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Die Schrift auf
den Genen und das Stromnetz des
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Für die Entdeckung der genomischen Prägung werden die
Entwicklungsbiologen Davor Solter und Azim Surani am 14.
März in der Frankfurter Paulskirche mit dem mit 120.000
Euro dotierten Paul Ehrlich- und Ludwig
Darmstaedter-Preis 2026 ausgezeichnet. Sie haben
entdeckt, dass wir manche Gene nur in einer aktiven
Kopie erben. Ob das die mütterliche oder die väterliche
Kopie ist, legt eine molekulare Aufschrift fest. Mit
dieser Entdeckung begründeten die Preisträger die
Epigenetik. Den Nachwuchspreis erhält der Neurologe
Varun Venkataramani. Er hat entdeckt, dass bösartige
Gehirntumore ihr Wachstum beschleunigen, indem sie
Nervenstrom abzapfen. So wurde er zum Mitbegründer der
Krebs-Neurowissenschaft.
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Frankfurter Paulskirche, Foto
(c) Kulturexpress |
Eine alte Grundregel der Genetik lautete: Jede unserer
Körperzellen enthält zwei aktive Kopien desselben Gens.
Davor Solter und Azim Surani setzten diese Grundregel
1984 außer Kraft. Sie wiesen nach, dass manche Gene nur
in einer aktiven Kopie vererbt werden – entweder die
mütterliche oder die väterliche Kopie ist dauerhaft
stillgelegt. Dieser Nachweis gelang ihnen, indem sie
zeitgleich und unabhängig voneinander eine Technik der
Transplantation von Zellkernen anwandten, die Solter
entwickelt hatte. Damit zeigten beide, dass
Mäuseembryonen mit ausschließlich mütterlichem oder
väterlichem Erbgut nicht überlebensfähig waren. Das aber
hätte gemäß der geltenden Grundregel der Fall sein
müssen. Säugetiere, zu denen wir Menschen gehören, sind
also auf die vollständige Erbinformation beider Eltern
angewiesen. Das unterscheidet sie von Tierarten, die
ihren Nachwuchs auch durch Jungfernzeugung aus
unbefruchteten Eizellen heranreifen lassen können. Der
Grund: Von den beiden Kopien jedes Gens, die von Mutter
und Vater beigesteuert werden, sind manche einseitig
durch eine epigenetische Aufschrift in Form kleiner
Moleküle auf ihrer Oberfläche abgeschaltet. Surani
nannte dieses Phänomen genomische Prägung. „Diese
Entdeckung war ein Wendepunkt der modernen Genetik“,
erklärt der Vorsitzende des Stiftungsrates, Prof. Thomas
Boehm. „Sie zeigte, dass unser Phänotyp nicht allein von
unserem Genotyp bestimmt wird, sondern auch von
epigenetischen Zeichen geprägt ist.“
Die genomische Prägung ist für eine gesunde
Embryonalentwicklung erforderlich, weil sie das Ringen
um begrenzte Ressourcen zwischen der Mutter und dem in
ihr heranwachsenden Kind ausbalanciert. Die medizinische
Bedeutung der genomischen Prägung geht weit über die
Embryologie hinaus. Wir wissen heute, dass rund ein
Prozent unserer Gene genomisch geprägt ist. Diese Gene
sind in Signalkaskaden eingebunden, die auch im
erwachsenen Organismus über Gesundheit oder Krankheit
entscheiden. Die Entdeckung der genomischen Prägung
eröffnete das Forschungsfeld der modernen Epigenetik,
auf dem molekulare Vorgänge erkundet werden, die die
Expression von Genen unabhängig von Veränderungen in
deren Sequenz beeinflussen. Epigenetische Veränderungen
spielen zum Beispiel bei Krebs eine Rolle – eine
Erkenntnis, die bereits zur Entwicklung entsprechender
Medikamente geführt hat.
Gehirntumore entstehen nicht aus Nervenzellen. Denn
diese können sich – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr
teilen. Die meisten Gehirntumore sind Gliome: Sie
entspringen aus Gliazellen, die die Nervenzellen
normalerweise stützen und ernähren. Varun Venkataramani
hat entdeckt, dass Gliome Synapsen mit Nervenzellen des
Gehirns bilden. Dadurch greifen sie elektrische Impulse
ab, die ihre Teilung fördern und ihre Ausbreitung
beschleunigen. Zusammen mit seinen Mentoren validierte
und vertiefte er diese gänzlich unerwartete Beobachtung
im Lauf der vergangenen zehn Jahre. So wurde er zum
Mitbegründer des Forschungsgebietes „Cancer Neuroscience“
– und zum Türöffner einer neuen Therapieoption:
Gehirntumore vom Stromnetz zu nehmen, um ihr Wachstum zu
stoppen. Diese Option wird bereits in einer klinischen
Prüfung der Phase II an Patienten erprobt.
Paul Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis 2026
https://tinygu.de/csQDp
Davor Solter, Jahrgang 1941, ist emeritierter
Direktor des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie und
Epigenetik in Freiburg. Er hatte Gastprofessuren in
Singapur und Bangkok inne und lebt heute im Bundesstaat
der Maine der USA.
Azim Surani, Jahrgang 1945, ist Professor an der
Universität von Cambridge in England und fungiert dort
am Gurdon-Institut als Direktor für Keimbahn- und
Epigenetikforschung.
https://www.gurdon.cam.ac.uk/people/azim-surani/
Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis
2026
https://tinygu.de/EIvyl
Varun Venkataramani, Jahrgang 1989, ist Neurologe
am Universitätsklinikum Heidelberg und leitet eine
Forschungsgruppe an der Medizinischen Fakultät der
Universität Heidelberg.
https://venkataramani-lab.com/
Am 14. März 2026 um 17 Uhr werden in der
Frankfurter Paulskirche die diesjährigen Paul Ehrlich-
und Ludwig Darmstaedter-Preise verliehen.
Meldung:
Paul Ehrlich-Stiftung, Frankfurt
am Main
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