Iveta Apkalna gehört seit Jahren
zu den prägenden
Persönlichkeiten der
internationalen Orgelszene. Mit
ihrer außergewöhnlichen
technischen Souveränität und
einem ausgeprägten Gespür für
Klangfarben hat sie die Orgel
als modernes,
hochdifferenziertes
Konzertinstrument etabliert.
Apkalna verbindet analytische
Klarheit mit emotionaler
Intensität und versteht es,
selbst komplexe musikalische
Strukturen transparent und
spannungsvoll zu gestalten. Ihre
Interpretationen zeichnen sich
durch eine präzise
Registrierung, ein feines Gespür
für Raumakustik und eine starke
dramaturgische Handschrift aus.
Damit überschreitet sie bewusst
die Grenzen traditioneller
Orgelaufführung und prägt das
zeitgenössische Bild des
Instruments nachhaltig.
Der
Staatschor Latvija, größtes professionelles
Vokalensemble des Baltikums und eine der führenden
Chorstimmen Europas, präsentierte den
charakteristischen, klar fokussierten Klang der
lettischen Chortradition – kultiviert, diszipliniert und
von großer Ausdruckskraft.
Im Zentrum
des Programms in der Alten Oper stand die Beziehung
zwischen Orgel und Chor, nicht als Konkurrenz
monumentaler Klangkörper, sondern als fein austarierte
Partnerschaft. Den Auftakt bildete Lionel Roggs „La Cité
céleste“ aus den Deux Visions de l’Apocalypse,
ein Werk von leuchtender Klangsprache, das Apkalna mit
großer Klarheit strukturierte. Ihre differenzierte
Registrierung ließ die Visionen zwischen irisierender
Transparenz und eruptiver Kraft entstehen.
Mit William
Byrds „Ave verum corpus“ öffnete sich der Raum in
Richtung meditativer Innerlichkeit. Der Staatschor
Latvija überzeugte hier wie im gesamten Konzert mit
homogenen Stimmgruppen, präziser Intonation und einer
klanglichen Disziplin, die selbst leise Passagen von
hoher Spannung trug. Diese Qualitäten kamen auch in
Benjamin Brittens festlichem Te Deum in C-Dur für
Sopran, Chor und Orgel eindrucksvoll zur Geltung:
rhythmisch prägnant, zugleich von strahlender Zuversicht
getragen.
Ein
besonderer Akzent des Abends lag auf der Musik
baltischer Komponisten. Rihards Dubras „Herr, bleib bei
uns!“ und Pēteris Vasks’ eindringliches „Dona nobis
pacem“ verliehen dem Konzert eine aktuelle, fast
politische Dimension. In diesen Werken verband sich
schlichte Klangsprache mit existenzieller Dringlichkeit
– eindrucksvoll getragen von der ruhigen Autorität des
Chores und Apkalnas sensibler, nie dominierender
Orgelbegleitung.
Johann
Sebastian Bachs Fantasie G-Dur BWV 572, die berühmte „Pièce
d’Orgue“, markierte einen solistischen Höhepunkt.
Apkalna ließ die Architektur dieses Werks plastisch
hervortreten: der majestätische Mittelteil von strenger
Größe, flankiert von lebendiger Beweglichkeit und
kontrollierter Kraft. Hier zeigte sich ihre
Meisterschaft im Umgang mit Raum, Klangbalance und
musikalischer Dramaturgie.
Mit Edward
Elgars „Lux Aeterna“ sowie Purcells „Hear my Prayer, O
Lord“ in der Bearbeitung von Sven David Sandström
verdichtete sich die emotionale Intensität des Abends.
Besonders letzteres Werk entwickelte eine eindringliche
Spannung, die sich aus der schrittweisen klanglichen
Steigerung speiste und in der Akustik der Alten Oper
nachhaltig wirkte. Thierry Escaichs „Evocation II“ sowie
drei Motetten für Chor und Orgel führten das Programm in
die Gegenwart fort. Den Schlusspunkt setzte Henry
Balfour Gardiners „Evening Hymn“.
Mit diesem
Konzert erwiesen Iveta Apkalna, der Staatschor Latvija
und Māris Sirmais der geistlichen Chormusik mit
Orgelbegleitung eine eindrucksvolle Reverenz und zeigten
zugleich, wie berührend diese Musik bis heute sein kann.
Sie machten den Abend in der Alten Oper Frankfurt zu
einem eindrucksvollen Plädoyer für die zeitlose Kraft
geistlicher Musik.