Flexible Kreuze
Dynamisches Sitzen ohne Mechanik die Kreuzschwinger von Till Behrens
Die Geschichte einer Produktidee, Herausgeber
Aktion Plagiarius

bis 16. November 2008

 

Die Ausstellung "Flexible Kreuze" im MAK Frankfurt zeigt Stühle, die schwingen. Während bei den klassischen Modellen wie bei Mies van der Rohe das Schwingelement immer auf einer Seite des Stuhles an den Stützen verankert ist, so daß nur nach einer Richtung meistens nach hinten geschwungen wird, ist bei den Kreuzschwingern die Konstruktion so konzipiert, daß sowohl nach vorne als auch nach hinten geschwungen werden kann. Die Schwungachse bildet hier ein Kreuz im Stützgelenk, woher die Stühle ihren Namen tragen.

Foto: Maass

Die Aktion Plagiarius verleiht seit 1977 jährlich die inzwischen gefürchteten Auszeichnungen "Plagiarius" für besonders dreisten geistigen Diebstahl. Die Preisverleihung findet seit 1991 auf der Frankfurter Messe im Frühjahr der "ambiente" statt. Verliehen wird der schwarze Gartenzwerg mit goldener Nase. Die Aktion wurde somit zum Vorreiter im Kampf gegen die Produktpiraterie.

 

Zuletzt verliehen wurde der Plagiarius im Februar 2008. Bei der Verleihung war nicht nur die Polizei anwesend, die gleichzeitig zu den Preisträgern gehörte die Aufdeckung der Taten betreffend, sondern auch Guido Westerwelle (FDP) nahm als Laudator Bezug auf das betrübliche Ereignis, was nicht ohne Humor getragen wurde. Die Frechheit jedenfalls mit der nachgeahmt wird, ist erschreckend. Besonders viele Hersteller kommen aus China, wo die Plagiate nicht strafbar sind. Aus Sicht der Chinesen stellt sich das Patentrecht ganz anders dar. In China dürfen nur Produkte nicht nachgeahmt werden, die über ein Patentrecht in China verfügen. Der weltweite Produkte-Markt steht aus chinesischer Sicht aber frei zur Verfügung.

 

Es stellt sich eine schwierige Frage, inwieweit hier Rechte des einzelnen Urhebers angegriffen werden. Geistiges Eigentum zu definieren, ist schwer. Mit Verweis auf die Möglichkeit, Gebrauchsgegenstände als Geschmacksmuster anmelden zu können, sind die Kriterien für den urheberrechtlichen Schutz sehr hoch angesetzt und die Gerichte äußerst streng im Rahmen der Prüfung, inwieweit es sich tatsächlich um eine vom Gesetz normierte "persönliche geistige Schöpfung" handelt. Als neuntem Sitzmöbel überhaupt wurde dem Kreuzschwinger der Urheberrechtsschutz als Werk der angewandten Kunst zuerkannt.

 

Die Idee die hinter Stühlen und den Kreuzschwingern steckt, ist jedoch universell zu verstehen, denn sie beruht teils auf dynamischen, teils auf mechanischen Gesetzen, die nicht Eigentum eines einzelnen Urhebers bleiben können. Der Urheber sollte jedoch das Recht behalten, ausreichend von seiner Idee zu profitieren, bevor das andere tun. So ein Stuhl bei Till Behrens kostet etwa 500 bis 600 Euro. Das sind Designerpreise, die nicht jeder bezahlen kann. Abgesehen davon, daß vielleicht nicht gerade jeder solche Stühle haben will, käme vielleicht auch einmal die industrielle Massen-Produktion in Frage? Dann wäre es sowieso aus mit den Rechten.

 

Das Urheberrecht zum Dauerbrenner zu machen, halte ich dagegen nicht für die beste Wahl. Dazu haben mir die Chinesen ein zu sonniges Gemüt, als daß sie auf Dauer davon abzuhalten wären, anderer Dinge nachzuahmen. Daß der kindlichen Einfalt zur Nachahmung Einhalt geboten werden soll, sehe ich als Gebot der Stunde. Hierfür sollte der gesamte Apparat zur Verfügung stehen, der die drei Säulen: Legislative, Judikative und Exekutive beinhaltet. Damit Urheber wieder zu ihrem Recht kommen, um unbesorgt weiter zu erfinden, denn die Lust daran soll niemandem vergehen.

 

Bei den Plagiaten der Kreuzschwinger von Till Behrens wird versucht auf vielerlei Ebenen nachzuahmen. Das Nachahmen hatte dabei durchaus System, denn es wurde sogar versucht dem Erfinder die Urheberrechte abzusprechen, was nicht gelungen ist. Insgesamt wurden die Stühle über einhundert Mal plagiiert. Siebenmal wurde der Plagiarius an Kreuzschwinger Plagiatoren schon verliehen. Ein Preisträger hatte sogar gegen die Verleihung geklagt ohne damit bei Gericht durchzukommen. Seit Ende 2004 werden die Stühle, nochmals verbessert, in einer sogenannten "zweiten Generation" von Till Behrens mit seinem Geschäftspartner Roland Just vertrieben.

 

Erfunden hatte Behrens seine Stühle schon in den 1950er Jahren. Die Produktidee wartete auf sich über mehrere Jahrzehnte hinweg, ohne wirklich Erfolg versprechend vermarktet worden zu sein. Stattdessen tauchen schnell erste Nachahmer auf.

 

 

Wie stark die Belastung sein darf, mit der die Biegekräfte auf das X-förmige Element einwirken oder die Frage, wie lange der Stuhl unter Dauerbelastung standhält, dafür werden genaue Berechnungen benötigt. Die im Profil des Kreuzschwingers erscheinenden Linien bleiben in ihrem Kräfteverlauf im Gegensatz zu formal vergleichbaren Beispielen eben doppelt schwingend und damit flexibel. Das geschieht nur dadurch, daß der Kreuzpunkt im "X" nicht fixiert ist. Darin sind auch die Bewegungen der Sitz- und Rückenlehne mit eingeschlossen.

 

"Sitz-Haltung ist Bewegung"

lautet die Devise bei Dieter Breithecker, einer der Autoren im Katalog. Das soll die im Büro auf Stühlen Sitzenden betreffen. Die Zeitdauer des Sitzens sowie das Bedürfnis des Menschen nach Bewegung, stehen im Gegensatz zu der auf Statik ausgerichteten Sitzfläche. Ein Stuhl der die Passivität der Wirbelsäule auch noch unterstützt und damit das gesamte Haltungssystem angreift, hat demnach sein Ziel verfehlt. Wenn die Sitzhaltung als statische Komponente dem dynamischen Geschehen gegenübergestellt wird, erfolgt eine Reduzierung. Haltung und Bewegung sind nicht, wie vielfach missverstanden als Gegensätze im Sinne von Statik und Dynamik zu verstehen, sondern müssen als Einheit betrachtet werden. Bewegung aber ist ohne die stabilisierenden Elemente des Organismus nicht denkbar. Körperhaltung wird durch eine Vielzahl differenzierter Bewegungsimpulse immer wieder stabilisiert und aufrecht gehalten. Die auf rhythmische Be- und Entlastung ausgerichtete Haltung des Menschen ist aufgefordert, sich an die jeweiligen Eigenheiten des Stuhls anzupassen. Die negativen Folgen manifestieren sich in Kopf, Nacken- und Rückenschmerzen. Das Wohlbefinden und die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen werden in Mitleidenschaft gezogen.

 

Ganz erwähnenswert ist, daß in einem Projekt Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt den Versuch unternommen haben, Stücke zu komponieren. Die Kompositionsklasse von Prof. Gerhard Müller-Hornbach untersuchte auf Vorschlag von Till Behrens die Sitzmöbel in ihrer Eignung als Musikinstrument. Drei Studierende haben unterschiedliche Kompositionen hervorgebracht, in denen Kreuzschwinger als Klangerzeuger verwendet werden.

 

Tun-Yuan Hung

"Kaiser-Stuhl"

für Kreuzschwinger und Live Elektronik

 

Sina Sadeghapour

"Dialog und Synthese"

für Violoncello, Live Elektronik und Zuspielung und Kreuzschwingerklängen

(Valentin Haller - Violoncello und Sepehr Sadeghpour - Kreuzschwinger)

 

Valentin Haller

"X+O"

für Violine, Live Elektronik und Zuspielung von Kreuzschwingerklängen

(Viktoria Schuldt - Violine)

 

 

Zur Ausstellung ist ein 176seitiger Katalog in deutscher und englischer Sprache im Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, erschienen.

ISBN 978-3-7861-2570-9  Herausgegeben von der Aktion Plagiarius e.V.

Darin enthalten sind zahlreiche Beiträge von verschiedenen Autoren, die sich allesamt um den Kreuzschwinger drehen. Zum einen wird der ergonomische Aspekt der Stühle näher behandelt, zum anderen die Singularität des Möbels betrachtet. Ein anderer Aspekt schildert die Gerichtsprozesse um den Kreuzschwinger, die gegen Plagiatoren geführt wurden. Zum anderen werden konstruktive Elemente aufgegriffen, wie die Bedrahtung und Polsterung der Stühle aussieht. Schließlich werden Preisauszeichnungen aufgeführt, in welchen Museen und Ausstellungen die Stühle schon vorkommen. Der Band ist reich bebildert.

 

 

 

 

Titelseite

vom  11. Oktober 2008