Südlich von München, im vom
katholischen Barock geprägten bayerischen Voralpenland,
finden wir einzigartige landschaftliche Paradiese. Die
Seen, die Berge: Es gibt kaum eine großartigere
Landschaft in Deutschland. Wir kennen die Gegend gut,
doch am Kochelsee waren wir schon lange nicht mehr.
Also, auf nach Oberbayern, in den Landkreis Bad
Tölz-Wolfratshausen. Das Örtchen Kochel am See (www.kochel.de)
hat kaum mehr als 4000 Einwohner,
ist staatlich anerkannter Luftkurort und schmiegt sich
auf das Schönste an den kleinen See und die Berge. Nach
Norden hin liegt Kochel am See schon im flachen
Voralpenland, begrenzt von den Loisach-Kochelsee-Mooren.
Am Kochelsee
Etwa 60 Kilometer südlich
von München sind wir hier – angebunden an die Metropole
mit der Kochelseebahn oder über Autostraßen und
Linienbusse mit Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz oder
Mittenwald. Und von da weiter nach Innsbruck. Kochel am
See liegt am Bodensee-Königssee-Radweg (www.bodensee-koenigssee-radweg.de),
welcher in Lindau beginnt und zum Königssee bei
Berchtesgaden führt. 418 km vom Bodensee zum Königssee –
eine der landschaftlich reizvollsten Radrouten in
Deutschland.
Die Ebene, sie geht hier in die
Bergwelt über. Kunst- und Kulturgeschichte wurde hier
geschrieben: Im 8. Jahrhundert hat es hier ein
Frauenkloster gegeben, gegründet zusammen mit Kloster
Benediktbeuern, doch dieses wurde bereits 908 wieder
zerstört. Historisch bekannt wurde Kochel rund um die
Ereignisse des Oberländer Bauernaufstands von 1705 gegen
die österreichischen Truppen von Kaiser Joseph I. Der
Überlieferung nach soll bei dem Massaker auf dem
Friedhof der alten Sendlinger Pfarrkirche auch der
„Schmied von Kochel“ ermordet worden sein. Seine letzten
Worte sind in Bayern bekannt: „Lieber bayerisch sterben,
als kaiserlich verderben!“, das soll er ausgerufen
haben!
Die tatsächliche Existenz des
legendären bayerischen Helden ist nicht verbürgt, lesen
wir im Reiseführer, sitzen auf der Terrasse des überaus
gediegenen Seehotel Grauer Bär, wo wir gleich ein
betörendes Allgäuer Schnitzel zu Abend essen. (www.grauer-baer.de)
Das Licht wird milder. Wir haben bereits im
erfrischenden Kochelsee gebadet – viele Badestellen rund
um den See laden dazu ein. Die Berge rund um Herzogstand
und Jochberg leuchten. Das Wasser kräuselt sich und das
kleine Ausflugsschiff der Kochelsee-Schifffahrt zieht
langsam vorbei (www.motorschifffahrt-kochelsee.de).
Es ist, und das ist wahrlich nicht übertrieben, ein
oberbayerischer Traum.
Der sechs Quadratkilometer große
Kochelsee lockt auch mit Kultur, nämlich mit dem Franz
Marc Museum in Kochel am See, das den
expressionistischen Maler des „Blauen Reiter“ umfassend
vorstellt, der 1914 hier ein Haus erwarb. (www.franz-marc-museum.de)
Inmitten einer Kultur- und Naturlandschaft, die stark
von der barocken Kunst geprägt ist, von Hügeln,
Alpengipfeln, Seen, Biergärten, Lüftlmalerei und
Zwiebeltürmen, genau hier begann das Kapitel der
expressionistischen Kunst. Im Jahr 1912 gaben Franz Marc
und Wassily Kandinsky den Almanach „Der Blaue Reiter“
heraus – ein Künstlermanifest von enormem Einfluss.
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Der Blaue Reiter |
Marcs Beziehung zum „Blauen Land“, so
nannte er die Gegend, wird im Museum vorgestellt. Auch
Kunstwerke der Künstlerfreunde Paul Klee, Wassily
Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky sind
zu sehen. Weiterhin werden hier immer neue
Sonderausstellungen gezeigt.
Wir treffen Eva-Maria Neuburger
vom
Museumsteam, die uns durch das Haus führt. Der 2008
eröffnete Erweiterungsbau der Schweizer Architekten
Diethelm & Spillmann ist überaus gelungen: Der Bau aus
Crailsheimer Muschelkalk öffnet die Museumsräume durch
große Fenster in die Landschaft und ermöglicht
phantastische Blicke auf den Kochelsee und das
Herzogstandmassiv: Kunst und Natur treten in Dialog.
Etwas Besonderes ist auch der Museumspark mit Skulpturen
von Alf Lechner, Tony Cragg, Horst Antes und
Per Kirkeby.
Das Grab von Franz Marc und seiner Frau Maria Marc ist
auf dem Friedhof der katholischen Kirche ganz in der
Nähe zu finden.
Beim Gang durch das Museum entdecken
wir die Welt von Marc, seine Tiere, die keine Abbilder
sind, sondern Wesen einer tieferen Ordnung, Chiffren
eines verlorenen Zusammenhangs zwischen Mensch, Tier und
Welt. Dieses so besondere, feine Ausstellungshaus ist
eingebettet in eine beeindruckende Landschaft zwischen
Bergen und See: ein einzigartigen Erlebnis.
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Adolf Erbslöh
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Derzeit ist bis zum 26. Juli in einer
Sonderausstellung das Werk von Adolf Erbslöh (1881-1947)
zu sehen, einem Zeitgenossen und Künstlerfreund Franz
Marcs, dem Mitbegründer und späteren Vorsitzenden der
Neuen Künstlervereinigung München: eine sehenswerte
Wiederentdeckung eines Künstlers, der sich wie Cézanne
vor allem einer Frage widmete: Wie lässt sich eine
bleibende Bildordnung herstellen? Er zeigt es uns in
seinen Bildern: mit strenger Verdichtung und Formgebung:
„Das Kunstwerk ist Gestaltung, formgewordene
Phantasie.“, so formulierte er 1929.
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Das Franz Marc Museum in Kochel am
See ist zwar nicht groß, dennoch ein echter Höhepunkt in
der oberbayerischen Museumslandschaft. Die Architektur
öffnet sich ständig nach außen, zum Licht, zu den
Bergen, zum Wasser. Es gehört der „MuSeenLandschaft
Expressionismus“ an. Hier haben sich verschiedene Museen
zusammengeschlossen, die daran erinnern, dass Oberbayern
im frühen 20. Jahrhundert zu einem Hot Spot der
expressionistischen Avantgarde wurde. (www.museenlandschaft-expressionismus.de)
Das Voralpenland war damals nicht nur
idyllischer Rückzugsort für Künstler und Künstlerinnen,
sondern mehr noch, Teil einer umfassenden geistigen
Bewegung. Während die großen Städte Europas unter
Industrialisierung, Beschleunigung und sozialer Spannung
vibrierten, suchten die Expressionisten nach
Gegenwelten, nach Ursprünglichkeit, Spiritualität und
einer neuen Einheit von Mensch und Natur. Franz Marc
selbst war tief in diese Krisenerfahrung der Moderne
eingebunden. Er suchte in den Tieren Reinheit: Seine
Pferde, Rehe und Füchse sind deshalb keine klassischen
Naturstudien, sondern mehr als das: Sie verkörpern eine
Sehnsucht nach einer anderen Welt. Farbe sollte nicht
abbilden, sondern eine tiefere Wirklichkeit sichtbar
machen.
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Franz Marc
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Das Franz Marc Museum macht diese
komplexen geistigen Zusammenhänge auf erlesene Weise
deutlich. Es präsentiert Marc als Teil eines weit
verzweigten intellektuellen Netzwerks: Symbolismus,
Theosophie, Jugendstil, frühe Abstraktion und
philosophische Lebensreform treten hier miteinander in
Beziehung. Franz Marc fiel 1916 bei Verdun — jenem
industrialisierten Massensterben, das die optimistischen
Energien der europäischen Avantgarden brutal zerschlug.
Nach dem Ersten Weltkrieg erschien die Idee einer
spirituellen Versöhnung von Mensch und Natur bereits wie
ein Echo aus einer versunkenen Welt.
Nur wenige Kilometer entfernt, am
Walchensee, arbeitete Lovis Corinth. 60 seiner Bilder
entstanden hier. Der geheimnisvolle Bergsee zog seit
jeher besondere Menschen an, wie etwa Johann Wolfgang
von Goethe, König Ludwig II. oder eben auch den
Impressionisten Corinth, der einige Jahre ein Haus in
Urfeld hatte und in den 1920er Jahren seine bekannten
Walchensee-Bilder malte. Der „Lovis Corinth Weg“ in
Urfeld erzählt Wissenswertes über Leben und Werdegang
Corinths. Der See hat zwar eine wirklich phantastische
Farbtönung, doch die „Bayerische Karibik“ wird auch im
Sommer kaum wärmer als 18 Grad. Der Walchensee ist einer
der tiefsten Alpenseen Deutschlands.
Wir brausen mit der blauen Kabine zum
Herzogstand hinauf. (www.herzogstandbahn.de)
Noch ist die traditionsreiche Bahn geöffnet, aber bald
wird sie bis Ende 2027 schließen, denn sie erhält eine
neue Talstation, inklusive nachhaltiger
Energieversorgung und ressourcenschonendem Betrieb. Nach
vier Minuten sind wir oben, auf 1600 Meter Höhe – und
der Blick ist beeindruckend – ob in die Ebene oder tief
in die Alpen hinein. Zur Zugspitze und zum
Karwendelgebirge, bis hin zu den Tiroler Berggipfeln im
Süden.
Von hier oben erschließt sich eine
Bergwelt, die bereits König Ludwig II faszinierte. (www.zwei-seen-land.de/koenig-der-berge)
Die neuen „König der Berge“-Themenwege am Herzogstand
laden dazu ein, die Bergwelt aus dem Blickwinkel des
Märchenkönigs neu zu entdecken. Leider sind die
Bergresidenzen des Königs am Herzogstand nicht mehr
erhalten, aber zahlreiche Informationstafeln und eine
ganz neue App vermitteln ein intensives Verständnis über
seine Aufenthalte. Weitere „König der Berge“-Themenwege
gibt es in Kochel am See und Schlehdorf. Wer sich
einlesen will, in das Leben des Königs, dem empfehlen
wir das gerade erschienene Buch von Marcus Spangenberg,
erschienen im Verlag Friedrich Pustet. (www.verlag-pustet.de/shop/item/9783791723082/ludwig-ii-von-marcus-spangenberg-kartoniertes-buch)
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Wasserkraftwerk Kochelsee |
Kunst trifft hier, am Kochelsee und
Walchensee, auf Natur und auch auf Technik: Im ersten
Viertel des 20. Jahrhunderts entstand das
eindrucksvolle, noch immer in Betrieb befindliche
Walchenseekraftwerk nach Plänen Oskar von Millers, das
die beiden Seen verbindet. Das Wasser des Walchensees
stürzt durch sechs Rohre in die Tiefe auf stromerzeugende Turbinen und wird dann in den Kochelsee
geleitet. (https://www.uniper.energy/de/deutschland/wasserkraft-deutschland/kraftwerksgruppe-isar/walchenseekraftwerk).
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Klosterkirche Schlehdorf
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Von hier aus, vom Wasserkraftwerk in
Altjoch am Kochelsee, wandern wir den Felsenweg nach
Schlehdorf (www.schlehdorf.de).
Das dauert etwas mehr als eine Stunde und bietet
spektakuläre Blicke auf den hier in schönstem
Smaragdgrün leuchtenden See. Schlehdorf ist ein
idyllischer Ort mit unter Denkmalschutz stehenden
Bauernhäusern aus dem 19. Jahrhundert. Die ehemalige
Klosterkirche und heutige Pfarrkirche St. Tertulin
stammt aus dem späten 18. Jahrhundert.
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Lainbachfälle
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Eine andere Wanderung führt über zum
Teil recht steile Stufen entlang des Lainbachs zu den
Lainbachfällen, wo wir zwei sympathische ehrenamtliche
Wegewarte treffen, die gerade dabei sind, in der schon
hochsommerlichen Mittagshitze den Weg auszubessern. Der
Lainbach-Wasserfall-Rundwanderweg endet nach etwa zwei
Stunden in der Nähe des Bahnhofs im überaus schmucken
Biergarten des Café König (www.cafekoenig-kochel.de),
wo wir die selbstgebackenen Kuchen und das Weißbier der
Brauerei Hopf wärmstens empfehlen können!
Und noch eine Radtour möchten wir
vorschlagen – und zwar durch die Loisach-Kochelsee-Moore,
wo über 200 Vogelarten nachgewiesen sind. Man startet am
Bahnhof Kochel und folgt von hier den Rad- oder
Wanderschildern. Abkühlung finden wir mit Blick auf die
noch zum Teil verschneiten Berggipfel am kleinen Eichsee
bei Großweil, der durch Grundwasser gespeist wird.
Am Nachmittag machen wir eine
Rundfahrt mit der „MS Herzogstand“ rund um den Kochelsee.
Wir starten an der Station Altjoch und Manfred Kneidl,
unser Kapitän, kommentiert die Fahrt mit Kenntnis und
sehr viel oberbayerischem Humor. Etwa 90 Minuten dauert
die Rundfahrt mit großartigen Blicken auf den Jochberg
und das Herzogstandmassiv – man kann aber auch nur von
Station zu Station mitfahren. Die Motorschifffahrt ist
Familientradition, schon in dritter Generation. Eng
verbunden ist Kneidl mit seiner Heimat – und die Mythen,
Geschichte und Geschichten gibt er gerne an seine Gäste
weiter. Die Fahrt geht zu Ende, die Sonne glitzert auf
dem See und wir sind nun die letzten Gäste. Morgen früh
geht es dann weiter mit der Schifffahrt auf dem Kochelsee. (www.motorschifffahrt-kochelsee.de)
Am nächsten Morgen treffen wir Max Leutenbauer
im Schusterhaus direkt am Bahnhof, das 2024
als Heimatmuseum eröffnet wurde. 2010 verstarb der
letzte Schuster Josef Schöfmann und das Haus wurde
danach umfassend restauriert, getragen und ausgeführt
maßgeblich vom „Verein für Heimatgeschichte im
Zweiseenland Kochel e. V.“, dem Leutenbauer vorsteht.
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Im Schusterhäusl |
Das Dorfmuseum erzählt die Geschichte
des Ortes umfassend und ist selbst ein besonderes
Denkmal. Das Schusterhäusl stammt aus dem 16.
Jahrhundert und umfasst neben der historischen
Schusterwerkstatt aus 10 Generationen Schusterei auch
mehrere andere Räume, die den Mythos des Schmied von
Kochel beleuchten, die Waldwirtschaft und Wilderei oder
auch den Tourismus, der hier zur Jahrhundertwende nach
und nach einsetzte.
Nach einer ausführlichen Führung
durch dieses heimelige Haus kehren wir noch in dem
angegliederten Café ein – auch hier wollen wir die
Kuchen ganz besonders empfehlen! (www.die-schweigerei.jimdosite.com)
Auch eine Tenne gibt es hier, für Wechselausstellungen,
Lesungen und Konzerte. Und so ist das Schusterhäusl ein
wunderbares Zeugnis bayerischer Arbeits- und Wohnkultur
– und auch dafür, was man im Verein durch ehrenamtliches
Engagement erreichen kann. Für die Instandsetzung und
Nutzungsänderung erhielt der Verein 2025 die Bayerische
Denkmalschutzmedaille.
Nach dem Museumsbesuch geht es gleich
weiter. Der Himmel hat sich ein wenig zugezogen und wir
besuchen die Kristall Therme Kochel direkt am Ufer des
Kochelsees – eine der schönsten Thermen- und
Saunalandschaften der Region mit dem wunderbaren
Bergpanorama des Herzogstand (www.kristall-trimini.de).
Bad Tölz und das Tölzer Land
Am nächsten Morgen brechen wir auf.
Aber wir haben es nicht weit. Kaum eine halbe Stunde
Fahrt ist es vom Kochelsee nach Bad Tölz. Vor uns
steigen die Berge an. Wir blicken gen Karwendel, dort
oben ist noch Schnee. Neben uns rauscht die Isar, hier
noch ganz ein Gebirgsfluss. Isarwinkel nennt sich die
Gegend bis zur Landesgrenze im Süden. Wir waren bereits
zwei Mal hier im Tölzer Land und haben auch darüber
berichtet:
www.google.com/search?client=marc+peschke+bad+tölz
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Foto (c) Stadt Bad Tölz |
Bad Tölz ist eine der schönsten
Städtchen im deutschen Alpenraum: eine kleine, aber
überaus lebendige Kreis- und Kurstadt, die als
Moorheilbad und heilklimatischer Kurort ausgezeichnet
ist: sehr charmant beidseitig der Isar gelegen mit einer
historischen, romantischen Altstadt, dem Kurviertel mit
Kurhaus und Kurpark, schönen Sakralbauten, einem
Kalvarienberg mit Kreuzweg – und der langen, berühmten
Marktstraße, die sich mit ihren farbenfrohen
Häuserfassaden bergan zieht. Die höchste Erhebung im
Landkreis ist der Schafreuter im Karwendel – und der ist
immerhin 2.102 Meter hoch.
Wer auf die Berge will, kann hier
einiges tun: Der Heimgarten ruft, der Herzogstand,
Jochberg, Blomberg, Benediktenwand und Brauneck. Aber es
gibt auch ein weitverzweigtes Radwege- und
Wanderwegenetz – und mit dem Naturfreibad Eichmühle, dem
nahegelegenen Kirchsee und dem Naturfreibad Lenggries
auch hervorragende Bademöglichkeiten. Etwas ganz
Besonderes ist auch das Tal der Jachenau, ein
sonnenverwöhntes Hochtal mit stattlichen, historischen
Bauernhöfen, das hinter Lenggries wieder zum
erfrischenden Walchensee führt – ein Wander- und
Langlaufparadies.
Auch hier im Isarwinkel gibt es viel
Kunst zu sehen, viel Kultur zu erleben, hier, in der
ganzen Region, wie etwa die Ausstellung „Fantasie in
Farbe" von Claudia Solbach und Katharina Andrée im
Stadtmuseum, die bis zum 26. Juli gezeigt wird. (https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/toelzer-stadtmuseum.html)
„Wenn zwei Künstler sich treffen und sich sympathisch
sind, ist es eine Freude, wenn man eine gemeinsame
Ausstellung gestaltet.“ Und ja, eine Freude ist es,
durch die Ausstellung zu gehen und vor allem auch dieses
wunderbare Museum wieder zu sehen. Auf über 800 qm kann
man hier tief eintauchen in die Kulturgeschichte der
Region.
„Land und Bewohner“ ist das
Leitthema im ersten Obergeschoss mit Themen wie dem
Floßhandel bis ans Schwarze Meer und der
Bierbrautradition in Tölz. Das zweite Stockwerk ist
„Adel und Bürgertum“ gewidmet. Hier wird unter anderem
die Geschichte der adeligen Hochwildjagd im Isarwinkel
erzählt und auch das traditionsreiche Tölzer
Marionettentheater sowie die städtische Musikgeschichte
werden vorgestellt. Das dritte Stockwerk gibt Einblick
in Themen wie Volksglaube und Traditionen wie die
berühmte Tölzer Leonhardifahrt am 6. November – eine
Galerie für sakrale Skulptur hat hier ihren Platz und
auch die Literatur- und Architekturgeschichte wird in
den Fokus genommen. Und, ja, auch König Ludwig II.
begegnen wir hier wieder: Aus dem königlichen
Jagdschloss in Vorderriß ganz in der Nähe, direkt an der
Grenze zu Tirol, wo der König zweimal jährlich weilte,
stammt seine Badewanne, die im Museum zu sehen ist. Ein
eigener Raum ist dem Münchner Architekten und
Heimatpfleger Gabriel von Seidl gewidmet, der zu Beginn
des 20. Jahrhunderts immer wieder als „Sommerfrischler“
in Bad Tölz weilte. Ihm ist unter anderem die
hervorragende Umgestaltung der Fassaden mit Lüftlmalerei
in der Tölzer Marktstraße zu verdanken.
Nur wenige Kilometer von Bad Tölz
wartet die nächste Ausstellung auf uns in dieser so
kunstreichen Landschaft. Ganz in der Nähe liegt das
Museum Penzberg (www.museum-penzberg.de)
mit der Sammlung von Werken Heinrich Campendonks. Der
2016 wiedereröffnete Zwillingsbau des Museums mit einem
Alt- und einem von der Kubatur ganz ähnlichen Neubau ist
mit seiner dunklen Klinkerfassade (Architekt: Thomas Grubert) eine architektonische Attraktion – die
Dauerausstellung versammelt hervorragende Werke
Campendonks, der 1911 auf Einladung von Marc und
Kandinsky aus dem Rheinland ins Tölzer Land übersiedelte
und das jüngste Mitglied des „Blauen Reiter“ wurde.
Die aktuelle Sonderausstellung „Campendonk
malt Blau“ präsentiert bis zum 28. Juni seine blauen
Bilder: In die Ferne ziehende Gänse, auf dem Wasser
schaukelnde Boote, blaue Figuren, Ölgemälde,
Hinterglasbilder, auch selten oder noch nie gezeigte
Arbeiten auf Papier, zumeist aus der eigenen Sammlung.
„Das Blau, die typisch himmlische Farbe, der stärkste
Gegensatz zu dem irdischen Gelb strahlt nicht wie dieses
über die begrenzende Form hinaus und nähert sich uns,
sondern die Bewegung geht nach innen wie die Windungen
eines Schneckenhauses“, so formulierte Campendonk – und
ja, so sind auch seine Bilder.
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Olaf Gulbransson Museum in
Tegernsee |
Ein weiteres Museum ganz in der Nähe
von Bad Tölz ist das Olaf Gulbransson Museum in
Tegernsee, das sich seit 1966 dem Andenken des Künstler
widmet, der als Karikaturist des „Simplicissimus“
bekannt wurde und sich in den 1920er Jahren am Tegernsee
niederließ. (www.olaf-gulbransson-museum.de)
Das Museum, das auch die unrühmliche Rolle des Norwegers
in der NS-Zeit nicht verschweigt, eine Zweiggalerie der
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, liegt elegant im
Kurgarten oberhalb des Sees und richtet immer wieder
auch Sonderausstellungen aus. Der vor einigen Jahren
erweiterte Pavillon-Bau von Sep Ruf ist ein
beachtenswertes Architekturbeispiel seiner Zeit – bis
zum 6. September ist hier eine große Schau über die ZERO-Bewegung zu sehen, also vor allem Arbeiten aus den
1950er und 1960er Jahren, unter anderem von Heinz Mack,
Otto Piene und Günther Uecker.
Die Stunde Null, ZERO, begann 1957 in
Düsseldorf. Aber auch das Ende der Gruppe war furios:
1966 versenkten sie einen brennenden Wagen im Rhein, wie
Mack beschrieben hat: „1966 fand ZERO ein positives
Ende. Über tausend Menschen haben es in einer Nacht
gefeiert. Ich selbst hatte mir dieses Ende gewünscht:
ein Ende, das ich genau so befreiend fand wie den Anfang
von ZERO.“ Die Leihgaben stammen aus Privatsammlungen,
der ZERO foundation Düsseldorf und der MACK FOUNDATION.
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Fronleichnamsprozession Lenggries
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Der Frühsommer in und um Bad Tölz ist
eine herrliche Zeit. Wir erleben die prachtvollen
Fronleichnamsprozessionen der Region, die den lebendigen
Volksglauben eindrücklich widerspiegeln, genauso wie
kulturelle Veranstaltungen wie das „Sound. Fest. Tölz“,
ein Open-Air-Popfestival im stimmungsvollen Tölzer
Rosengarten, wo in diesem Jahr unter anderem die
Münchner Reggae-Band Jamaram zu sehen war.
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Atelier Wiegerling Gaißach |
Erwin Wiegerling |
Am nächsten Tag geht es weiter mit
der Bildenden Kunst im Isarwinkel: Wir besuchen die
Ausstellung „Wenn der Tag Bricht“: Werke des Königsdorfer
Kunstmalers Georg Demmel aus der Sammlung Pittroff im
Atelier FORUM LIN des Restaurators, Kirchenmalers und
Künstlers Erwin Wiegerling in Gaißach, wenige Kilometer
hinter Bad Tölz Richtung Lenggries. (http://hommage.e-lin.de/)
Noch bis zum 6. Dezember zeigt die dialogische Schau die
bäuerlichen und religiösen Szenen Demmels (1899-1972),
der Mitglied der Münchner Sezession war, im Kontrast zu
den zeitgenössischen Werken Wiegerlings, der sich „e.lin“
nennt.
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Gaißach |
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Die Schau im imposanten
Großraum-Atelier Wiegerlings wurde zusammen mit Michael
Demmel, dem Großneffen des Künstlers und dem Tölzer
Autor Walter Frei konzipiert und stellt das Gesamtwerk Demmels in einem ganz und gar ungewöhnlichen
Atelier-Ambiente vor: Zeichnungen, Aquarelle und
Gemälde, Fresken und Hinterglas-Arbeiten des bedeutenden
Chronisten bäuerlicher Lebenswelten sind zu sehen. Im
Hirmer-Verlag ist ein wunderbares Buch über das Schaffen
Demmels erschienen. (https://shop.hirmerverlag.de/Georg-Demmel/202605010869)
Wenige Tage später empfängt uns Erwin
Wiegerling zusammen mit seiner Schwester Eva Wiegerling-Hundbiß und führt uns persönlich durch sein
Atelier, wo immer wieder auch Veranstaltungen, etwa
Konzerte stattfinden. Die geistige Nähe seiner eigenen
Werke zu denen Demmels liegt vor allem in der engen
Verbundenheit mit der Natur seiner Heimat: Beide
Künstler schöpfen ihre Inspiration aus der Landschaft,
den Materialien und den Lebensformen des oberbayerischen
Raums. Während Demmel in seinen Bildern das bäuerliche
Leben, die Natur und die Menschen seiner Umgebung
festhielt, verarbeitet Wiegerling natürliche Materialien
wie Erde, Holz, Steine oder Schilf ganz unmittelbar in
seinen Werken. Beide verstehen Kunst auch als Ergebnis
sorgfältiger handwerklicher Arbeit. Wiegerling
betrachtet Demmel als wichtigen Mentor und Vorbild,
dessen Kunstauffassung sein eigenes Schaffen nachhaltig
beeinflusst hat – auf der Suche nach dem Wesentlichen.
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Faltboot Regatta in Bad Tölz,
Foto (c) Stadt Bad Tölz |
Mittags treffen wir dann Romy Brandl
und Markus Mittermair von Bad Tölz Tourismus im Gasthaus
Schlössl in Bad Tölz, die uns schon jetzt begeistert von
einer Veranstaltung im September berichten. Vom 10. bis
13. September bringt das Tölzer Fluss-Film-Festival
internationale Reise-, Natur- und Outdoorfilme an die
Isar, verbindet Filmkultur mit Wassersport,
Naturerlebnis und regionaler Flusstradition.
Besucherinnen und Besucher erwartet ein vielseitiges
Programm aus Filmvorführungen, Events und der
traditionellen Isarregatta des Deutschen
Touring-Kajak-Clubs. Die Freunde Historischer Faltboote
e.V., der Isarfalter sowie der Bayerische Kanu Verband
sind weitere Partner der Veranstaltung.
Eine besondere Bedeutung erhält die
Ausgabe 2026 durch die Widmung an den verstorbenen
Wassersportliebhaber Ralf Petsching. Mit dabei ist
außerdem Adrian Matern, einer der besten Kajaksportler
der Welt, sowie der Filmemacher Olaf Obsommer. Toni
Grießbach, selbst Kajakfahrer, Fotograf und Filmer, wird
das Festival bereichern – und auch Jürgen Eichinger, der
bekannte Naturfilmer des Bayerischen Rundfunks.
Verankert ist das Festival in der
Geschichte der Stadt selbst: Mit der historischen
Pionier-Faltboot-Werft begann in Bad Tölz vor über 100
Jahren eine Tradition, die den Wassersport nachhaltig
prägte. Die legendären Faltboote machten Expeditionen
und Flussreisen weltweit erst möglich – eine Geschichte,
ein Geist, der hier bis heute nachwirkt und auch im
Stadtmuseum präsentiert wird. (https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/toelzer-flussfilmfestival.html)
Hier im Stadtmuseum kommen wir am
Abend noch in den Genuss eines Vortrag von Stadtarchivar
(https://stadt.bad-toelz.de/leben-bildung-freizeit/kultureinrichtungen-der-stadt/stadtarchiv)
Sebastian Lindmeyr und Birgit Botzenhart, die anhand der
Tölzer Stadtchronik einen unterhaltsamen Streifzug durch
das Bad Tölz des Jahres 1926 unternehmen. Die Geschichte
der Stadt fasziniert uns, die Geschichte der ganzen
Region, die uns immer mehr ans Herz gewachsen ist.
Besonders faszinierend ist hier die Verbindung von
historischer Kontinuität und lebendiger Gegenwart: Bad
Tölz und der Isarwinkel bewahren ihr reiches kulturelles
Erbe nicht als museales Relikt, sondern als lebendigen
Bestandteil ihrer Identität. Auch gerade darin liegt die
besondere Ausstrahlung dieser Region am Alpenrand.
Autor und Fotos (c) Marc Peschke
www.zwei-seen-land.de
www.bad-toelz.de
Zum Weiterlesen:
www.verlag-pustet.de/shop/item/9783791723082/ludwig-ii-von-marcus-spangenberg-kartoniertes-buch
www.rother.de/de/isarwinkel-3.html
Lilian Schacherl: Oberbayern. Prestel Verlag. München
2000.