau in Frankfurt haben soll. Schulen sind prägende Räume für Kinder und Jugendliche und gehören zur zentralen sozialen Infrastruktur der Stadt. Architekturqualität beeinflusst Lernen, Identifikation und Chancengleichheit. Die entscheidende Frage lautet, ob Schulbau weiterhin als kurzfristige Unterbringungsaufgabe behandelt wird oder als langfristige Investition in Bildung, Stadtgesellschaft und kommunale Vermögenswerte.
 

Haus der Demokratie schnell umsetzen

 

Der Wettbewerb zum Haus der Demokratie hat gezeigt, dass Frankfurt diesen Ort von nationaler Bedeutung verantwortungsvoll und mit Kompetenz und Engagement entwickeln will. Das offene Verfahren und die große Beteiligung der Planenden und Bürger*innen waren wichtige erste Schritte. Sie markieren einen politischen und gesellschaftlichen Willen, der Demokratie sichtbar Raum zu geben.


Das Haus der Demokratie ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Prüfstein dafür, wie ernst Frankfurt den demokratischen Diskurs nimmt. Die demokratischen Parteien sind aufgefordert, sich nach der Wahl klar zu diesem Projekt zu bekennen und weiter die Verantwortung für den eingeschlagenen Weg zur Umsetzung zu übernehmen. „Schnell umsetzen“ darf nicht heißen, Komplexität zu reduzieren oder Debatten abzukürzen. Es bedeutet, Menschen einzubinden und mit klarer politischer Verantwortung Entscheidungen zu treffen – auf Basis der bereits geleisteten Arbeit und einem offenen hochbaulichen Realisierungswettbewerb nach RPW – gemäß den Leitlinien der Stadt Frankfurt am Main.
 

Zentrale Stadträume gestalten: Bahnhofsviertel und Bahnhofsvorplatz

 

Das Bahnhofsviertel und der Bahnhofsvorplatz stehen seit Jahren im Fokus öffentlicher Debatten. Sicherheitsfragen, soziale Nutzungskonflikte und städtebauliche Defizite sind bekannt, konkrete räumliche Antworten bleiben jedoch fragmentiert. Maßnahmen konzentrieren sich häufig auf Ordnung und Kontrolle, während gestalterische, bauliche und nutzungsbezogene Strategien in den Hintergrund treten.


Mit der Neuordnung des ÖPNV auf dem Bahnhofsvorplatz und dem Bau des Fernbahntunnels stehen in den kommenden Jahrzehnten im gesamten Bahnhofsumfeld großmaßstäbliche Eingriffe bevor. Das gesamte Quartier wird – bei laufendem Betrieb als lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Verkehrsknoten – fortwährend als Baustelle in Erscheinung treten und durch Baulogistik geprägt sein. Dies stellt die Planung, den Betrieb und nicht zuletzt die Reisenden und die Stadtbevölkerung vor große Herausforderungen.


Für die kommenden Jahre ist entscheidend, ob die Umgestaltung als integrierte stadträumliche Aufgabe oder als rein infrastrukturelle und logistische Maßnahme entwickelt wird. Die anstehenden Maßnahmen bieten erhebliche Chancen, das Wegenetz im und um den Bahnhof sowie die angrenzenden öffentlichen Räume neu zu definieren und aufzuwerten.


Bahnhofsumfeld und Bahnhofsviertel sind sozialer Raum, Verkehrsknotenpunkt und Visitenkarte zugleich. Sie sind Schlüsselräume der Stadt. Ihre Entwicklung prägt die Integration und die städtische Identität. Politisch auszuhandeln – und in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn zu entwickeln – ist, wie funktionale Anforderungen, Aufenthaltsqualitäten, Sicherheit, Nutzungsmischung und soziale Angebote räumlich zusammengeführt werden können. Ohne eine klare gestalterische und städtebauliche Haltung und eine aktive Steuerung der Prozesse drohen Einzelmaßnahmen ohne nachhaltige Wirkung.
 

Verantwortung im Bestand  – Juridicum und Kulturcampus

 

Das „Zukunftslabor Juridicum“ zeigt, wie ein komplexer Entscheidungsprozess um das Weiternutzen und -bauen von Bestandsressourcen modellhaft gestaltet werden kann. In dem Verfahren wird eine große Fachkenntnis gebündelt. Die Expert*innen bestätigen die wesentlichen Erkenntnisse des vorliegenden Gutachtens zur „Technischen Bewertung des Bestandsrohbaus“: Das Juridicum kann unabhängig von der Tiefgarage saniert werden und ist hochflexibel in Bezug auf Geschosshöhen und Tragwerk. Mit Traglasten von bis zu 750 kg/m² ist es für Hochschul-, Gewerbe- und Kulturnutzungen geeignet (zum Vergleich: Wohnungsbau 350 kg/m²).


Es ist kaum nachhaltig, das hochleistungsfähige und wandelbare Juridicum zugunsten eines konventionellen unifunktionalen Wohnungsbaus zu entsorgen. Daher macht es Hoffnung, dass die ABG sich ergebnisoffen in das Verfahren einbringt. Als zukünftige Trägerin verfügt sie über eine umfangreiche Expertise im Bauen und Betreiben von Gebäuden mit sehr unterschiedlichen Nutzungen (Wohnen, Kultur, Bildung usw.). So kann es gelingen, die Vielfalt aller am Kulturcampus angestrebten Funktionen ganzheitlich zu betrachten und wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig und unter Berücksichtigung der Potenziale des Bestands anzuordnen.
 

Satzungen und Verordnungen gezielt novellieren

 

Die Novelle der Hessischen Bauordnung hat neue Spielräume eröffnet, insbesondere im Hinblick auf Vereinfachung und Flexibilisierung. In Frankfurt zeigt sich jedoch, dass kommunale Satzungen diese Spielräume teilweise wieder einschränken. Dies hat nachvollziehbare Gründe im Bereich der Qualitätssicherung, führt aber zugleich zu neuer Komplexität.


Die politische Aufgabe besteht darin, die vorliegenden Instrumente zu synchronisieren. Zu klären ist, wo Satzungen notwendig sind, um städtische Ziele zu sichern, und wo sie Bürokratie verstärken und Investitionen hemmen. Die Abwägung zwischen Vereinfachung und Differenzierung ist kein technisches Thema. Sie erfordert politische Entscheidungen über Handlungsfähigkeit und Qualität. Frankfurt muss die vorliegenden Instrumente daher gezielt weiterentwickeln, um Verfahren zu vereinfachen, ohne dabei die Baukultur und wertvolle städtische Schutz- und Gestaltungsziele zu gefährden.
 

Städtebaurat und Gestaltungsrat als strategische Instrumente


Der Städtebaubeirat ist in Frankfurt etabliert und als interdisziplinär aufgestelltes Beratungsgremium aus lokalen Planer*innen in städtebauliche Entwicklungsprozesse eingebunden. Der vertraulich arbeitende Beirat wird dann besonders wirkungsvoll, wenn er seitens der planenden Dezernate und Ämter frühzeitig eingebunden wird, um Planungen fachlich zu spiegeln und kritisch zu hinterfragen. Er sollte daher noch stärker als strategisches Instrument genutzt werden. Die zentrale Frage lautet, wie fachliche Beratung und politische Verantwortung produktiv zusammenwirken können, ohne Entscheidungsprozesse zu verlängern.


Die Stadt Frankfurt hat aktuell keinen Gestaltungsbeirat und verzichtet damit auf ein in anderen Städten erfolgreich etabliertes Instrument. Die Einführung eines Gestaltungsbeirats sollte erneut politisch geprüft werden. Er begutachtet als unabhängiges, externes Sachverständigengremium konkrete, in Planung befindliche Bauvorhaben von städtebaulicher Bedeutung in ihrer Auswirkung auf Baukultur, Stadtgestalt und Stadtstruktur. Er gibt durch fachlich kompetente Empfehlungen eine Entscheidungsgrundlage für politische Institutionen und für die Verwaltung. Damit werden Politik und Verwaltung Möglichkeiten der Steuerung eröffnet und die Baukultur in der Stadt weiter gestärkt.
 

Peter D. Rodriguez und Marius Mersinger
für den BDA Frankfurt

 

 

   

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 19. März 2026