Deshalb waren die Juroren vom Stadtplanungsamt der Stadt Frankfurt von vornherein unzufrieden mit den eingereichten Wettbewerbsentwürfen. Im Januar 2009 zur Preisvergabe wurde deshalb erst gar kein erster Platz vergeben. Nur ein zweiter und dritter Platz gewannen den Wettbewerb. Gleich zu Anfang wurde gesagt, es werde mindestens noch zwei Jahre dauern bis eine Entscheidung gefällt sei. Nicht ohne Grund fällt eine Entscheidung schwer, der Hauptbahnhof ist schließlich genauso Sache der Bewohner, die in dieser Phase der Planung noch gar nicht offen gefragt wurden. Dieses Szenario steht noch bevor, wie der Bürger darauf reagiert. Ein Katalog an Nachforderungen sollte bis April 2009 fertig gestellt sein.
Viel Grün wird versprochen. Straßenbahnen sollen wie auf Kufen in ihrer Fahrrinne dahin gleiten, dank neuer Technologie. Ungestört von den Fußgängern, die sich kreuz und quer über den Platz bewegen, scheint die Straßenbahn kein Hindernis mehr zu sein. Im Vorschlag mit dem 2. Preis von Schneider+Schumacher sollen die Schienen in der Nähe am Haupteingang vorbei verlaufen, so steht es in den überarbeiteten Plänen wie sie im Juli 2010 vorgestellt wurden. Wie gefährlich eine Straßenbahn sein kann, beweisen die tödlichen Unfälle, die immer wieder in Frankfurt passieren, wie dies im Haltestellenbereich der Hügelstraße der Fall war. Das Argument am Hauptbahnhof soll ein Platz mit Atmosphäre wie an der "Hauptwache" oder auf der "Zeil" entstehen, ist nicht haltbar, schließlich handelt es sich am Bahnhofsvorplatz um einen Verkehrsknotenpunkt an dem sich Berufspendler und Reisende treffen, um schnell von einem Ort an den anderen zu gelangen.
Die Hektik des Getriebes soll jetzt durch einen Paradeplatz nach Lyoner Vorbild mit Baumgruppen und netten Cafés ausgehebelt werden. Was geschehen wird, ist, daß jeder in seine eigene Ecke flüchtet. Folge daraus ist eine weitläufige Zerstreuung vielleicht sogar nach Interessengruppen. Was nicht geschieht, ist Bündlung, Kreuzpunkt und Schnittstelle, wofür sich der Bahnhofsvorplatz in Frankfurt bisher immer ausgezeichnet hat. Diese Konzentration der Bündelung ist meiner Meinung nach die Ursache für den Lebensnerv einer Stadt.
Während des ersten Vortrags durch Joachim Wendt von Schneider+Schumacher am 2. Juli in den Räumen des Deutschen Werkbund, DWB in Frankfurt, wurde in der Einführung des Vortrags das Hauptbahnhof-Gemälde von Max Beckmann aus dem Jahre 1943 vorgestellt. Typisch für den Maler ist ein stark graphischer Bezug mit Überschneidungen, die sich häufig an einem Ort bündeln.
Im Unterschied dazu sieht das Büro Topotek, das den 3. Platz belegte, vor die Gleisen nicht mitten über den Platz vor dem Bahnhof laufen zu lassen, sondern Schiene und Haltestelle rücken nach außen an die Häuserfront zwischen Taunusstraße, Kaisersack und Münchener Straße. Der Bürgersteigstreifen entlang der Straße soll hier mit Läden, Straßencafés und Baumreihen aufgewertet werden, die sich aus Platzgründen in einem der Entwürfe vorher von drei auf jetzt ein oder zwei Reihen reduziert haben. Dadurch wird das Areal vor dem Hauptbahnhof größer, es entsteht mehr Platz für Fußgänger. Es wurden hierzu von den Architekturbüros erste Umfragen gestartet, um das Nutzerverhalten auf dem Bürgersteigstreifen gegenüber vom Bahnhof besser einschätzen zu lernen.
Linienbusse werden nach Topotek in den Bereich an der Südseite verschoben, wo heute die Taxis stehen. Das bedeutet Fußweg, um von den Straßebahnen bis zu den Linienbussen zu gelangen. An dieser Straßenecke ist relativ wenig Platz für eine Haltestelle, zudem muß der Bus um den Block fahren, um bis auf die Fahrstraße zu gelangen.
Zusätzlich erscheinen beim dritten Preisträger zwei ovalförmige Brunnenanlagen auf dem Plan, die gleichzeitig als Bühne oder zur Präsentation für Werbezwecke genutzt werden. Die Wasserspeier sind so angelegt, daß das Wasser von der Mitte aus über eine glatte Oberfläche rinnt und über die Ränder abwärts wieder kanalisiert wird. Dadurch soll in den Sommermonaten wohltuende Nässe entstehen, ohne die Verschmutzungsgefahr in einem Brunnenbecken zu haben. Eine Lösung die nicht neu aber durchaus passabel ist. Topotek sieht außerdem sehr hohe Laternenpfähle vor, Vorbild dafür waren alte Ansichten aus der Bauzeit des Frankfurter Hauptbahnhof im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit standen die dekorierten Laternenpfähle weiträumig um das Bahnhofsportal. Heutzutage soll das Licht durch energiesparende LED-Leuchten ersetzt werden, um die Fläche effektvoll auszuleuchten.
Auf der Nordseite ist bei Topotek ein eigenes, individuelles Fahrradhaus geplant. Die Erschließung über den Posttunnel, der quer unter den Gleisen verläuft, soll zugunsten einer Einkaufspassage verbreitert werden. Die Publikumsnutzung des Tunnels war vom Wettbewerbsausrichter gefordert.
Den Parkplatz an der Mannheimer Straße vor der Südseite des Bahnhofs wird es in dieser Form nicht mehr geben. Das ist schon lange klar. Stattdessen soll ein Busterminal entstehen, das in beiden Entwürfen auf dem gleichen Areal liegt, aber gebäudetechnisch unterschiedlicher Ausprägung ist. Die Busparkplätze, bisher an der Vorderseite des Hauptbahnhofs sollen verschwinden. Dort entsteht Platz für zusätzliche Läden und Restaurants. Eventuell sollen große Schirme aufgespannt werden. Es soll am Bahnhof weniger Taxiplätze geben als bisher, die zudem an die Nordseite verschoben sind.
Das Hochhaus, das ursprünglich zum Busterminal geplant war, wurde aus Kostengründen gestrichen. Ist auf den Plänen aber noch als Bauwerk eingetragen und wirft einen langen Schatten über das Bahnhofsdach. Eine Besonderheit ergibt sich, wer vom Basler Platz aus in Richtung Bahnhof fährt. Im neuen Plan wird an eine Unterführung gedacht, die mit dem Auto befahrbar ist. Dieser unterirdische Tunnel mit Einfahrt zwischen Basler Platz und Hauptbahnhof geht bis zu den Tiefebenen hinunter und soll Parkmöglichkeiten bieten, um Reisende vom Bahnhof abzuholen oder abzuliefern und Gepäck ein- und auszuräumen. Jedenfalls ist das eine Neuerung zu dem, was im Januar 2009 gesagt wurde.
Der Entwurf von Schneider+Schumacher sieht zudem beleuchtete Bodenplatten vor, die vereinzelt über den Bahnhofsplatz verteilt sind wie in einem Mosaik. Gleichzeitig dienen die Bodenplatten als Oberlicht für die darunter liegende B-Ebene, die im übrigen weitestgehend unverändert bleiben soll, erklärte Joachim Wendt am 2. Juli, der bei Schneider+Schumacher an der Werkplanung beteiligt ist. Der mittig auf dem Vorplatz liegende Eingang zur B-Ebene soll geschlossen werden bei beiden Preisträgern.
Gleichwohl die Erneuerung schon einen Vorteil hat gegenüber dem, was jetzt dort ist. Gegen die Illusion eines breiten Platzes spricht aber das hohe Verkehrsaufkommen durch die Autos, die wie bisher am Hauptbahnhof vorbei fahren werden. Die Anzahl der Fahrspuren soll zwar auf vier begrenzt sein, aber eine völlige Umwandlung in eine Fußgängerzone ist nicht vorgesehen, weil Autos irgendwo fahren müssen und für diese Strecke kein Ersatz gefunden wurde.
Auf die Frage, woher die Hoffnung stammt einen freien Platz gestalten zu können, antwortete der in Berlin lebende Darmstädter Lorenz Dexler, Landschaftsarchitekt bei Topotek mit: naiver Optimismus.
Der Frankfurter Hauptbahnhof ist jeden Tag für etwa 350.000 Besucher und Pendler der erste Berührungspunkt mit der Stadt Frankfurt am Main. Mehr als 350 Fernzüge der Deutschen Bahn AG fahren ihn täglich an; hinzu kommen der Regionalverkehr, die U- und S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse. Der Frankfurter Hauptbahnhof ist damit der wichtigste Verkehrsknoten der Stadt und zugleich Eingangstor und Aushängeschild.
Der Bahnhofsvorplatz und die beiden seitlichen Plätze werden dieser Bedeutung in keiner Weise mehr gerecht: Das Umfeld um den Frankfurter Hauptbahnhof mit seinem nach Osten, zur Innenstadt ausgerichteten zentralen Bahnhofsvorplatz, dem südlichen Bahnhofsvorplatz (Mannheimer Straße) und dem nördlichen Bahnhofsvorplatz (Poststraße) bedarf dringend einer gestalterischen Aufwertung in Zusammenhang mit einer funktionalen sowie verkehrstechnischen Neuordnung.
2. Preis - 20.000 Euro
lad + I landschaftsarchitektur, Hannover / Auszug aus der Beurteilung der Jury zum 2. Preis Die Arbeit besticht durch ihren Ansatz durch die Abkoppelung von Post- und Mannheimer Straße einen großzügigen Platz zu schaffen, der dem Fußgänger einen komfortablen Zugang in und aus dem Gebäude und vielfältige Bewegungsrichtungen ermöglicht. Gleichzeitig werden das prominente Gebäude und seine drei Eingangssituationen freigestellt. Der Platz wird sinnvoll in verschiedene Bereiche eingeteilt. Aufgrund des großzügigen Gesamtzuschnittes des Platzes wurden aber diverse verkehrliche Belange nicht ausreichend erfüllt. Die Idee mit durchgesteckten Belichtungselementen, die unter dem Bahnhofsvorplatz liegende B-Ebene atmosphärisch aufzuwerten, wird von Teilen der Jury als nicht realisierbar angesehen. Ein Konzept, das den Ort durch seine Zeichenhaftigkeit in einen ganz besonderen Ort verwandeln könnte und durch das Angebot einer kontinuierlich wechselnden Bespielung dem Anspruch einer metropolitanen, urbanen Bühne gerecht wird.
3. Preis - 15.000 Euro
Auszug aus der Beurteilung der Jury zum 3. Preis Die Arbeit besticht durch eine klare städtebaulich freiraumplanerische Gesamtidee. Der Entwurf führt zu einem weiten Platzraum, der sich in gleicher Weise auf den Bahnhof als auch auf die Stadtseite bezieht. Der Umgang mit den Verkehrsfunktionen ist ungezwungen, effektiv und flächensparsam. Der Platz schafft in der räumlichen Wahrnehmung neue Verbindungen zwischen Bahnhof und Stadt, funktional hervorgehoben durch neue ebenerdige Übergänge. Die konsequent offene Vorzone ermöglicht, die Fassade des Bahnhofes vollständig freizustellen und das denkmalgeschützte Gebäude entsprechend zu würdigen. Die Funktionen der Verkehre werden bewußt gebündelt und der Stadtseite zugeordnet. Die gemeinsame Nutzung der Haltestelle durch Straßenbahn und Busse führt jedoch zu Konflikten. Die Lage der Bushaltestelle war im Januar 2009 überarbeitungsbedürftig.
4. Preis - 10.000 Euro
Zusammensetzung des Preisgerichtes
- Lutz Sikorski, Verkehrsdezernent der Stadt
Frankfurt am Main Darüber hinaus waren Stellvertretende Preisrichter und eine Vielzahl von Sachverständigen von Stadt Frankfurt, Deutsche Bahn AG, Politik und unterschiedlichsten Fachbereichen in den Entscheidungsprozeß eingebunden. Wettbewerbsmanagement ANP - Architektur- und Planungsgesellschaft mbH Bergholter/Ettinger-Brinckmann Kassel
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vom 14. August 2010 |