Rothenburg ob der Tauber ist eine Stadt,
die man glaubt, sehr gut zu kennen. Türme, Mauern,
Fachwerk, enge Gassen. Rothenburg, das sind jede Menge
wunderschöne Postkartenbilder. Und doch birgt diese
Stadt immer wieder Überraschungen. Eine solche
Überraschung ist formatF. Das Team um Johannes Keitel
entwickelt in Rothenburg seit Jahren eigene
Kulturformate – nicht unbedingt dort, wo man Kultur
erwarten würde. Das kann ein Festival sein, ein
Konzertabend, ein Weihnachtsmarkt – oder ein
Märchenwald.
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Märchenwald Rothenburg ob der
Tauber Rathaus Fassade Beleuchtung Licht
Märchen (c) Lina Schmalbach |
Ein
Märchenwald im Rathaus
Ein Märchenwald? Aber ja. Vom 30. Oktober bis 7.
November 2026 ist es wieder so weit. Dann zieht der
Rothenburger Märchenwald zum vierten Mal in den Lichthof
und das Feuerwehrgewölbe des Rathauses ein. Das
historische Gewölbe am Marktplatz wird für einige Tage
zum Wohnzimmer – mit Kamin, Lesungen, Musik und Theater.
Die Veranstaltungen sind kostenfrei.
Am ersten Abend steht Vronsy im Duo auf der Bühne – mit
Soul, Jazz und Indie-Pop. Das Landestheater Dinkelsbühl
zeigt „Frederick“. Judith Antkowiak verbindet Chanson,
Liedkunst und Poesie. Bei Over the TOPpler entstehen die
Geschichten aus den Zurufen des Publikums. Später folgen
„Andersen anders“, eine szenische Lesung, und zum
Abschluss der Musicalchor „Stimmt.“ aus Dresden.
Dazwischen gibt es Märchenstunden für Kinder und
Erwachsene. Wo sonst Anträge, Verwaltung und
Amtsgeschäfte zu Hause sind, gibt es plötzlich
Geschichten, Musik und Theater.
Erst der Ort, dann das Format
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Märchenwald Rothenburg ob der
Tauber Rathaus Beleuchtung Fassade Außen (c)
Lina Schmalbach
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formatF entwickelt seine Veranstaltungen vom Ort her.
Und dann darf man sehen, was dort passieren kann.
Künstler, Musiker, Theaterleute und andere Partner
werden für ein bestimmtes Projekt zusammengebracht. Ein
Format entsteht – und muss nicht unbedingt auf Dauer
gestellt sein.
Johannes Keitel und sein Umfeld entwickelten seit 2013
zunächst im Rahmen von Grenzkunst e. V. Kulturformate
wie das Eulenflug-Festival, das Sundowner-Festival im
Wildbad und RaumZeit. Später entstanden unter dem Label
formatF weitere Projekte wie das Silvesterfunkeln und
das Winterglühen. Aus ehrenamtlicher Kulturarbeit
entwickelte sich so nach und nach eine professionell
organisierte Form von Veranstaltungsarbeit.
Beim Märchenwald ist der historische Raum nicht bloß
Kulisse, sondern Teil des Ganzen. Und auch beim
Winterglühen im Burggarten passiert etwas Ähnliches: Ein
Ort, den man zunächst vor allem mit dem historischen
Rothenburg-Bild verbindet, wird ganz neu inszeniert.
Musik, Lichtkunst und Kulinarik kommen hinzu. Ein
Rathausgewölbe wird so zum Wohnzimmer. Und ein
Burggarten zur Bühne.
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Altstadt Rothenburg o.d. Tauber-
Skyline Stadtmauer nachts Beleuchtung Winter
Schnee Türme (c) Rothenburg Tourismus Service /
W. Pfitzinger Exkl |
Rothenburg, die Märchenstadt
Die Idee von Rothenburg als märchenhafter Stadt ist
schon viel älter als der moderne Tourismus. Im 19.
Jahrhundert entdeckten Künstler aus Großbritannien, den
USA und anderen Ländern Rothenburg als pittoreskes Ideal
einer mittelalterlichen deutschen Stadt. Gassen,
Fachwerkhäuser und Befestigungsanlagen wurden gemalt und
gezeichnet. Die Stadt wurde zur Projektionsfläche für
eine romantisierte Vergangenheit.
Parallel dazu entstand im 19. Jahrhundert eine immer
umfangreichere Bildwelt des Märchenhaften. Märchen
wurden nicht mehr nur erzählt und gelesen, sondern in
Büchern, Bilderbogen und später auf Postkarten immer
wieder neu visualisiert. Türme, Burgen, Wälder und
Fachwerk wurden zu visuellen Chiffren einer
märchenhaften Welt.
Wie eng Text und Bild dabei zusammengehörten, zeigt etwa
die 1842 in Leipzig erschienene Prachtausgabe von Johann
Karl August Musäus’ „Volksmährchen der Deutschen“.
Herausgegeben von Julius Ludwig Klee, enthielt sie
zahlreiche Holzschnitte nach Zeichnungen von Künstlern
wie Ludwig Richter, Rudolf Jordan, Georg Osterwald und
Adolph Schrödter. Auf diesen Bildern wirkt die Welt
historisch und erfunden zugleich. Türme wachsen aus
Wäldern. Gebäude werden zu verwunschenen Schauplätzen.
Architektur selbst wird Teil der Erzählung.
Wie stark Rothenburg bereits als Märchenstadt gelesen
wurde, zeigt auch eine Serie von Glas-Laternenbildern
aus der Zeit um 1900 bis 1928. Die von Unger & Hoffmann
in Dresden produzierte Serie trug den bezeichnenden
Titel „Rothenburg ob der Tauber, die Märchenstadt“ und
umfasste 24 Glasbilder mit Ansichten der Stadt.
Rothenburg und die Disney-Stadt
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Märchenwald Rothenburg ob der
Tauber Märchenstunde Wohnzimmer Gewölbe
Kinder Lesung Märchen
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Disneys „Pinocchio“-Film von 1940 spielt, anders als
Carlo Collodis Vorlage, nicht in einem italienischen
Umfeld. Die Disney-Version entwirft eine märchenhafte
europäische Welt mit mitteleuropäischen, insbesondere
deutsch anmutenden Anklängen: Spitzgiebel, Fachwerk,
Türme, Erker und verwinkelte Gassen.
Der schwedische Künstler Gustaf Tenggren arbeitete in
den 1930er-Jahren für Disney und prägte die Atmosphäre
des Films entscheidend mit. Für seine Entwürfe fertigte
er auch Skizzen von Rothenburg an. Darunter befinden
sich das Plönlein, der Weiße Turm, das Burgtor und der
Feuerleinserker. Tenggren nahm einzelne Formen und
setzte sie neu zusammen: Türme, Erker, Giebel, Fachwerk,
auskragende Stockwerke und krumme Gassen wurden zu
Bausteinen einer eigenen Fantasiestadt. Die Disney-Stadt
ist eine visuelle Weitererzählung dieser Bildidee.
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Illustration aus Musäus
Märchen Leipzig 1842 |
Rothenburg bot jene Formen und Bilder, aus denen sich
eine märchenhafte europäische Vergangenheit
zusammensetzen ließ – und Disney machte daraus eine
eigene Welt. Darin steckt eine Sehnsucht nach einer
anderen Zeit: nach einer romantisierten,
vorindustriellen Welt, nach Wärme, Geborgenheit und
einer Vergangenheit, die so nie existiert hat. Wer heute
durch Rothenburg geht, erkennt Bilder wieder, die man
aus Büchern, Illustrationen, Filmen und anderen Medien
zu kennen glaubt. Die Stadt ist real – und wirkt
zugleich wie eine Erinnerung an etwas.
Ein altes Bild, neu bespielt
Und hier schließt sich der Kreis: Das Team von formatF
arbeitet nicht gegen das historische Bild Rothenburgs,
sondern mit ihm. Der Märchenwald greift ein Motiv auf,
das die Stadt kulturell seit Langem begleitet. Am
Nachmittag Märchenstunde, am Abend Indie-Pop. Dazwischen
Theater, Chanson, Improvisation und szenische Lesung.
Aus dem historischen Rathaus wird ein lebendiger
Kulturort. Aus der Kulisse wird ein Raum für Begegnung.
Und aus einem Bild, das man zu kennen glaubt, entsteht
etwas ganz Neues. (c) Marc Peschke
Rothenburger Märchenwald 2026
30. Oktober bis 7. November 2026
Lichthof und
Feuerwehrgewölbe im Rathaus Rothenburg ob der Tauber
Indie-Pop,
Singer-Songwriter, Theater, Chanson, Improvisation,
szenische Lesung, Musicalchor sowie Märchenstunden für
Kinder und Erwachsene.
Aus dem
Programm: Vronsy im Duo • John Steam Jr. & Jana Lynn
Rivers • Mummpitz: „Foxtrott“ • Landestheater
Dinkelsbühl: „Frederick“ • Judith Antkowiak • Over the
TOPpler • „Andersen anders“ • „Stimmt.“ – Musicalchor
aus Dresden.
Märchenstunden: Samstag, 31. Oktober, und Samstag,
7. November, jeweils um 15 Uhr.
Im
Kaminzimmer ist der Eintritt frei; die Künstler*innen
freuen sich über Spenden.