7th June – 12th July 2024

The two popes - English Theatre - Zoogesellschaftshaus - Aufführung vom 18. Juni 2024

Spielbeginn ist abends um 19:30 Uhr noch vor Dunkelheit zu dieser Jahreszeit. Der Eingang befindet sich seitlich, links im Zoogesellschaftshaus von der Haupttreppe aus. Eine Begrüßung an der Tür und Empfang der Gäste sind herzlich. Eintrittskarten gibt's gleich am Ticketschalter im Vorraum. Die Theaterbühne befindet sich im 2. Stock, eine halbgewendelte Treppe führt nach oben. Im 1. Stock ist die Bar. Das Stück 'The two Popes' A papal tête-à-tête by Anthony McCarten hat zwei Akte mit unterschiedlicher Länge und einer zwanzigminütigen Pause, um frische Luft zu schnappen. Die Gesamtspielzeit beträgt knapp zweieinhalb Stunden. Die Bühne ist stimmungsvoll eingerichtet, die vier Schauspieler auf der Bühne sind es auch. Ersteres, der Beleuchtungstechnik sei Dank, letzteres hängt ab von vielen Faktoren, die menschliche Natur ist individuell. Die Publikumsränge könnten aus meiner Sicht noch etwas voller werden.

 

Eine intime Geschichte über einen der dramatischsten Machtwechsel. Frustriert über den Kurs der Kirche bittet Kardinal Bergoglio 2012 Papst Benedikt XVI. um die Erlaubnis, in den Ruhestand zu treten. Eine witzige Szene, die sich da auf der Bühne abspielt, da der 'deutsche Papst' bekannterweise ebenfalls zurücktritt. Und das zu seinen Lebzeiten, was innerhalb der katholischen Kirche normalerweise nicht geht. Das Amt ist auf Lebenszeit. Kardinal und Papst treffen sich zu Kaffee und Kuchen in häuslicher Umgebung, ganz nett so als wären sie daheim. Die Bühnentechnik ist einfach, aber wirkungsvoll gesetzt. In der unteren Ecke links flimmert scheinbar ein Fernsehgerät, der Empfang ist äußerst schlecht, so in den Gesichtern der Davorstehenden ablesbar. Schwester Brigitta gibt zu verstehen, indem sie mit der Analogantenne auf Suche geht, um den passenden Sender ins Programm zu bekommen.
 

 

 

Litfaßsäule mit Plakat

Schwester Brigitta (Kate Milner-Evans) ist gütig in ihrer Art. Sie sorgt sich um das Oberhaupt der Kirche, jedoch nicht ohne einen gewissen Witz auszustrahlen. Es gibt viel zu erzählen zwischen seiner Heiligkeit Papst Benedikt (David Acton) und Schwester Brigitta. Während des Dinners, zur abendlichen Suppe, bleiben geheime Jugendsünden nicht ausgespart. Satire, die die wirklichen Verhältnisse innerhalb der katholischen Kirche weit übertrifft, so dass eine eigenwillig häusliche Autonomie in der Szenerie zum Vorschein kommt, die nicht bösartig ist, sondern ganz elementare Bedürfnisse nach menschlicher Nähe und Zusammenhalt wach werden lässt. Was so oder so ähnlich auch zu Hause hinter den eigenen vier Wänden spielen kann. Die Dialoge lassen einen kirchlichen Hintergrund vermuten, ein Rahmen der gewahrt bleibt. Das Stück ist mit lateinisch klingenden Zitaten durchsetzt manchmal sogar auf Deutsch, denn Weißbier und Knödel brachte Papst Benedikt aus seiner bayrischen Heimat mit nach Rom und zelebrierte dies auch.

Genauso geht es zu bei Kardinal Bergoglio gespielt von Michael Fenner, wenn auch etwas schlichter, anfangs nicht in Weiß gekleidet sondern Schwarz und Rot ist das Gewand. Pili Vergara, argentinischer Herkunft, spielt Schwester Sophia, die stets in Bergoglios Umgebung verweilt und sich um Belange seines Haushalts kümmert. Einmal tritt sie im Trikot der Schweizergarde während des Aufenthalts im Petersdom auf. Der erste Akt behandelt weitestgehend die häusliche Umgebung der beiden Kirchenoberhäupter aus zwei verschiedenen Einstellungen. Der zweite Akt berührt stärker die Thematik des Machtwechsels im Stück. Die Auswahl eines Nachfolgers für Papst Benedikt soll gewissenhaft sein. Bergoglio wird auf die Probe gestellt, muss Rede und Antwort stehen. Eine Sekunde der Nachlässigkeit in der sein Gegenüber, Papst Benedikt von einer schleichenden Müdigkeit überfallen wird, die Fernbedienung des TV-Geräts scheint ihm aus der Hand zu gleiten. Dies nutzt Bergoglio sogleich für sich, um das Gerät an sich zu nehmen und umzuschalten auf einen Sender mit aktuellen Wettergebnissen: Die Szene mit niederen Instinkten missrät. Papst Benedikt erwacht, erschreckt vom Versuch die Fernbedienung abgenommen zu bekommen. Der Kardinal windet sich mit Ausreden aus der Situation, um die er nicht verlegen ist. Dialoge verraten etwas über den Kern seiner Bestimmung. Beide debattieren über ihr Leben, der eine, der die Nazizeit erlebte, der andere, der die politische Diktatur seines Landes in Argentinien durchlebt hat. Beide sind Mitspieler, einer nicht besser als der andere. Aufrührend die Szene aus dem 2. Akt die im Petersdom in Rom spielt. Beide Akteure nehmen Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle in Augenschein und halten einen Moment des Erstaunens inne.
 

Regisseurin Psyche Stott, die zum dritten Mal für das English Theatre Frankfurt inszeniert, rückt eindrucksvoll die weltanschaulichen Gegensätze von Papst Benedikt XVI. und Kardinal  Bergoglio/ Papst Franziskus in den Mittelpunkt ihrer Produkion. „The Two Popes“ verwebt die Geschichte dieser beiden Männer meisterhaft zu einer fesselnden Erzählung. Dabei kontrastiert Psyche auch deren Menschlichkeit (und Sündhaftigkeit) mit der von der katholischen Kirche oktroyierten Unfehlbarkeit. Denn: Wenn, wie die Kirche lehrt, der Papst unfehlbar ist, wie können dann zwei lebende Päpste, die in fast allem uneinig sind, beide Recht haben?

 

Ein längerer Dialog setzt sich mit der Frage auseinander, hat Kardinal Bergoglio jemals schlechte Worte über den amtierenden Papst Benedikt verlauten lassen, auch wenn dies nur scheinbar und im Verlauf einer Unterhaltung passiert sein sollte. Papst Benedikt ist in diesen Dingen gewissenhaft und will sich seiner Loyalität sicher sein, bevor er sein Amt übergibt.

 

Bühnenbildner und Kostüme: Katie Lias
Lichtdesign: Neill Brinkworth
Sound: Adrienne Quartly

 

Siehe auch Veranstaltungshinweis: The two popes

 

 

   

 

 

   

Kulturexpress ISSN 1862-1996

 vom 20. Juni 2024