|
Die Aktion Plagiarius verleiht seit 1977
jährlich die inzwischen gefürchteten Auszeichnungen "Plagiarius" für
besonders dreisten geistigen Diebstahl. Die Preisverleihung findet
seit 1991 auf der Frankfurter Messe im Frühjahr der "ambiente"
statt. Verliehen wird der schwarze Gartenzwerg mit goldener
Nase. Die Aktion wurde somit zum Vorreiter im Kampf gegen die
Produktpiraterie.
Zuletzt
verliehen wurde der Plagiarius im Februar 2008. Bei der Verleihung
war nicht nur die Polizei anwesend, die gleichzeitig zu den
Preisträgern gehörte die Aufdeckung der Taten betreffend, sondern
auch Guido Westerwelle (FDP) nahm als Laudator Bezug auf das
betrübliche Ereignis, was nicht ohne Humor getragen wurde. Die
Frechheit jedenfalls mit der nachgeahmt wird, ist erschreckend.
Besonders viele Hersteller kommen aus China, wo die Plagiate nicht
strafbar sind. Aus Sicht der Chinesen stellt sich das Patentrecht
ganz anders dar. In China dürfen nur Produkte nicht nachgeahmt
werden, die über ein Patentrecht in China verfügen. Der weltweite
Produkte-Markt steht aus chinesischer Sicht aber frei zur Verfügung.
Es stellt sich eine schwierige Frage, inwieweit
hier Rechte des einzelnen Urhebers angegriffen werden. Geistiges
Eigentum zu definieren, ist schwer. Mit Verweis auf die Möglichkeit,
Gebrauchsgegenstände als Geschmacksmuster anmelden zu können, sind
die Kriterien für den urheberrechtlichen Schutz sehr hoch angesetzt
und die Gerichte äußerst streng im Rahmen der Prüfung, inwieweit es
sich tatsächlich um eine vom Gesetz normierte "persönliche geistige
Schöpfung" handelt. Als neuntem Sitzmöbel überhaupt wurde dem
Kreuzschwinger der Urheberrechtsschutz als Werk der angewandten
Kunst zuerkannt.
Die
Idee die hinter Stühlen und den Kreuzschwingern steckt, ist jedoch
universell zu verstehen, denn sie beruht teils auf dynamischen,
teils auf mechanischen Gesetzen, die nicht Eigentum eines einzelnen
Urhebers bleiben können. Der Urheber sollte jedoch das Recht
behalten, ausreichend von seiner Idee zu profitieren, bevor das
andere tun. So ein Stuhl bei Till Behrens kostet etwa 500 bis 600
Euro. Das sind Designerpreise, die nicht jeder bezahlen kann.
Abgesehen davon, daß vielleicht nicht gerade jeder solche Stühle
haben will, käme vielleicht auch einmal die industrielle
Massen-Produktion in Frage? Dann wäre es sowieso aus mit den
Rechten.
Das Urheberrecht zum Dauerbrenner zu machen,
halte ich dagegen nicht für die beste Wahl. Dazu haben mir die
Chinesen ein zu sonniges Gemüt, als daß sie auf Dauer davon
abzuhalten wären, anderer Dinge nachzuahmen. Daß der kindlichen
Einfalt zur Nachahmung Einhalt geboten werden soll, sehe ich als
Gebot der Stunde. Hierfür sollte der gesamte Apparat zur Verfügung
stehen, der die drei Säulen: Legislative, Judikative und Exekutive
beinhaltet. Damit Urheber wieder zu ihrem Recht kommen, um unbesorgt
weiter zu erfinden, denn die Lust daran soll niemandem vergehen.
Bei
den Plagiaten der Kreuzschwinger von Till Behrens wird versucht auf
vielerlei Ebenen nachzuahmen. Das Nachahmen hatte dabei durchaus
System, denn es wurde sogar versucht dem Erfinder die Urheberrechte
abzusprechen, was nicht gelungen ist. Insgesamt wurden die Stühle
über einhundert Mal plagiiert. Siebenmal wurde der Plagiarius an
Kreuzschwinger Plagiatoren schon verliehen. Ein Preisträger hatte
sogar gegen die Verleihung geklagt ohne damit bei Gericht
durchzukommen. Seit Ende 2004 werden die Stühle, nochmals
verbessert, in einer sogenannten "zweiten Generation" von Till
Behrens mit seinem Geschäftspartner Roland Just vertrieben.
Erfunden hatte Behrens seine Stühle schon in
den 1950er Jahren. Die Produktidee wartete auf sich über mehrere
Jahrzehnte hinweg, ohne wirklich Erfolg versprechend vermarktet
worden zu sein. Stattdessen tauchen schnell erste Nachahmer auf.

Wie stark die Belastung sein darf, mit der die
Biegekräfte auf das X-förmige Element einwirken oder die Frage, wie
lange der Stuhl unter Dauerbelastung standhält, dafür werden genaue
Berechnungen benötigt. Die im Profil des Kreuzschwingers
erscheinenden Linien bleiben in ihrem Kräfteverlauf im Gegensatz zu
formal vergleichbaren Beispielen eben doppelt schwingend und damit
flexibel. Das geschieht nur dadurch, daß der Kreuzpunkt im "X" nicht
fixiert ist. Darin sind auch die Bewegungen der Sitz- und
Rückenlehne mit eingeschlossen.
"Sitz-Haltung ist Bewegung"
lautet die Devise bei Dieter Breithecker, einer
der Autoren im Katalog. Das soll die im Büro auf Stühlen Sitzenden
betreffen. Die Zeitdauer des Sitzens sowie das Bedürfnis des
Menschen nach Bewegung, stehen im Gegensatz zu der auf Statik
ausgerichteten Sitzfläche. Ein Stuhl der die Passivität der
Wirbelsäule auch noch unterstützt und damit das gesamte
Haltungssystem angreift, hat demnach sein Ziel verfehlt. Wenn die
Sitzhaltung als statische Komponente dem dynamischen Geschehen
gegenübergestellt wird, erfolgt eine Reduzierung. Haltung und
Bewegung sind nicht, wie vielfach missverstanden als Gegensätze im
Sinne von Statik und Dynamik zu verstehen, sondern müssen als
Einheit betrachtet werden. Bewegung aber ist ohne die
stabilisierenden Elemente des Organismus nicht denkbar.
Körperhaltung wird durch eine Vielzahl differenzierter
Bewegungsimpulse immer wieder stabilisiert und aufrecht gehalten.
Die auf rhythmische Be- und Entlastung ausgerichtete Haltung des
Menschen ist aufgefordert, sich an die jeweiligen Eigenheiten des
Stuhls anzupassen. Die negativen Folgen manifestieren sich in Kopf,
Nacken- und Rückenschmerzen. Das Wohlbefinden und die geistige
Leistungsfähigkeit des Menschen werden in Mitleidenschaft gezogen.
Ganz erwähnenswert ist, daß in einem Projekt
Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
Frankfurt den Versuch unternommen haben, Stücke zu komponieren. Die
Kompositionsklasse von Prof. Gerhard Müller-Hornbach untersuchte auf
Vorschlag von Till Behrens die Sitzmöbel in ihrer Eignung als
Musikinstrument. Drei Studierende haben unterschiedliche
Kompositionen hervorgebracht, in denen Kreuzschwinger als
Klangerzeuger verwendet werden.
Tun-Yuan Hung
"Kaiser-Stuhl"
für Kreuzschwinger und Live Elektronik
Sina Sadeghapour
"Dialog und Synthese"
für Violoncello, Live Elektronik und Zuspielung
und Kreuzschwingerklängen
(Valentin Haller - Violoncello und Sepehr
Sadeghpour - Kreuzschwinger)
Valentin Haller
"X+O"
für Violine, Live Elektronik und Zuspielung von
Kreuzschwingerklängen
(Viktoria Schuldt - Violine)
Zur
Ausstellung ist ein 176seitiger Katalog in deutscher und englischer
Sprache im Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, erschienen.
ISBN 978-3-7861-2570-9 Herausgegeben von
der Aktion Plagiarius e.V.
Darin enthalten sind zahlreiche Beiträge von
verschiedenen Autoren, die sich allesamt um den Kreuzschwinger
drehen. Zum einen wird der ergonomische Aspekt der Stühle näher
behandelt, zum anderen die Singularität des Möbels betrachtet. Ein
anderer Aspekt schildert die Gerichtsprozesse um den Kreuzschwinger,
die gegen Plagiatoren geführt wurden. Zum anderen werden
konstruktive Elemente aufgegriffen, wie die Bedrahtung und
Polsterung der Stühle aussieht. Schließlich werden
Preisauszeichnungen aufgeführt, in welchen Museen und Ausstellungen
die Stühle schon vorkommen. Der Band ist reich bebildert.
|