Wie ein
förmlicher Antrag der unversehens
auf dem Tisch der Museumskultur
gelandet ist, erscheint das Projekt
um das ehemalige
Wohnungsbauunternehmen 'Neue
Heimat'. Jemand wird dringend
gebraucht, um sich bei der
Aufarbeitung an den verschollenen
Unterlagen zu bedienen,
was
mit der
Unterüberschrift "Eine
sozialdemokratische Utopie und
ihre Bauten" betitelt ist.
Dabei will niemand mehr etwas wissen
von den alten Sachen.
Die Zeiten sind vorbei, in der
zwanghafte Strukturmaßnahmen zur
baulichen Expansion mit der Hybris
eines "Weißen Riesen" das Sagen gehabt
haben. Die Abkehr von Brutalismus
und dem 'Mauerbau' stehen mit dieser
baugeschichtlichen Vergangenheit in
einer Reihe. Wenn 'Neue Heimat' auch
synonym für misslungene westdeutsche
Wohnungspolitik stehen geblieben
ist. Und obwohl auch gerade jetzt
schon wieder der Ruf nach neuen
"Masterplänen" laut geworden ist,
um die Situation in den Griff zu
bekommen.
Es ist schon prekär, was das Land
durchmachen muss. Erst die
Flüchtlingskrise, die Staat und
Gesellschaft malträtieren und jetzt
auch noch die Corona-Krise, einer
global bedrohlichen
Naturkatastrophe, die viele bis an
die Grenzen der Zahlungsunfähigkeit
treibt und vor dem existentiellen
Aus stehen lässt - was
ein Virus auslösen kann, ist
erstaunlich. Die Unterscheidung
zwischen Gut und Böse fällt flach,
da im medizinisch wissenschaftlichen
Bereich nicht mehr der gesunde
Menschenverstand zählt, sondern die
auferlegte Sorgfaltspflicht oberstes
Gebot ist. Eine Form der Staatsräson
macht sich damit breit. Ähnlich
verhält es sich mit Radioaktivität,
die genauso unsichtbar ist wie das
Virus, das sich kaum vom
herkömmlichen aber sonst
ungefährlichen Grippevirus so sehr
unterscheidet. Da kann auch keine
"Neue Heimat" mehr einspringen, um
Vorbild für den aktuellen
Wohnungsbau im Großformat zu sein.
Eine gesamtgesellschaftliche
Wandlung ist erforderlich, wobei
niemand zu kurz kommen darf auch
nicht die Verweigerer.
Die "Neue Heimat" war
gewerkschaftlich organisiert, was
von vornherein die Gruppe der
Werktätigen und somit
gewerkschaftlich Organisierten
bevorzugt - auch nicht
mehr ganz zeitgemäß. 'Neue Heimat'
war ein Gigant unter den
Wohnungsbaugesellschaften. Von
solchen Gesellschaften gibt es
viele, wenn auch nicht so
gigantisch, und allesamt werfen ein
recht betrübliches Licht auf die
bundesrepublikanische Wohnkultur.
Manche sind gemeinnützig, andere
gewerkschaftlich oder
genossenschaftlich organisiert.
Diese oberbegrifflichen Überbauten
sind vielfältig. Ziel ist, Wohnraum
für viele zu schaffen. Doch werden
an allen Ecken und Enden Abstriche
gemacht. Denn ein
Mehrfamilienwohnhaus ist nicht
einfach mit einem Bauernhof
vergleichbar. Bauernhöfe bilden
einen funktionalen Organismus, der
Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln
und die meisten Dinge des täglichen
Bedarfs beinhaltet. Der städtisch
geprägte Wohnungsbau dagegen stammt
aus der Retorte, um möglichst
effektiv und ökonomisch
verordneten Bebauungsplänen zu
folgen.
Die
Ausstellung im Deutschen
Architekturmuseum läuft zwar,
wurde aber aufgrund der aktuellen
Corona-Krise gleich wieder
geschlossen, wie das gesamte Museum
vorübergehend für die Öffentlichkeit
geschlossen bleibt. Dies gilt auch
für Veranstaltungen bis vorerst 19.
April 2020. Die Presseveranstaltung
fand vor Ausstellungseröffnung am
12. März 2020 noch mit Publikum
statt. Laufzeit der Ausstellung bis
11. Oktober 2020.
Auslöser für den Untergang der
"Neuen Heimat" zu Anfang der 1980er
Jahre war ein Korruptions-Skandal um
den Unternehmensmanager Albert Vietor.
Offensichtlich fehlt Städten und
Kommunen aber ein vergleichbares
Instrument, um bezahlbaren Wohnraum
zu schaffen und rasch umzusetzen.
Wahr ist, die "Neue Heimat" wird von
den Folgen des Untergangs für immer
überschattet bleiben. Wenn sich
deren Erkenntnisse auch auf
gegenwärtige Fragestellungen bei
Großraumprojekten im Wohnungsbau
begrenzt ableiten lassen. Niemand
will die "Neue Heimat" mehr haben,
sie ist zu einem Relikt aus der
Nachkriegszeit degradiert, in einer
Zeit als Wohnraumbeschaffung noch zu
purem Wohlstand führte. Heutzutage
zählen andere Werte und vor allem
Mobilität und damit verknüpfte
Anforderungen an urbane Konzepte,
die auch in der breiten Region
Ausdehnung finden sollen. Dazu
gehört ein ausgebautes Radwegenetz
ebenso wie die erschlossene
Elektromobilität für alle. Aber auch
die Möglichkeit zum Homeoffice
müsste strategisch gewährleistet
sein. Das kann mit der
Kopflastigkeit veralteter Strukturen
absolut nicht mehr bewältigt werden.
Noch immer werden die Wohnungen der
'Neuen Heimat' bewohnt, allerdings
unter anderem Namen und mit anderen
Eigentümern. Denn Wohnungsbau ist
ein Langzeitgeschäft. Es stellt sich
die Frage, wie Bestand sinnvoll
weiter genutzt und zu seinem Vorteil
saniert werden kann? Dafür gibt es
viele Ansätze, die mit Kosten
verbunden sind. Forderungen nach
Wohnraumbeschaffung durch die
Bauindustrie sind hoch. Das
Architekturmuseum der TU München
kann die jahrzehntelange Geschichte
der 'Neuen Heimat' mit politischen,
ökonomischen, zeitgeschichtlichen
sowie sozialen Aspekten und
Hintergründen nicht aufarbeiten,
gibt das Architekturmuseum von sich
aus ganz offen zu. Was mit der Ausstellung und
dem zugehörigen Projekt erreicht
werden soll, ist eine neue
Aufmerksamkeit für die Leistungen
aber auch Fehlentwicklungen der
'Neuen Heimat' zu schaffen.
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Am 12. März mit Fachpublikum vor dem
Präsentationsmodell Neuperlach bei München, das
Großbauprojekt der 'Neuen Heimat' wurde nie
fertiggestellt.
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Die Ausstellung schöpft neben dem
Archiv der Hamburgischen
Architektenkammer auch aus einer
Vielzahl an Originalplänen, Fotos
und Modellen aus dem Archiv des
Architekturmuseums der TU München.
Dazu zählt das große
Präsentationsmodell Neuperlach.
Schon 2008 hatte Peter Kramper in
einer Untersuchung der
Wirtschaftgeschichte auf Grundlage
der "Neuen Heimat" eine Arbeit
erstellt und damit die zentrale
Basis für weitere Forschungen
geschaffen. Michael Mönninger hat
die Monatshefte der Neuen Heimat in
einer Studie analysiert. Andreas
Hild und Andreas Müsseler haben in
einer Publikation die Siedlung
Neuperlach gewürdigt.
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Pappmodell (Detail), Kassel Documenta
Urbana, Bauzeit 1978 - 1982
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Es ist wie mit dem römischen Reich,
das ist auch untergegangen. Dieser
Untergang war wichtig für die
Entwicklung in das glorreiche und
genauso grausam erscheinende
Mittelalter. Dennoch sind bis in die
Gegenwart die Auswirkungen der
römischen Geschichte zu spüren und
niemand stört sich daran. Das hat
also etwas mit Dominanz der
Mächtigen und dem
Gewohnheitsverhalten der Bevölkerung
zu tun. Um Probleme zu lösen, müssen
immer wieder neue Ansätze gefunden
werden. Rückgriffe auf veraltete
Strukturen zahlen sich nicht aus,
sie sind überholt.
Die laufende Debatte um den
Wohnungsnotstand braucht sicherlich
Impulse und Durchsetzungswillen, das
sollte aber auf einer neuen
Grundlage geschehen. Fundamentale
gesellschaftliche Veränderungen
erfordern eine völlig neue
Herangehensweise. Es geht nicht mehr
nur um die Befriedung
gesellschaftlicher Bedürfnisse nach
Wohnraum, sondern um die Vielfalt
der Möglichkeiten. Zugleich darf die
eigene Identität nicht verloren
gehen.
Eine Ausstellung in Kooperation mit
dem Architekturmuseum der TUM und
dem Hamburgischen Architekturarchiv.
Kuratoren der Ausstellung sind Hilde
Strobl und Jonas Malzahn. Die
Ausstellung war zuvor schon an
mehreren Stationen zu sehen. Zwei
verschiedene Kataloge sind
erhältlich. Zum einen der
kartonierte Band "Die Neue Heimat
(1950 - 1982) Eine
Sozialdemokratische Utopie und ihre
Bauten" aus der Reihe Edition Detail
und zum anderen die Publikation:
"neue heimat. Das Gesicht der
Bundesrepublik. Bauten und Projekte
1947 - 1985" aus der Schriftenreihe
des Hamburgischen
Architekturarchivs, Band 38, Umfang
808 Seiten, herausgegeben von Ulrich
Schwarz, erschienen im Dölling u.
Galitz Verlag, 1. Auflage, 2019,
Größe: 23,5 x 28,7 x 6 cm, ISBN:
978-3862181124
Eine Ausstellungsrezension von
Kulturexpress
Foto (c)
Kulturexpress
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DIE NEUE HEIMAT (1950-1982) – EINE
SOZIALDEMOKRATISCHE UTOPIE UND IHRE
BAUTEN
Herausgegeben von Andres Lepik und
Hilde Strobl
Edition DETAIL, Berlin
1. Auflage, 2019
Kartoniert, 236 Seiten mit 235 Abb.
ISBN 978-3-95553-476-9
Im Buch blättern...
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