WEM GEHÖRT DIE STADT – BÜRGER IN BEWEGUNG (BRD 2014)

 Schwarz Weiss Filmverleih   Spieldauer: 87 Min.      Kinostart: 19. Feb. 2015

Zum Trailer: Wem gehört die Stadt   

Ein Film von Anna Ditges, Format 16:9 HD

Handlungsort folgenden Dokumentarfilms vor politischem Hintergrund ist die Großstadt Köln. Zwei gegensätzliche Positionen stehen am Pranger und sich fundamental gegenüber. Stadtplaner und Architekten auf der einen Seite mit einem Neubauprojekt. Demgegenüber stehen Bürger des Kölner Stadtteils Ehrenfeld, die sich wehren und sich dazu in Bürgerinitiativen organisiert haben. Verschiedene Stellungnahmen zur Sache folgen im Film. 

WEM GEHÖRT DIE STADT – Den Bauherren, die sie kaufen? Den Beamten, die sie verwalten? Oder den Menschen, die sie bewohnen? In ihrem neuen Dokumentarfilm beobachtet die Kölner Filmemacherin Anna Ditges BÜRGER IN BEWEGUNG. Was passiert, wenn Anwohner, Investoren, Politiker und Stadtplaner ihre ganz unterschiedlichen Vorstellungen von der Zukunft ihres Viertels unter einen Hut bringen müssen?

SYNOPSIS

Mit unverstelltem Blick und einem Augenzwinkern erzählt die Kölner Filmemacherin Anna Ditges in ihrem Kinofilm WEM GEHÖRT DIE STADT – BÜRGER IN BEWEGUNG von einer existenziellen Auseinandersetzung zwischen Menschen mit unterschiedlichen, oft unvereinbaren Lebenswelten und Wertevorstellungen.

Als ein Großinvestor ankündigt, auf einem ehemaligen Industrieareal mitten in Köln-Ehrenfeld eine Shopping Mall zu bauen, werden Proteste laut. Der Bürgermeister des Stadtteils versucht zu vermitteln: Er möchte die Anwohner an der Gestaltung ihres Viertels beteiligen. Doch während in der Bürgerinitiative noch über visionäre Alternativen diskutiert wird, hat die Stadtverwaltung schon ganz andere Pläne auf dem Tisch... Im Spannungsfeld von Engagement, Eigennutz und Sinnstiftung geht der Film der Frage nach, wie Demokratie im Alltag funktionieren kann und wie viel politische Verantwortung die eigene Heimat für jeden Einzelnen bedeutet.

Zum Inhalt

Das Heliosgelände, zentraler Schauplatz von Anna Ditges’ Dokumentarfilm WEM GEHÖRT DIE STADT - BÜRGER IN BEWEGUNG, gilt als “Herzstück” des Kölner Viertels Ehrenfeld. Mit seinem weithin sichtbaren Leuchtturm aus dem 19. Jahrhundert, mit den alten Werkhallen, in denen sich Clubs und Konzerträume, Werkstätten und Kreativbüros eingerichtet haben, und den vielen Brachflächen dazwischen verkörpert das idyllisch-heruntergekommene ehemalige Industrieareal das besondere Potenzial eines früheren Arbeiterviertels, das gerade zum In-Viertel wird. Doch wo die Ehrenfelder einen ihrer letzten alternativen Lebensräume am Rande einer dicht bebauten Innenstadt bewahren möchten, sehen Investoren und Stadtplaner vor allem ein riesiges ungenutztes Grundstück in Bestlage, das immer weiter zu verfallen droht. Hier könnte so vieles entstehen, so viel gebaut und so viel Geld verdient werden. Großinvestor und Bauunternehmer Bauwens-Adenauer entscheidet sich für ein Einkaufszentrum. Der Protest lässt nicht lange auf sich warten. Gastronomen und Handwerker, deren Existenz durch den geplanten Abriss auf dem Spiel steht, aber auch Anrainer und Nachbarn sehen die Shopping Mall als Bedrohung für die gewachsene Infrastruktur und für den Einzelhandel des Viertels.

Unterschriften werden gesammelt und eine Bürgerinitiative gegründet, deren Arbeitsgruppen nachhaltige und bürgernahe Konzepte zur Nutzung des Geländes erarbeiten wollen. Mit Unterstützung von Bezirksbürgermeister Wirges, dem die Menschen in „seinem Veedel“ am Herzen liegen, kommt es zu einem moderierten Bürgerbeteiligungsverfahren, in dem Vertreter der Stadt zwischen den Interessen von Wirtschaft, Politik und Bürgerschaft vermitteln und abwägen sollen. Bald stehen erste Modelle im Raum. Kulturstätten, bezahlbarer Wohnraum, ein Park wäre schön, oder doch lieber ein Parkhaus? Visionäre und Pragmatiker, Radikale und Resignierte streiten über Machbarkeit und Kompromisse. Doch am Ende des konfliktreichen Prozesses steht eine Lösung, die so niemand erwartet hätte...

Der Vorgang

Auf dem Heliosgelände in Köln-Ehrenfeld begleitete Anna Ditges für ihren Dokumentarfilm WEM GEHÖRT DIE STADT - BÜRGER IN BEWEGUNG über einen Zeitraum von zwei Jahren ein moderiertes Verfahren zur vertieften Bürgerbeteiligung. Dieses Verfahren stellt nur eine von vielen gesetzlichen Möglichkeiten der Mitbestimmung dar, es kann aber dank seines Erfolgs als Modellprojekt für andere Städte und Initiativen gelten. Seit 2008 gehört das Areal im Besitz einer Grundstücksgesellschaft, zu der u.a. die Bauwens-Unternehmensgruppe gehört. Als die Besitzer 2010 den Bau einer Shopping Mall ankündigten, kam es zu massiven Protesten auf Seiten der Anwohner und anderer Betroffener. Die Bürgerinitiative BI Helios wurde gegründet, die sich für eine kleinteilige Struktur aus Wohnraum, inhabergeführtem Handel, kulturellen Einrichtungen, Gastronomie und öffentlichen Flächen einsetzte. Daneben gab es zahlreiche andere Interessensgruppen, Bürgervereine sowie Einzelpersonen, die sich gegen den Bau des Einkaufszentrums aussprachen, in dem viele eine Gefährdung des Einzelhandels und damit der wirtschaftlichen Entwicklung des ganzen Stadtteils sahen.

Nach ausführlichen Gesprächen zwischen Bürgern, Investor, Bezirksbürgermeister und Stadtverwaltung begann 2011 ein ergebnisoffenes, von externen Moderatoren begleitetes Bürgerbeteiligungsverfahren. Dabei wurden die Vorstellungen der verschiedenen Interessensgruppen diskutiert und in Arbeitsgruppen gemeinsame Ziele und Inhalte als Grundlage für die weitere Planung auf dem Heliosgelände entwickelt. Die Ergebnisse wurden 2012 der Bezirksvertretung Ehrenfeld, den zuständigen Ratsausschüssen sowie dem Rat vorgelegt. Als Vorgabe für einen städtebaulichen Wettbewerb wurde das Leitbild “Belebtes Stadtquartier für Alle” zur Gestaltung des Geländes als innovatives Wohn- und Kulturquartier ohne Einkaufszentrum festgelegt. Auf Initiative der Stadt Köln wurde zudem der Bau einer inklusiven Schule als Projekt der Universität Köln in die Pläne mit einbezogen – eine Idee, die bei der Mehrheit der Bürger auf Zustimmung stieß. Im Rahmen eines kooperativen Gutachterverfahrens setzten 2013 drei eingeladene Planungsbüros die Ergebnisse des Moderationsverfahrens in städtebauliche Planungsentwürfe um. 2014 entschied der Rat der Stadt Köln sich für einen dieser Entwürfe als Basis für das sich nun anschließende Bebauungsplanverfahren und die Hochbauplanung für die Inklusive Universitätsschule.

Die Beteiligten

„Wenn der Eigentümer das hier wegreißen will, kann ich nichts dagegen machen. Ich bin allein, ich hab keine Lobby, ich hab kein Geld... ich stehe vor dem existenziellen Nichts.“

Andrea Rauber, Schreinerin und Anwohnerin auf dem Heliosgelände

„Der normale Prozess ist immer, dass ich aus dem Fenster gucke, irgendetwas wird gebaut und ich ärgere mich darüber, weil solche Sachen nicht transparent sind.“ Hans-Werner Möllmann, Sprecher der Bürgerinitiative Helios „Es kann kein Wolkenkuckucksheim sein. Wir können auf dem Heliosgelände – so groß es auch ist – nicht alle Probleme Ehrenfelds lösen. Das ist klar.“

Paul Bauwens-Adenauer, Bauherr auf dem Heliosgelände 9

„Bei einem Einkaufszentrum gibt es nur einen Besitzer, und der kann alleine bestimmen, wie hoch die Mieten sind. Das ist fast wie ein Monopol. Das ist nicht gut.“

Erol und Özgül Günes, Betreiber eines Holzkohlegrills auf der Venloer Straße

“Es ist grundsätzlich ja die Frage des Dialogs. Und das wird natürlich auch in einem solchen Bürgerverfahren geübt. Es muss dann, wenn man die unterschiedlichen Aspekte und Ziele hat, abgewogen werden, welches das Höherrangige ist.“ Anne Luise Müller, Leiterin des Stadtplanungsamts „Es reicht aber nicht, einfach zu sagen, wir sind gegen, gegen, gegen! Wir wollen jetzt positiv argumentieren, was könnte man denn anstelle dessen sich Besseres denken?“

Almut Skriver, Architektin und Mitglied der Bürgerinitiative Helios

Das Gelände

Auf dem knapp vier Hektar großen HELIOSGELÄNDE, dem ehemaligen Standort der Helios AG für elektrisches Licht und Telegraphenanlagenbau, sind heute Kleingewerbe, Einzelhandel, Ateliers und Proberäume, Werkstätten und Handwerksbetriebe angesiedelt. Ein Großteil dieser Einrichtungen ist vom Abriss bedroht. „Das ist doch im Grunde genommen Politik: Menschen zusammenzuführen im Veedel und gemeinsam unser Veedel schöner und besser zu gestalten.“ Josef Wirges, Bezirksbürgermeister Ehrenfeld 11

Nach wie vor besteht ein großer Teil des Geländes aus BRACHFLÄCHEN: Bauschutt, Pfützen, Wildwuchs, Graffiti. Was lange als Schandfleck galt, sehen viele plötzlich als ungenutztes Potenzial. Als Gegenentwurf zur Shopping Mall machte die Wählergruppe DEINE FREUNDE 2011 den Vorschlag, die Brachen in einen Stadtpark zu verwandeln: den „Bauwens Adenauer Park“, benannt nach dem Grundstückseigentümer. „Das ist keine Utopie – das ist möglich. Es werden überall Parks installiert und renoviert und saniert und gepflanzt, warum nicht auch mal hier?“ fragen

Projekte

Das mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschungsprojekt DESIGN QUARTIER EHRENFELD (DQE) untersucht Stadtentwicklung von unten in einem innovativen Quartier. Dank seines Standorts auf dem Heliosgelände hat sich das DQE als Netzwerk-Zentrale für die Kreativszene im Viertel etabliert und wurde zum Versammlungsort für die Bürgerinitiative Helios und das gesamte Bürgerbeteiligungsverfahren. ”Das ist in Ehrenfeld ein sehr starkes Motiv: dass man diesen öffentlichen Raum zurückerobert und dass man ihn eben auch gestaltet”, sagt Sabine Voggenreiter, Initiatorin des DQE

Das UNDERGROUND ist ein überregional bekannter Club und Veranstaltungsort mit Kneipe, Biergarten und zwei Konzertsälen auf dem früheren Fabrikgelände der Helioswerke. Der Club gilt als Klassiker der Independent- und Alternative-Szene. Neben regelmäßigen Partys finden Heavy Metal-, Rock- und Punk-Konzerte mit bis zu 400 Zuschauern statt. „Teilweise muss man in Städte wie nach Wien fliegen, um überhaupt so ein Lokal zu finden wie hier: Das ist für mich genauso wichtig wie eine Oper oder ein gutes Museum”, sagt ein langjähriger Stammgast.

Kommentare zum Film

ANDREAS SCHÄFER, Filmkomponist Annas besondere Erzählweise lässt ihre Protagonisten zu Wort kommen und sich entwickeln, so kompliziert, wie sie nun einmal sind: witzig und gefährdet. Auch wenn Anna selbst nicht vor der Kamera auftaucht: Daran, wie sie draufhält, merkt man, dass es ein sehr persönlicher Blick ist – der etwas genau wissen will, aber respektvoll und auch liebevoll bleibt. Es wäre ein Leichtes, egal welche Figur vorzuführen oder zu entlarven. Der Investor, der auf dem Golfplatz Geschäfte macht, der Kölsche Bürgermeister mit seiner Nikotinsucht, die vielleicht gar nicht so erfolgreiche Schreinerin, die kann man alle „vorführen“, aber das verweigert der Film.

BRETT ORLOFF, Schnittassistenz Natürlich hat dieser Film kein leichtes oder lustiges Thema. Aber er ist gar nicht trocken, sondern nah an den Menschen. Es ist ein sehr menschlicher Film geworden, der viel mit Leidenschaft zu tun hat. Alle Menschen, die wir da erleben, haben mit sehr viel Leidenschaft für etwas gekämpft, an das sie glauben. Man kann sie alle verstehen, jeder hat irgendwie Recht, und das macht es sehr spannend und auch emotional, weil so viel Empathie entsteht. Anna hat einen guten Zugang zu Menschen, sie schafft es, sie zu öffnen und Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Das prägt natürlich ihren Stil, das macht die Filme aus.

JÜRGEN LÜTZ, Verleiher Dass WEM GEHÖRT DIE STADT - BÜRGER IN BEWEGUNG ein Kinodokumentarfilm wird, war von Anfang an klar – wegen der besonderen Machart des Films, aber eben auch, weil man Grundsätzliches darin erkennen kann. Die drei Protagonisten sind überall die gleichen: In jeder deutschen Stadt gibt es einen Investor, der etwas bewegen will und Protest erntet, eine Stadtverwaltung, die kein Geld hat, und die Bürger selbst. Ich erkenne in dem Geschehen in Ehrenfeld viele Projekte aus anderen Städten wieder, und ich glaube, auch jeder Stadtverwalter und jeder Bürger kann sich den Film anschauen und sich selbst wiedererkennen. Der Film hat eine sehr breite Zielgruppe. Denn im Grunde spricht das Thema jeden an, weil es jeden angeht.

Der Stab

Buch und Regie Anna Ditges Kamera und Ton Anna Ditges Schnitt Anna Ditges Schnittassistenz Jakob Jendryka Rafael Maier Brett Orloff Dramaturgische Beratung Gesa Marten Musik Andreas Schäfer Tongestaltung Jascha Viehl Tonmischung André Bendocchi-Alves Emil Klotzsch Farbkorrektur Jan van Diermen Produktion Anna Ditges Produktionsassistenz Julia Arnold Eva Tüttelmann Redaktion Christian Cloos

Die Autorin

Anna Ditges, Jahrgang 1978, ist Filmemacherin und lebt in Köln. Sie studierte an der Kunsthochschule für Medien und machte dort 2002 ihren Abschluss. Später arbeitete sie als selbstständige Autorin, Kamerafrau und Cutterin. Im Rahmen der Produktion ihres preisgekrönten Kinodebüts ICH WILL DICH – BEGEGNUNGEN MIT HILDE DOMIN gründete Anna Ditges 2006 ihre eigene Firma „punktfilm Anna Ditges“ in Köln-Ehrenfeld. Parallel zur Fertigstellung ihres aktuellen Kinodokumentarfilms WEM GEHÖRT DIE STADT - BÜRGER IN BEWEGUNG konzipierte und leitete Anna Ditges 2014 das Jugendmedienprojekt MEIN EHRENFELD – UNSERE ZUKUNFT. Unter professioneller Anleitung setzten Ehrenfelder Jugendliche sechs eigene Kurzfilme um, die die ganze Vielfalt ihres “Veedels” widerspiegeln: vom Musikvideo über eine fiktionale Castingshow bis hin zu Reportagen und Mini-Dokus. 18 FILMOGRAFIE 2011 ORA ET LABORA – DAS UNTERNEHMEN PÖPPELMANN Dokumentarfilm 62 min (Idee, Regie, Produktion) punktfilm Anna Ditges 2008 MEINE GESCHICHTE Sechs Zeitzeugeninterviews à 15 min (Idee, Regie, Kamera) punktfilm Anna Ditges mit WDR / Phoenix 2007 ICH WILL DICH – BEGEGNUNGEN MIT HILDE DOMIN Dokumentarfilm 95 min (Idee, Regie, Kamera, Schnitt, Produktion) punktfilm Anna Ditges mit WDR / SWR / 3sat / rbb / Filmstiftung NRW 2003 ICH BIN GRAD SO DEUTSCH WIE SIE – EIN DEUTSCH-RUSSISCHES FAMILIENPORTRAIT Dokumentarfilm 45 min (Idee, Regie, Schnitt) Diplomfilm | Kunsthochschule für Medien Köln | WDR

 

Interview mit Anna Ditges

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Eines Tages kam ein Zeitungsartikel in mein Büro geschneit, dass in Ehrenfeld, direkt um die Ecke, eine Shopping Mall gebaut werden sollte. Das wollte ich mir genauer anschauen. Also bin ich mit der Kamera zu der ersten Infoveranstaltung gegangen. Daraus wurde später eine der ersten Szenen im Film: Der Investor präsentiert die Idee, ein Einkaufszentrum auf dem Gelände zu errichten, die Bürger wehren sich vehement dagegen, und die Bürgerinitiative Helios tritt in Erscheinung. Es war mir schnell klar, dass ich diesen konkreten Fall weiter verfolgen wollte – nicht nur, weil das alles in meiner Nachbarschaft stattfand, sondern weil es mir die Möglichkeit bot, auf sehr konkrete Weise etwas über die Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger am „System Stadt“ herauszufinden. Die Bürger sind ja (mich selbst eingeschlossen), was Politik betrifft, üblicherweise Laien, in die politischen Strukturen müssen sie sich erst einarbeiten.

Wie häufig tagt der Rat?

Welche Rolle spielt welches Amt, und wer entscheidet da über was? Welche Rechte und Pflichten hat ein Investor oder ein Grundstücksbesitzer? Das sind fundamentale Fragen, durch die sich auch die Protagonisten in meinem Film erst einmal durchbeißen mussten, um Einfluss nehmen zu können. Indem ich dokumentiert habe, wie Bürger versuchen, mitzumischen und mit wem sie es da zu tun bekommen, konnte ich ein Stück Stadtplanung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Die Protagonisten meines Films sind Anwohner, lokale Politiker, Mitarbeiter des Stadtplanungsamts und Menschen aus der Wirtschaft, sie alle erzählen die Geschichte um die Entwicklung des Heliosgeländes selbst.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Die Dreharbeiten haben viel Zeit und Energie in Anspruch genommen, nicht nur weil ich über mehrere Jahre gedreht habe, sondern vor allem, weil ich die ganze Zeit alleine mit der Kamera unterwegs war. Ich wusste, dass es mir nur auf diese Weise gelingen würde, alles Material einzufangen, das ich brauche. Es ist ja bis zuletzt nie ganz absehbar, was später einmal wichtig sein wird, und es lässt sich auch nichts wiederholen oder neu inszenieren. Daher war ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen, habe unzählige Interviews geführt und sogar Straßenumfragen gemacht. Wer die Protagonisten des Films werden würden, stand anfangs nicht fest. Der Investor und der Bezirksbürgermeister hatten sich schon mit der ersten Infoveranstaltung als wichtige Impulsgeber für den Prozess 20 eingebracht, ebenso wie der Sprecher der Bürgerinitiative, und es war klar, dass sie ihn auch die gesamte Zeit über begleiten und mitgestalten würden. Aber in anderen Fällen hat sich das erst nach und nach ergeben. Bei der Stadt habe ich mit verschiedenen Verantwortlichen bis hin zum Baudezernenten ausführliche Gespräche geführt und mich letztlich im Schnitt für die Leiter des Stadtplanungsamtes entscheiden, weil diese im Prozess vor Ort am intensivsten vertreten waren. Andere Beteiligte, wie etwa die Bewohner des Geländes selbst, habe ich erst finden, kennenlernen und überzeugen müssen. Mit allen Protagonisten und Nebenprotagonisten habe ich viel Zeit verbracht, sie immer wieder besucht und auch im Alltag begleitet, es ist mir dabei enorm wichtig, Vertrauen aufzubauen und ihren Standpunkt von einer persönlichen Seite kennenzulernen. Ich empfinde meine Arbeit als sehr verantwortungsvoll. Auf diese Weise sind in zwei Jahren 180 Stunden Material zusammengekommen, von dem letztlich nur ein Bruchteil – als eine Art Kondensat – in den Film eingeflossen ist.

Wie ist dann aus all dem Material ein Film geworden?

Es war ein langwieriger, aufwändiger Schnittprozess. Ich habe zwei Jahre lang, und schon während des Drehens, an dem Film geschnitten, dabei unterstützt auch durch meine Schnittassistenten und die Dramaturgin immer wieder gefiltert, aussortiert und Blöcke gebaut, bis ich einen dramaturgischen Bogen hatte, von dem ich wusste, so kannst du es erzählen. Der Schnitt war ein intensiver und aufreibender Prozess. Ein bisschen wie das Beteiligungsverfahren selbst, das ich im Film beschreibe. Vieles ist natürlich im Schnitt auch rausgefallen. Es tat mir besonders weh, Menschen wegzulassen, die wichtig waren für die Findung des Films und die dazu beigetragen haben, dass der Film jetzt so ist, wie er ist: weil sie mich in Begegnungen und bei Dreharbeiten auf Ideen gebracht und mir wichtige Hintergrundinformationen geliefert haben, die auf unterschiedliche Weise in den Film eingeflossen sind. Ich bin allen Beteiligten dankbar für ihre Hilfe und Mitarbeit an diesem aufwändigen Projekt.

Gibt es so etwas wie eine „Botschaft“ des Films?

Das System Stadt ist zwar im Ganzen komplex und schwer zu überblicken, aber im Detail nicht intransparent. Ich wollte keinen Film machen, der einen Fall von Korruption entlarvt oder jemanden anprangert. Sondern ich wollte anhand eines ganz normalen Planungsbeispiels zeigen, wie Stadtentwicklung abläuft, welche Räder dabei in Bewegung geraten – und wie man an welchen Rädern mitdrehen kann. Ich bin die Letzte, die sagt, jeder muss auf die Barrikaden. Aber der Film soll durchaus dazu 21 anregen, sich bewusst zu machen, dass man Einfluss nehmen kann, wenn man Einfluss nehmen will. Zugleich ist es mir ein Anliegen, zu zeigen, dass man nicht immer einfach alles schwarz und weiß sehen muss. „Politiker sind auch nur Menschen“ ist ein Fazit, das der Sprecher der Bürgerinitiative am Ende des Films zieht und der Investor verteidigte den Standpunkt: „Wir alle sind Bürger“. Wir können wählen, ob wir die Arbeit unseren politischen Vertretern überlassen oder ob wir uns selber einbringen. Die Grenzen zwischen Politikern und Bürgeraktivisten sind fließend – und die Stadt, das sind alle Menschen, die darin leben und wirken.