Juridicum Für und Wider

Die Auftaktveranstaltung anlässlich des „Zukunftslabor Juridicum" die am 04. November 2025 im Festsaal des Hauses der Offenen Kulturen stattfand, sieht die Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven vor, um eine aktive Umbaukultur einzuleiten. Mit etwa 300 Teilnehmern war der Festsaal voll besetzt. Die Frankfurter Stadtteile Bockenheim und Westend sollen durch Neugestaltung des Areals mit dem Kulturcampus einen neuen Mittelpunkt bekommen. Ein besonderer Ort innerhalb der Stadt soll entstehen. Wobei verschiedene Nutzungen miteinander kombiniert werden. Bei dieser Betrachtung kann die flache Scheibe des Juridicum als Sicht-Hindernis gesehen werden, das Stadtteile voneinander trennt. Marcus Gwechenberger, Frankfurter Baudezernent, sieht in der Debatte das Für und Wider entweder Abriss und Neubau oder Sanierung. Er sagt, er stehe der Frage offen gegenüber. Anschauungsbeispiel liefert das Moma PS 1 in Queens, New York, das nach Sanierung und Modernisierung großzügig Bestandsbauten weiternutzt.

 

 

  Vier Varianten  -  Marcus Gwechenberger am Mikrofon
 
  Blick ins Publikum und den vollen Saal
 
  Podiumsrunde v.l.n.r: Michaela Filla-Raquin, Marcus Gwechenberger, Andrea Jürges, Frank Junker und Ruth Schlögl, Foto (c) Kulturexpress

Der Bebauungsplan 569 ist ein Konzeptplan und zugleich rechtsverbindlicher Rahmenplan für den Kulturcampus Frankfurt. Er dient als Grundlage für die Entwicklung des ehemaligen Universitätscampus in Bockenheim und dessen Umwandlung in ein neues Stadtquartier. Gelände mit gemischter Nutzung, sowohl Wohnen als auch Einzelhandel sind vorgesehen.

 

Die Universitätsbibliothek an der Bockenheimer Warte wird bleiben, hieß es zuletzt. Einer baulichen Verknüpfung aus Hochschule für Musik und Frankfurt Lab mit Übergangsbereichen ist als konzeptionelle Lösung vorstellbar. Wie die Musikhochschule dazu steht, ist nicht bekannt.

 

Das Juridicum weist eine bauliche Besonderheit auf, das Gebäude ist mittig zweigeteilt in zwei Hälften, rechts und links, und besteht zur einen Hälfte aus Mehrzweckgebäude und zur anderen aus Juridicum. Allerdings wurde das Gebäude in Skelettbauweise aus Stahl errichtet, so dass viele Möglichkeiten der Verwandlung bestehen. Das Gebäude ließe sich ohne weiteres wie in einem Baukastensystem umgestalten, um beispielsweise großräumige Konzertsäle einzurichten, wie sie die Musikhochschule dringend benötigen wird.

 

Zudem ließen sich Anbauten neu errichten. Das Juridicum steht nicht parallel zum Straßenverlauf der Senckenberganlage, so dass eine freie Dreiecksfläche entsteht, die zum Zwecke der Gebäudeerschließung mit Treppenhäusern und Aufzügen bebaut werden könne. Die Forderung nach kostspieligen Kastenfenstern aufgrund der Lärmentwicklung zur Straße kam ebenfalls auf.

 

Möglichkeiten des Cluster-Wohnens im Juridicum wurden offeriert, indem auf einem Stockwerk mehrere Wohnungen zu größeren Einheiten zusammengefasst werden, um dadurch studentisches Wohnen oder Senioren-Gemeinschaften entstehen zu lassen. 

 

Teile der Tiefgeschosse in der sich die Tiefgarage befindet, sind durch einsickernde Chloride in Mitleidenschaft gezogen, die vor allem durch jährlich wiederkehrende Salzstreuung in den Wintern dem unterirdischen Beton zugesetzt haben. Dieser müsse aufwendig saniert werden. Hinzu komme der Gewässerspiegel, dem nur durch Pumpen entgegengewirkt werden könne. Abdichtung werde notwendig.

In den nächsten sechs Monaten untersucht ein Team vier mögliche Zukunftsszenarien. Diese reichen von Erhalt der Bausubstanz, indem Wohnungen entstehen über Varianten mit Flächen für Bildung und Gewerbe bis hin zu Konzepten, die nur einen teilweisen Erhalt vorsehen. Auch Abriss und Neubau werden geprüft. Grundlage dafür bietet eine Machbarkeitsstudie, die Fragen zum Wohnungsbau durch ein Sanierungskonzept aufstellt. Dafür wurden mehrere Experten und Expertinnen ausgesucht, die den Zukunftsplan ausarbeiten sollen.

 

Diese Expertise besteht aus folgenden Bereichen und Personen: Wirtschaftlichkeit & Gemeinwohl, Nicolas Schneider von Lang & Cie. und Gabu Heindl von der Uni Kassel; Nachhaltigkeit und Lebenszyklus mit Nicole Zahner von Studio C und Horst Peseke von Bollinger + Grohmann; Räumlicher & funktionaler Kontext mit Verena Brehm von CITYFÖRSTER sowie Thomas Meurer der TH Mittelhessen.
 

Zukunftslabor Juridicum" ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Frankfurt am Main, begleitet durch das Frankfurter Forschungsinstitut (FFin) der Frankfurt University of Applied Sciences. Es dient dazu zu erproben, wie der wissenschaftlich begleitete Umgang mit dem Gebäudebestand in Zukunft gestaltet werden kann.
 

Mir ist am 04. November abends nicht entgangen, was der Vorsitzende der ABG Frankfurt Holding und zugleich Eigentümergesellschaft auf dem Areal des Campus Bockenheim, Frank Junker, meinte, wenn er Abriss und Neubau präferiert anstatt die Sanierung des Juridicum vorzuziehen. Aufmerksam habe ich den fachbezogenen Vortrag des bauart-Architekten, Heinz Pape und die Mitteilungen durch den Statiker Martin Teigeler von AS+P, vernommen, die vier unterschiedliche Planungsszenarien aus fachlicher Sicht präsentierten, von Erhaltung im Bestand und Sanierung bis zu Komplettabriss und Neubau auf dem Gelände. Letztlich kann nur ein Ansatz umgesetzt werden. Ich habe Gegenstimmen vernommen, gegen den Abriss, wie Astrid Wuttke von schneider+schumacher Architekten, aus dem Publikum heraus, die in den Deckenhöhen von 3,60m im Juridicum keine zusätzliche energetische Belastung sieht und eine Sanierung leidenschaftlich befürwortet. Ebenso ist mir das Statement von Michaela Filla-Raquin, aus der Diskussionsrunde auf dem Podium im Gedächtnis geblieben, wonach mit dem Kulturcampus zuerst ein neuer Kulturbegriff gesetzt werden müsse, um Verständnis aufzubringen, was Erhalt im Bestand bedeuten soll. Sie forderte, der Prozess müsse lebendiger werden und fragte, welchen Raum Zwischennutzung und eine mögliche Entscheidungsfindung in Bezug auf einer der vier Varianten bieten? Sie untersucht und schreibt zum Thema Herausbildung einer kritischen studentischen Kultur in Frankfurt seit den 1960er Jahren. Stefan Staehles beherztem Vortrag vom Forschungslabor Nachkriegsmoderne der Frankfurt UAS, der mit ethischen Grundsätzen allgemein und im Speziellen versuchte ein umfassendes Bild der Situation auf dem Kulturcampus darzulegen. Andrea Jürges, stellvertretende Direktorin im Architekturmuseum DAM, setzt darauf, dass nur das Vertrauen der Stadtgesellschaft die Grundlage sei, um den Prozess fortsetzen zu können. Der Ruf des Frankfurter Baudezernenten, Marcus Gwechenberger, nach Einbringung einer Systematik, was Ressourcen schonend geschehen könne und zwar ökonomisch-ökologisch und zugleich in sozialer Vorgehensweise. Bei alledem steht die Kostenfrage immer zugleich mit im Vordergrund als auch die Suche nach Investoren, die zur Stelle sein müssen, wenn eine Entscheidung fällt. Das Schlusswort sprach Moderatorin Ruth Schlögl, Forschende am FFin, wonach das Juridicum nicht nur ein Gebäude ist, sondern als Beispiel steht für nachhaltiges Entwerfen. Entgangen ist mir nicht der Konflikt, der gegenüber der Musikhochschule HfMDK besteht, die seit Jahren aus dem zu klein gewordenen Haus an der Eschersheimer Landstraße den Umzug in ein größeres Gebäude plant, sich nach ergebnisorientierten Verhandlungen sehnt und selbst noch gar nicht richtig zu Wort gekommen ist. Das Argument bezahlbaren Wohnraum auf dem Areal zu schaffen, besteht allerdings auch.

 

 

   

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 14. November 2025