Frankfurter Kunstverein mit Aktionswoche

"The Great Game to Come"

 

vom 14. bis 21. Mai 2008

 

Es bleibt die große Frage, wenn die Aktionswoche im Frankfurter Kunstverein nur mehr ein Andenken darstellt und nicht mehr dem Anspruch als Referenzpunkt auf die Vergangenheit genügen kann, um Gesellschaft zu reflektieren, weil die Menschen oder Leute es verlernt haben sich auf diese Referenz zu beziehen, dann liegt das daran, daß die Strömung von damals längst eine antagonistische und damit gegenläufige Richtung eingenommen hat.

Foto: Maass

Der Frankfurter Kunstverein lädt zur Aktionswoche ein. Chus Martinez, Direktorin im Steinernen Haus, sagte was es mit dieser Ausstellung für eine Bewandtnis auf sich hat. Der Kunstverein ist im Mai 2008 zu einem großen Spiel- und Experimentierfeld geworden. Dafür wurden Räume im Haus auf dem Römerberg in einen außerordentlichen Abenteuerspielplatz umgewandelt. Im ersten Stockwerk befindet sich ein selbsterbautes Labyrinth aus Holzverschlägen und Pappverschalungen und lädt zum toben ein. Im Oktober 1968 installierte Palle Nielsen im Rahmen eines Experiments "The Model for a Qualitative Society" im Moderna Museet in Stockholm einen riesigen Abenteuerspielplatz für Kinder. Das zweite Projekt, das mir sehr gut in Erinnerung ist, weil es mein gesamtes Frankfurtbild von Grund auf mitprägte, entstand 1971 auf dem Frankfurter Messegelände, um genau zu sein in der Festhalle und nannte sich "Kinderplanet". Ähnlich wie Palle Nielsen baute auch die Gruppe der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Beide Projekte stellten die Frage: welche Art sozialen Raum kann Kunst produzieren? Wie konstituiert sich eine Gemeinschaft aus Mitspielern und Zuschauern? Wer sind die gesellschaftlichen Akteure und welcher Raum steht für die Wissensvermittlung zur Verfügung? In Frankfurt hatte das Projekt einschlagenden Charakter, weil damit eine ganze Bewegung und neue Lebenshaltung verknüpft war. Antiautoritäre Erziehung nannte sich das Experiment, das noch viel umfassender war als die Veranstaltung "Kinderplanet". Allerdings brachten die Aktionen viel chaotisches hervor, so daß die positive Einstellung gegenüber Abenteuerspielplätzen mit den Jahren immer mehr abebbte bis hin zur Ablehnung antiautoritärer Strömungen. Chaos und Verwahrlosung waren Ursache dafür, daß sich die politischen Kräfte nicht mehr bereit erklärten für die Aktionen mit den Kindern einzustehen.

Auf die historischen Jahre nach 1968 spielt der dänische Kinofilm "Drømmen" (2005), zu deutsch "Der Traum" von Niels Arden Oplev an. Nach den Sommerferien 1969, die der 13-jährige Frits (Janus Dissing Rathke) gebannt und fasziniert von den Ideen Martin Luther Kings vor dem Fernseher verbracht hat, kommt er in eine neue Schule. Dort schaltet und waltet der autoritäre Schulleiter Lindum Svendsen (Bent Mejding), der sich nicht um das Verbot körperlicher Bestrafung schert. Als Frits vom Direktor beinahe ein Ohr abgerissen wird, verstärkt sich in ihm der Widerstand und die Rebellion, motiviert von Martin Luther Kings Vorstellungen von einem besseren Leben und größerer Gerechtigkeit. Unterstützt von dem jungen, unkonventionellen Lehrer Freddie Svale (Anders W. Berthelsen) und seinen Eltern Stine (Anne-Grethe Bjarup Riis) und Peder (Jens Jørn Spottag), die jedoch auch alle ihre Probleme haben, nimmt Frits den Widerstand gegen den Schulleiter auf… Dieser Widerstand gegen die Institutionen prägt das Bild von damals. Es war eine Zeit des Umbruchs auf dem Weg zu neuen Ufern.

  Foto: Barbara Klemm, "Kinderplanet" 1971, Messegelände Frankfurt

Im Frankfurter Kunstverein soll in der Aktionswoche wie damals das künstlerische Schaffen als Prozess abgebildet werden. Daran sollen sich wie vorgesehen vor allem auch Kinder und Jugendliche beteiligen. Begleitet werden sie durch mehrere Fotos und Bücher von damals. Zu den Berichterstattern, die das Geschehen auf dem "Kinderplanet" 1971 fotografierten, gehört die Fotografin Barbara Klemm, die viele Bilder aufgenommen hat wie hier das s/w Foto mit Kindern.

Hier kommen mir einige 15minütige Filme des Filmemachers Karsten Bott in Erinnerung, die schon in den 1980er Jahren entstanden, in denen mehrere Kleinkinder verschiedenartigste Grimassen schneiden. Sie tun das so intensiv und mit solcher Authentizität, daß ich mich frage, ob dies neben verbaler Sprache ein Mitteilungsmittel oder Verständigungsmittel bei Kleinkindern ist? Eine solche kindliche Ausprägung der Mimik entsteht, wenn Kinder sich im Freiraum wie dem Abenteuerspielplatz aufhalten, agieren und frei bewegen können ohne von Erwachsenen gleich korrigiert zu werden. Karsten Bott war von 1981 bis 1997 Betreuer auf einem Abenteuerspielplatz.

Hier zeigt sich, wo eine Wiederaufnahme der Strömung von 1968 stattfinden kann. Projekte der Umwelt verknüpfen Freizügigkeit und sinnvolles Nachdenken über die Natur und ihre Möglichkeiten bei der technischen Umsetzung. Der Logos zeigt sich von seiner erstaunlichen Seite und wird auf spielerische Art gleich bei den Kindern eingefordert, in der Hoffung damit eine Verbesserung in Umweltfragen zu erreichen.

So wird das Team des Umwelt Exploratoriums (UX e.V.) im Rahmen der Aktionswoche mit einer Schülergruppe zusammen ein Solarluftobjekt realisieren. UX e.V. ist ein gemeinnütziger Verein aus Frankfurt, der von ehemaligen Studenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach gegründet wurde und zur Zielsetzung hat aktuelle Tendenzen in der Umweltentwicklung aufzugreifen und diese anschaulich in Umsetzungen zu überführen.

Ein Solarluftschiff ist ein unbemanntes Luftschiff, das über Solarzellen den elektrischen Strom für seinen Antrieb erzeugt, wobei der Auftrieb mit Hilfe einer Wasserstoff- oder Heliumfüllung erzeugt wird. Der Vorteil des Solarluftschiffes liegt in seiner Abgasfreiheit und den geringen Betriebsgeräuschen. Da kein Brennstoff mitgeführt werden muß, entsteht auch nicht das Problem des Auftriebsgewinns, wenn die Masse des Luftschiffs durch den verbrauchten Kraftstoff abnimmt.

Weitere Projekte sind "Psychedelic Playstation" von Paul Wiersbinski, er nutzt die Popularität der Spielkonsolen, um dem Nutzer die Möglichkeit zur intuitiven Kreation und Veränderung von psychedelischen Farben und abstrakten Landschaften zu geben. Dabei entstehen Bilder, die nur augenblicklich sichtbar bleiben.

"Raumschiff" heißt eine Skulptur von Knut Liese und Kai Linke. "Gute Modelle sind wie Eisberge. Wie bei einem im Wasser treibenden Eisberg scheint bei einem guten Modell auch nur ein kleiner Teil des vermeintlich Ganzen sichtbar."

Kinder-Arbeitsagentur ist eine Installation von Ryan Siegan-Smith, der eine vollfunktionsfähige Arbeitsagentur im Kunstverein aufgestellt hat. Daraus soll eine Art Rollenspiel entstehen, indem Kinder den Betrieb der Agentur ins rollen bringen. Das Projekt möchte damit eine Vorschau auf die Zukunft geben, die Enttäuschung voraussieht und in der das Spielen möglich, Arbeit aber unvermeidlich ist.

Raumgreifende Installation von Aurore Salomon, Trine Vive Munk, Ninna Poulsen, Verena Becker, Anna Zwingl, Joen P-Vedel, Jean Pierre Bertrand, Thomas Bo Östergaard, Rasmus Brink Pedersen, Tassilo Letzel. Die School of Walls and Space, Copenhagen hat für das Projekt "The Great Game to Come" eine Arbeitsmethode entwickelt, die auf einer unstrukturierten und ohne Plan funktionierenden Strategie basiert. Studenten haben im Dialog mit Palle Nielsen die Methode weiter entwickelt. Sie treffen sich seit ihrer Ankunft in Frankfurt täglich. Aus dieser Zusammenarbeit entsteht das gemeinsame Spiel der Veränderung.

Initiiert von Chus Martinez, Tobi Maier und Katja Schroeder wird das Experimentierfeld mit Hilfe der beiden Künstler Palle Nielsen und Thomas Bayrle sowie Studentengruppen der Frankfurter Städelschule und der Kunstakademie in Kopenhagen entwickelt, die von Tobias Rehberger und Nils Norman (Kopenhagen) unterstützt werden. Nils Norman ist ein kritischer Künstler, der sich mit sozialem Raum befaßt, geprägt durch Erfahrung, durch Materialität und durch Spiel. Dabei steht die gesamte Ausstellungsfläche des Kunstvereins zur Verfügung.

Die Aktionen 1971 in Frankfurt wurden begleitet von Workshops, die Joseph Beuys im Theater am Turm durchführte. Auch ein Bild von Blinky Palermo erinnert im Frankfurter Kunstverein an die Jahre. Es geht nicht darum eine statische Situation zu entwerfen, in der nur betrachtet wird, sondern performative Räume sollen geschaffen und Experimente der 1960er und 1970er Jahre näher untersucht werden. Hierfür wurde eine Dokumentation mit Dias und Bildern aus dem Archiv des Schwedischen Fernsehen erstellt.

"Kinderplanet" 1971 wollte auch zerbombte Räume für Kinder nutzen, die damals häufiger vorkamen als 2008. Wenn Chus Martinez ihr Haus gerade für diese Experimente öffnen will, wie sie sagt, dann fragt sich wofür eigentlich? Um das politische Klima zu verbessern? Damit wird sie in Hessen auf wenig Gegenliebe stoßen, wo die Grenzen mit Lafontaine schon abgesteckt und der Spitzbube Koch sein durchdachtes Mienenspiel, seine Spasmen weitertreiben kann. Die Hessen glauben, sie seien tolerant, in Wirklichkeit sind sie langweilig.

Martinez fragt, warum man das Experiment von damals nicht wieder in den Mittelpunkt von heute stellen kann? Die Studenten der Städelschule sollen eine Antwort geben: Ein Hindernis sei der Antagonismus.

Der Frankfurter Kunstverein muß in großen Teilen seine Gelder selbst erwirtschaften. In manchen Teilen hilft die Stadt. Auch die Banken sind Geldgeber, haben aber weniger Geld zur Verfügung, lautet eine dürftige Bemerkung von kultureller Seite auf die Krise im Bankengeschäft. Bei dem aktuellen Projekt besteht immerhin eine Kollaboration mit Dänemark.

Der Eintritt in den Frankfurter Kunstverein ist während der Aktionswoche frei.

 

 

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vom  14. Mai 2008