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Emanzipation
und
Verfolgung
Besuch im
jüdischen
Rothenburg |
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Mal wieder
nach
Rothenburg
ob der
Tauber. Mal
wieder,
jetzt im
späten
Winter,
einen Gang
durch diese
Gassen,
einen Gang
durch Raum
und Zeit.
Jetzt ist
hier noch
alles recht
ruhig – der
Blick hat
Zeit, zu
verweilen.
Von der
Stadtmauer
aus
betrachtet,
öffnet sich
die Sicht
auf das
Taubertal
wie eine
gemalte
Landschaft
der
Romantik.
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Diesmal sind
wir hier, um
insbesondere
die jüdische
Geschichte
der Stadt zu
entdecken,
der Stadt,
deren Name
bis heute in
der Welt
Klang hat.
„Die Stadt
als Ganzes
ist
Denkmal“,
hat der
Kunsthistoriker
Georg Dehio
schon im
Jahr 1908
über
Rothenburg
geschrieben.
Rothenburg,
das sei
schlichtweg
die
„Lieblingsstadt
der Welt“,
so drückte
es Herbert
Schindler in
seinem Buch
über die
Romantische
Straße aus,
an der
Rothenburg
liegt.
Die ehemals
Freie
Reichsstadt,
seit 1802
zum
Kurfürstentum
Bayern
gehörend,
heute
mittelfränkisch,
ist mit
ihren gerade
mal 11.000
Einwohnern
ein
internationaler
touristischer
Magnet. Die
weltberühmte
Stadtmauer,
die Tore und
Türme, die
Gassen und
Häuser, die
Vielzahl von
kunsthistorisch
bedeutsamen
Schätzen:
All das
fasziniert,
immer
wieder. Doch
hinter
Türmen und
Toren
verbirgt
sich eine
weniger
sichtbare,
aber
bedeutende
Geschichte:
nämlich die
jüdische
Geschichte
der Stadt.
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Grabsteine
in der
Judaika-Abteilung
des
RothenburgMuseums
(c) James
Derheim /
Rothenburg
Tourismus |
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Der erste
Gang führt uns ins RothenburgMuseum, wo die Sammlung
Judaika die Geschichte jüdischen Lebens erzählt: Schon
1180 sind Juden in Rothenburg ansässig, vor allem aber
im 13. Jahrhundert siedelten sie sich aus dem Rheinland
hier an, von wo sie vertrieben worden waren. In der
Sammlung finden wir jüdische Grabsteine aus dem
Mittelalter, die 1914 entdeckt wurden – und auch viele
Informationen zu Rabbi Meir ben Baruch, einem
bedeutenden Rabbiner und Talmudgelehrten, der in Worms
geboren wurde und 1293 in Ensisheim in Frankreich starb.
40 Jahre hat er in Rothenburg gelebt und gewirkt – er
zog Schüler aus ganz Europa an. In dieser Zeit lebten
etwa 500 jüdische Bürger in Rothenburg – etwa 10 Prozent
der damaligen Stadtbevölkerung. Das Gedenken an ihn ist
in Rothenburg präsent: Seine Talmudschule befand sich am
heutigen Kapellenplatz, wo eine Bronzetafel an ihn
erinnert. Hier befand sich das Zentrum der jüdischen
Gemeinde mit Synagoge und Festsaal.
Viele Exponate des ehemals reichen jüdischen Lebens in
Franken zeigt das Museum, Ritualgegenstände – oder auch
einen bedeutenden Pogromstein, der in hebräischer
Schrift von den über 5000 Opfern des Pogroms des Jahres
1298 berichtet. 460 Menschen wurden in Rothenburg
ermordet. Initiiert wurde es von dem Röttinger Bürger
und „Judenschläger“ Rintfleisch wegen einer angeblichen
„Hostienschändung“. Antisemitismus, so die berühmte
Formel von Theodor W. Adorno, das ist das „Gerücht über
die Juden“, ein faktenfreies Vorurteil, um Sündenböcke
zu konstruieren.
Das Museum schildert die Geschichte der Juden in
Rothenburg, die in manchen Perioden geduldet waren, in
anderen auf das Schlimmste verfolgt wurden. Die
verkehrsgünstige Lage an der Handelsstraße von Würzburg
nach Augsburg begünstigte die Ansiedlung jüdischer
Händler im Mittelalter. Das jüdische Viertel um den
späteren Kapellenplatz wurde im 14. Jahrhundert
aufgelöst. Eine neue Synagoge entstand ein wenig
nördlicher nahe dem Judenfriedhof.
Plätze
jüdischer Geschichte in der Stadt
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Abbildung
von Rabbi
Meir aus
einem in
Ferrrara in
den 1480er
Jahren
verfassten
Gebetbuchs,
(c)
Rothenburg
Tourismus |
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Nun, ab etwa 1370, zogen die Juden in die neue
Judengasse, doch schon 1520 wurde es Juden wieder
verboten, die Stadt zu betreten. Die verbliebenen
jüdischen Bürger wurden vertrieben. Erst im Jahre 1870
siedelten sich wieder Familien mit jüdischer Abstammung
in Rothenburg an. Der Antisemitismus des
Nationalsozialismus zeigt sich hier noch vor der
Pogromnacht in seinem ganzen Ausmaß und Schrecken. Im
November 1938 wurden die Bürger jüdischer Abstammung aus
Rothenburg vertrieben – die jüdische Gemeinde war nun
Geschichte.
In der Stadt gibt es noch viele Plätze, welche an diese
Geschichte erinnern, wie etwa der Burggarten und die
Blasius-Kapelle: Orte des Massakers an der jüdischen
Bevölkerung. Ein Gedenkstein erinnert an das Judenpogrom
von 1298. Der Festsaal Ecke Judengasse/Weißer Turm, das
ehemalige „Judentanzhaus”, erinnert ebenfalls noch an
die Gemeinde. Sein Gebäude ist genau wie das
Rabbi-Meir-Gärtchen ein Nachbau. Ein bedeutsamer Ort
auch jüdischer Gesichte ist auch die evangelische
St.-Jakobs-Kirche, deren Glasfenster im Ostchor,
geschaffen um 1390, die Manna-Lese zeigen. Es sind
Juden, die hier das Himmelsbrot einsammeln, das ihnen
auf ihrer Wanderschaft durch die Wüste als Nahrung
dienen soll. In der Kirche ist mit dem
Heiligblut-Retabel auch ein Hauptwerk des Würzburger
Bildschnitzers Tilman Riemenschneider zu finden.
Haus
Judengasse 10
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Hausnummer
10 |
Das wichtigste jüdische Baudenkmal der Stadt ist das
Haus Judengasse 10, das im Keller das wohl älteste
jüdische Ritualbad Bayerns beherbergt. Es stammt aus dem
Jahr 1409. Das Haus Judengasse 10 ist Teil der Führung
„Reinheit ob der Tauber. Jüdisches Leben in Rothenburg“,
die via www.rothenburgmuseum.de buchbar ist. Die
Führung, die ab dem 4. April jeden Samstag um 14.30 Uhr
am RothenburgMuseum startet, beschäftigt sich unter
anderem mit der Judaika-Sammlung des RothenburgMuseums
und mit der mittelalterlichen Mikwe in der Judengasse,
die beim Bombenangriff im Jahr 1945 fast völlig
verschont blieb. Das Rothenburger Judenviertel ist
nahezu vollständig erhalten. Ehemals lebten hier Juden
und Christen zusammen – viele Handwerker hatten sich in
dem Stadtviertel angesiedelt.
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Jüdisches
Ritualbad |
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In den vergangenen Jahren hat sich der Münchner Verein
„Kulturerbe Bayern“ des Hauses angenommen – unterstützt
vom hier schon lange wirkenden Verein „Alt-Rothenburg“.
Das spätmittelalterliche Wohnhaus wurde nun
denkmalgerecht instand gesetzt. Und hier ist tatsächlich
ein echter Schatz geborgen worden, ein Schmuckstück mit
der „Bohlenstube“ als zentralem Ort des Austauschs. Viel
soll hier passieren, Vorträge, kulturelle
Veranstaltungen sollen diesen Ort beleben. Der
umtriebige Rothenburger Tourismusdirektor und Historiker
Dr. Jörg Christöphler ist an diesem Abend natürlich auch
da – er sieht in dem Baudenkmal auch touristisches
Potential.
Und hier stehen wir nun, in diesem frisch sanierten
Haus, inmitten eines begehbaren Denkmals, dicht
gedrängt, inmitten vieler Menschen, die wie wir die
Ausstellungseröffnung der Schau „Jüdische Architekten
der Moderne und ihr Wirken in der Welt“ besuchen. Die
Schau zeigt Bilder des Berliner Fotografen Jean Molitor
und bringt diese mit Recherchen der Geretsrieder
Architekturhistorikern Dr. Kaija Voss zusammen. Beide
sind an diesem Abend anwesend, genauso wie die Macher
und Macherinnen des seit 2017 aktiven Vereins
„Kulturerbe Bayern“, dessen Vorbild der englische
„National Trust“ ist. Die Judengasse 10 ist das fünfte
große Förderprojekt des Vereins, der noch viel bewegen
will, so erfahren wir von Dr. Sybille Kraft, Vorsitzende
des Vereins und Pilar Prinzessin zu Salm-Horstmar,
stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsvorstands.
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Weiterhin unterstützt wird die Ausstellung von der
Münchner Ilse Blank-Mezger-Hesselberger Stiftung, die
Kunst fördert und auch die Forschung zum jüdischen Leben
– mit dem Schwerpunkt München und Bayern. „Jüdische
Architekten der Moderne und ihr Wirken in der Welt“
präsentiert Ikonen des modernen Bauens – in einer Stadt,
die selbst, auch wenn man es kaum sieht, doch auch Teil
der Moderne ist.
Der
„Rothenburger Weg“
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Stolpersteine
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Denn hier
ist nur
scheinbar
alles
Geschichte.
Im Zweiten
Weltkrieg
wurde
Rothenburg
zu 40
Prozent
zerstört,
was die
ebenso
sehenswerte
Dauerausstellung
„Der
Rothenburger
Weg“ im
RothenburgMuseum
zum Thema
macht. Der
„Rothenburger
Weg“, das
ist auch der
überaus
schnelle,
mustergültige
Wiederaufbau
des
ehemaligen
Stadtbildes.
Einmalig in
Deutschland
– und in
jüngster
Zeit wieder
Thema
engagierter
Architektur-Debatten.
„Mit dem
Begriff
‚Rothenburger
Weg‘ fassen
wir die
bewahrende
Tradition
der Stadt
Rothenburg
ob der
Tauber in
den letzten
rund 120
Jahren
zusammen.“
So schreibt
der
Historiker
Dr. Markus
Naser,
Oberbürgermeister
der Stadt.
Um 1900 war
die Stadt
bereits ein
Idealbild
einer alten
deutschen
Stadt, wurde
in der
nationalen
und
internationalen
Wahrnehmung
zur
romantischen
Stadt
schlechthin
und galt als
über die
Maßen
„pittoresk“,
„picturesque“,
was schon im
Jahr 2020
hier als
Ausstellung
und
Themenjahr
vor Augen
geführt
wurde. Der
Nationalsozialismus
instrumentalisierte
den Mythos:
Hitler
spendete in
den 1930er
Jahren für
den Erhalt
der
Stadtmauer.
Der
Rothenburger
Weg begann
bereits
lange vor
der
teilweisen
Zerstörung
der Stadt im
März 1945.
Schon seit
der Mitte
des 19.
Jahrhunderts
beginnt
dieser Weg
mit der
Bildwerdung
der Stadt:
1858 war
Spitzweg in
Rothenburg
und fertigte
Skizzen über
Skizzen an,
um diese in
seinen
Gemälden,
ortsenthoben,
zu
verdichten.
Viele
weitere
Zeichner,
Maler,
Grafiker und
auch
Architekten
kamen nach
Rothenburg.
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Seit 1902
besteht ein
durchgehender
rechtlicher
Schutz für
das
Rothenburger
Stadtbild
und die
Rothenburger
Altstadt –
„eine
bewusste
Entscheidung
der
Rothenburger
Bürger für
den Erhalt
ihres
Stadtbildes“,
so Markus
Naser. Der
Wiederaufbau
der Stadt
gelang auch
durch diesen
Vorlauf
zügig und
erfolgreich,
eines
Wiederaufbaus,
der durchaus
moderne
Aspekte hat,
wie es
Christöphler
formuliert:
„Modern am
Wiederaufbau
ist die
sachliche
Zurückhaltung
bei Wahrung
der
Selbstähnlichkeit
im
Stadtbild,
der
Geschlossenheit
der Form:
Satteldach,
teilweise
Fachwerk,
Fensterlaibungen,
vereinheitlichte
Firsthöhen
wie in der
Galgengasse
sowie
heimische
Baustoffe
und
handwerkliche
Bauverfahren.“
Und
Christöphler
weiter:
„Altstädte
sind
Identifikationsorte
für die
Stadtbewohner.
Sie spiegeln
ein
stückweit
Identität
und die
Bedürfnisse
nach
Zugehörigkeit
und
sogenannter
Heimat
wider. Die
Fußläufigkeit
der
Altstädte,
ihre Dichte
an sozialen
Strukturen
und
öffentlichen
Funktionen
sowie ihre
baulichen
Unverwechselbarkeiten
entschleunigen
und
fungieren
immer wieder
als Modell
eines
lebendigen
Stadtkörpers.
Rothenburg
ob der
Tauber ist
all dies in
Reinform.“
Überaus
bemerkenswert
auch, dass
die RWTH
Aachen in
Kooperation
mit der
Großen
Kreisstadt
Rothenburg
ob der
Tauber ein
Zertifikatsprogramm
entwickelt
hat, das
Wissen
vermittelt –
in den
Bereichen
Stadtgestaltung,
Baukultur
und
Denkmalpflege,
Stadtidentität,
Stadtökonomie
und
Markenbildung,
Immobilienentwicklung
und Nutzung
urbaner
Räume sowie
Innovation,
Digitalisierung
und
Zukunftstechnologien.
Rundgang
durch die
Ausstellung
Jean
Molitors
Doch zurück
ins Haus
Judengasse:
Die
Ausstellung
Jean
Molitors,
der bei dem
bedeutenden
DDR-Fotografen
Arno Fischer
an der
Hochschule
für Grafik
und
Buchkunst
Leipzig
studiert
hat, ist bis
zum 29.
November zu
sehen.
Zeitgleich
zeigt auch
die
Geschäftsstelle
von
„Kulturerbe
Bayern“ in
München
seine
Arbeiten:
Architekturfotografien,
Bauten
jüdischer
Architekten
wie etwa
Erich
Mendelsohn,
der für
seinen
Potsdamer
Einsteinturm
international
bekannt
geworden
ist.
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Es sind
sachliche
Schwarzweißfotografien,
die an
diesem
historischen
Ort aus
Gründen des
Denkmalschutzes
auf
Staffeleien
präsentiert
werden –
fotografische
Arbeiten
zwischen
Kunst und
Dokumentation,
welche zum
Teil
ikonische
Bauten der
Bauhaus-Moderne
zeigen. Die
Schöpfer
dieser
Bauten
wurden
allesamt
verfolgt,
mussten ins
Exil gehen –
oder wurden
in
Konzentrationslagern
ermordet.
Seit Jahren
schon
dokumentiert
Molitor die
Architektur
der Moderne
auf der
ganzen Welt,
ein
„Wettlauf
gegen die
Zeit“, wie
es Kaija
Voss in
ihrer
einführenden
Rede
beschreibt.
Wir sehen
keine
Details,
sondern
Totalen –
eine
erhabene
Architektur,
wie die
Wohnanlage
Bellavista,
gebaut
zwischen
1931 und
1934 nach
Plänen von
Arne
Jacobsen,
ein
Direktorenhaus
in Niesky
von Konrad
Wachsmann
aus dem Jahr
1927 oder
eine
Wohnzeile in
Haifa eines
unbekannten
Architekten,
entstanden
um 1935.
Beim
Rundgang
durch die
Ausstellung
stellen wir
noch einmal
fest, dass
es die
„Bauhaus-Moderne“
nicht gibt,
dass die
Moderne
unterschiedliche
Architektursprachen
spricht. In
seinem
langfristig
angelegten
Projekt
untersucht
Molitor die
globale
Verbreitung
der
architektonischen
Moderne –
aber eben
nicht als
stilgeschichtliches
Kapitel,
sondern als
kulturelles
Netzwerk,
das bis
heute
nachwirkt.
Dabei folgt
er den
Spuren jener
Ideen, die
im Umfeld
des Bauhaus
formuliert
wurden und
weltweit
Resonanz
fanden.
Seine
Fotografien
entstehen
meist in
frontaler
oder klar
axialer
Perspektive
– und sind
immer
menschenleer.
Durch das
Zurücknehmen
des
Anekdotischen
tritt die
konstruktive
Logik der
Gebäude
hervor.
Linien,
Raster,
Volumen und
Proportionen
werden zu
Hauptakteuren.
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Zugleich
schwingt in
Molitors
Bildern
stets ein
Bewusstsein
für
Vergänglichkeit
mit. Viele
der
dokumentierten
Bauten
befinden
sich in
einem
Zustand
zwischen
Erhalt,
Transformation
und Verfall.
Molitors
Fotografien
konservieren
nicht nur,
sie
kontextualisieren:
Sie zeigen,
wie
politische
Systeme,
ökonomische
Bedingungen
und
klimatische
Kontexte die
Rezeption
der Moderne
geprägt
haben.
Bauten in
Tel Aviv,
Luckenwalde,
Havanna, St.
Petersburg
oder Berlin
werden so
Teil einer
transnationalen
Erzählung.
Das Haus
Judengasse
10 in
Rothenburg
ist ein
ungewöhnlicher,
historischer,
aber dennoch
passender
Ort für die
Präsentation
der
Bauhaus-Architektur
– in einer
zum großen
Teil
rekonstruierten,
wiederaufgebauten
Stadt, die
man doch
geradezu als
Gegenentwurf
zur
Bauhaus-Moderne
verstehen
kann.
Rothenburg
und das Neue
Bauen
Und doch, so
erfahren wir
von Jörg Christöphler,
gibt es
feine,
subtile,
intellektuelle
Verästelungen,
Verbindungen
zwischen
Rothenburg
und dem
Neuen Bauen.
So war es
Ernst May,
der
Stadtplaner
des Neuen
Frankfurts,
der 1928
über „alte
Stadtbilder“
formulierte:
„Mehr als
durch
Veränderungen
einzelner
Baulichkeiten
oder selbst
ganzer
Straßenzüge
wird der
Charakter
eines
Altstadtviertels
verändert
durch die
plötzliche
Überflutung
mit starkem
Verkehr,
insbesondere
mit
Automobilverkehr.
Der
unerklärliche
Reiz, den
alte
Stadtbilder
auf uns
ausüben, die
Stimmung,
die sich uns
mitteilt,
ist eben
durch mehr
bedingt als
nur durch
den
baulichen
Rahmen. Beim
Beschauen
eines Bildes
von Spitzweg
beschleicht
uns ein
trauriges
Gefühl, das
aus dem
Versenken in
die geistige
Atmosphäre
herrührt,
die ein
solches Bild
ausströmt …“
Nationalsozialismus
– die
radikal
entfesselte
Moderne
Am
Bildhaften,
am
Malerischen,
am
Romantischen,
an der
Sehnsucht
nach dem
Vergangenen,
so
Christöphler,
trennt sich
der Diskurs
über
Rothenburg
ob der
Tauber von
dem des
modernen
Bauens seit
den 1920er
Jahren. Beim
Gang durch
die
nächtlich-einsame,
verregnete
Altstadt,
durch dieses
große
Spitzweg-Bild
(man wundert
sich, nicht
dem
Nachtwächter
mit seiner
glimmenden
Laterne zu
begegnen,
doch der ist
im Winter
nur
Samstagabends
unterwegs)
hallt der
Besuch der
Ausstellung
und der
Rundgang
durch das
jüdische
Rothenburg
nach. Denn
das jüdische
Rothenburg,
das ist
nicht nur
das
Mittelalter,
sondern
natürlich
auch die
jüngste
Geschichte,
eine
Geschichte
einer
radikal
entfesselten
Moderne.
Seit 1937
wurden
jüdische
Bürger
entrechtet
und
ausgewiesen.
Alsbald
wurde hier
ein
„Freudenfest“
über die
„Befreiung
von den
Juden“
gefeiert.
Noch vor der
Reichspogromnacht,
vorauseilend,
zerstörte
man hier, in
der
„Lieblingsstadt
der Welt“,
die
Einrichtung
der
Synagoge.
Die
fränkische
Reichsstadt
Rothenburg
ob der
Tauber, sie
gilt als
Inbegriff
mittelalterlicher
Geschlossenheit.
Ihre Mauern,
Gassen und
Fachwerkfassaden
scheinen
eine
harmonische,
nahezu
zeitlose
Vergangenheit
zu
konservieren.
Doch gerade
diese
ästhetische
Verdichtung
lädt dazu
ein, genauer
hinzusehen:
Hinter der
touristischen
Oberfläche
verbirgt
sich eine
vielschichtige
Geschichte –
und dazu
gehört
wesentlich
die jüdische
Geschichte
der Stadt.
Mit der
nationalsozialistischen
Herrschaft
ab 1933
erreichte
die lange
Geschichte
der
Ausgrenzung
eine
moderne,
radikale und
staatlich
organisierte
Form. Auch
in
Rothenburg
wurden
jüdische
Einwohner
entrechtet,
zur
Emigration
gedrängt
oder
deportiert.
Der jüdische
Lederhändler
Leopold
Westheimer
wurde im
August 1933
aus dem
Gasthaus
verschleppt,
verspottet
und barfüßig
und mit
einem Schild
behängt zum
Gefängnis
geführt – im
20.
Jahrhundert
ein Bild wie
aus dem
Mittelalter.
Wir sehen,
erschüttert,
eine
Schwarzweißfotografie
der Szene im
RothenburgMuseum.
Die
mittelalterliche
Stadt, sie
wurde seit
1933 Teil
der modernen
deutschen
Katastrophengeschichte.
Gerade in
einer Stadt,
die stark
durch
touristische
Inwertsetzung
historischen
und
kulturellen
Erbes lebt,
eröffnet die
Beschäftigung
mit der
jüdischen
Geschichte
eine
produktive
Irritation.
Sie
relativiert
die
Vorstellung
einer
homogenen,
konfliktfreien
Vergangenheit.
Die jüdische
Geschichte
Rothenburgs
ist kein
„Anhang“ der
Stadtgeschichte,
sondern ein
integraler
Bestandteil
ihres
sozialen und
kulturellen
Gefüges.
Rothenburg,
das ist ein
historischer
Raum, ist
ein Denkmal,
in dem sich
zentrale
Themen
europäischer,
jüdischer
Geschichte
verdichten:
Emanzipation
und
Verfolgung,
Integration,
Ausgrenzung
und
Vernichtung,
Erinnerung
und
Identität.
(c) Marc Peschke
www.rothenburg.de
www.rothenburgmuseum.de
www.kulturerbebayern.de
www.liebliches-taubertal.de
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