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Der
Frankfurter Kunstverein lädt zur Aktionswoche ein. Chus Martinez,
Direktorin im Steinernen Haus, sagte was es mit dieser Ausstellung
für eine Bewandtnis auf sich hat. Der Kunstverein ist im Mai 2008 zu
einem großen Spiel- und Experimentierfeld geworden. Dafür wurden
Räume im Haus auf dem Römerberg in einen außerordentlichen
Abenteuerspielplatz umgewandelt. Im ersten Stockwerk befindet sich
ein selbsterbautes Labyrinth aus Holzverschlägen und
Pappverschalungen und lädt zum toben ein. Im Oktober 1968
installierte Palle Nielsen im Rahmen eines Experiments "The Model
for a Qualitative Society" im Moderna Museet in Stockholm einen
riesigen Abenteuerspielplatz für Kinder. Das zweite Projekt, das mir
sehr gut in Erinnerung ist, weil es mein gesamtes Frankfurtbild von
Grund auf mitprägte, entstand 1971 auf dem Frankfurter Messegelände,
um genau zu sein in der Festhalle und nannte sich "Kinderplanet".
Ähnlich wie Palle Nielsen baute auch die Gruppe der Hochschule für
Gestaltung in Offenbach.
Beide Projekte stellten die Frage: welche
Art sozialen Raum kann Kunst produzieren? Wie konstituiert sich eine
Gemeinschaft aus Mitspielern und Zuschauern? Wer sind die
gesellschaftlichen Akteure und welcher Raum steht für die
Wissensvermittlung zur Verfügung? In Frankfurt hatte das Projekt
einschlagenden Charakter, weil damit eine ganze Bewegung und neue
Lebenshaltung verknüpft war. Antiautoritäre Erziehung nannte sich
das Experiment, das noch viel umfassender war als die Veranstaltung
"Kinderplanet". Allerdings brachten die Aktionen viel chaotisches
hervor, so daß die positive Einstellung gegenüber
Abenteuerspielplätzen mit den Jahren immer mehr abebbte bis hin zur
Ablehnung antiautoritärer Strömungen. Chaos und Verwahrlosung waren
Ursache dafür, daß sich die politischen Kräfte nicht mehr bereit
erklärten für die Aktionen mit den Kindern einzustehen.
Auf die historischen Jahre nach 1968 spielt der dänische Kinofilm
"Drømmen" (2005), zu deutsch "Der Traum" von Niels Arden Oplev an. Nach den Sommerferien
1969, die der 13-jährige Frits
(Janus Dissing Rathke) gebannt und fasziniert von den Ideen
Martin Luther Kings vor dem Fernseher verbracht hat, kommt er in
eine neue Schule. Dort schaltet und waltet der autoritäre
Schulleiter Lindum Svendsen
(Bent Mejding), der sich nicht um das Verbot körperlicher
Bestrafung schert. Als Frits vom Direktor beinahe ein Ohr abgerissen
wird, verstärkt sich in ihm der Widerstand und die Rebellion,
motiviert von Martin Luther Kings Vorstellungen von einem besseren
Leben und größerer Gerechtigkeit. Unterstützt von dem jungen,
unkonventionellen Lehrer Freddie
Svale (Anders W. Berthelsen) und seinen Eltern
Stine (Anne-Grethe
Bjarup Riis) und Peder
(Jens Jørn Spottag), die jedoch auch alle ihre Probleme
haben, nimmt Frits den Widerstand gegen den Schulleiter auf… Dieser
Widerstand gegen die Institutionen prägt das Bild von damals. Es war
eine Zeit des Umbruchs auf dem Weg zu neuen Ufern.
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Foto: Barbara
Klemm, "Kinderplanet" 1971, Messegelände Frankfurt |
Im Frankfurter Kunstverein soll in der Aktionswoche wie damals
das künstlerische Schaffen als Prozess abgebildet werden. Daran
sollen sich wie vorgesehen vor allem auch Kinder und Jugendliche
beteiligen. Begleitet werden sie durch mehrere Fotos und Bücher von damals. Zu
den Berichterstattern, die das Geschehen auf dem "Kinderplanet"
1971 fotografierten, gehört die Fotografin Barbara Klemm, die viele
Bilder aufgenommen hat wie hier das s/w Foto mit Kindern.
Hier kommen mir einige 15minütige Filme des Filmemachers Karsten
Bott in Erinnerung, die schon in den 1980er Jahren entstanden, in
denen mehrere Kleinkinder verschiedenartigste Grimassen schneiden.
Sie tun das so intensiv und mit solcher Authentizität, daß ich mich
frage, ob dies neben verbaler Sprache ein Mitteilungsmittel oder
Verständigungsmittel bei Kleinkindern ist? Eine solche kindliche
Ausprägung der Mimik entsteht, wenn Kinder sich im Freiraum wie dem
Abenteuerspielplatz aufhalten, agieren und frei bewegen können ohne
von Erwachsenen gleich korrigiert zu werden. Karsten Bott war von
1981 bis 1997 Betreuer auf einem Abenteuerspielplatz.
Hier zeigt sich, wo eine Wiederaufnahme der Strömung von 1968
stattfinden kann. Projekte der Umwelt verknüpfen Freizügigkeit und
sinnvolles Nachdenken über die Natur und ihre Möglichkeiten bei der
technischen Umsetzung. Der Logos zeigt sich von seiner erstaunlichen
Seite und wird auf spielerische Art gleich bei den Kindern
eingefordert, in der Hoffung damit eine Verbesserung in Umweltfragen
zu erreichen.
So
wird das Team des Umwelt Exploratoriums (UX e.V.) im Rahmen der
Aktionswoche mit einer Schülergruppe zusammen ein Solarluftobjekt
realisieren. UX e.V. ist ein gemeinnütziger Verein aus Frankfurt,
der von ehemaligen Studenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach
gegründet wurde und zur Zielsetzung hat aktuelle Tendenzen in der
Umweltentwicklung aufzugreifen und diese anschaulich in Umsetzungen zu
überführen.
Ein Solarluftschiff ist ein unbemanntes Luftschiff, das über
Solarzellen den elektrischen Strom für seinen Antrieb erzeugt, wobei
der Auftrieb mit Hilfe einer Wasserstoff- oder Heliumfüllung erzeugt
wird. Der Vorteil des Solarluftschiffes liegt in seiner
Abgasfreiheit und den geringen Betriebsgeräuschen. Da kein
Brennstoff mitgeführt werden muß, entsteht auch nicht das Problem
des Auftriebsgewinns, wenn die Masse des Luftschiffs durch den
verbrauchten Kraftstoff abnimmt.
Weitere Projekte sind "Psychedelic Playstation" von Paul
Wiersbinski, er nutzt die Popularität der Spielkonsolen, um dem
Nutzer die Möglichkeit zur intuitiven Kreation und Veränderung von
psychedelischen Farben und abstrakten Landschaften zu geben. Dabei
entstehen Bilder, die nur augenblicklich sichtbar bleiben.
"Raumschiff" heißt eine Skulptur von Knut Liese und Kai Linke.
"Gute Modelle sind wie Eisberge. Wie bei einem im Wasser treibenden
Eisberg scheint bei einem guten Modell auch nur ein kleiner Teil des
vermeintlich Ganzen sichtbar."
Kinder-Arbeitsagentur ist eine Installation von Ryan Siegan-Smith,
der eine vollfunktionsfähige Arbeitsagentur im Kunstverein
aufgestellt hat. Daraus soll eine Art Rollenspiel entstehen, indem
Kinder den Betrieb der Agentur ins rollen bringen. Das Projekt
möchte damit eine Vorschau auf die Zukunft geben, die Enttäuschung
voraussieht und in der das Spielen möglich, Arbeit aber
unvermeidlich ist.
Raumgreifende Installation von Aurore Salomon, Trine Vive Munk,
Ninna Poulsen, Verena Becker, Anna Zwingl, Joen P-Vedel, Jean Pierre
Bertrand, Thomas Bo Östergaard, Rasmus Brink Pedersen, Tassilo
Letzel. Die School of Walls and Space, Copenhagen hat für das
Projekt "The Great Game to Come" eine Arbeitsmethode entwickelt, die
auf einer unstrukturierten und ohne Plan funktionierenden Strategie
basiert. Studenten haben im Dialog mit Palle Nielsen die Methode
weiter entwickelt. Sie treffen sich seit ihrer Ankunft in Frankfurt
täglich. Aus dieser Zusammenarbeit entsteht das gemeinsame Spiel der
Veränderung.
Initiiert von Chus Martinez, Tobi Maier und Katja Schroeder wird
das Experimentierfeld mit Hilfe der beiden Künstler Palle Nielsen
und Thomas Bayrle sowie Studentengruppen der Frankfurter
Städelschule und der Kunstakademie in Kopenhagen entwickelt, die von
Tobias Rehberger und Nils Norman (Kopenhagen) unterstützt werden.
Nils Norman ist ein kritischer Künstler, der
sich mit sozialem Raum befaßt, geprägt durch Erfahrung, durch
Materialität und durch Spiel. Dabei steht die gesamte Ausstellungsfläche des Kunstvereins zur
Verfügung.
Die Aktionen 1971 in Frankfurt wurden begleitet von Workshops,
die Joseph Beuys im Theater am Turm durchführte. Auch ein Bild von
Blinky Palermo erinnert im Frankfurter Kunstverein an die Jahre. Es
geht nicht darum eine statische Situation zu entwerfen, in der nur
betrachtet wird, sondern performative Räume sollen geschaffen
und Experimente der 1960er und 1970er Jahre näher untersucht werden.
Hierfür wurde eine Dokumentation mit Dias und
Bildern aus dem Archiv des Schwedischen Fernsehen erstellt.

"Kinderplanet" 1971 wollte auch zerbombte Räume für
Kinder nutzen, die damals häufiger vorkamen als 2008. Wenn Chus Martinez ihr Haus gerade für diese
Experimente öffnen will, wie sie sagt, dann fragt sich wofür
eigentlich? Um das politische Klima zu verbessern? Damit wird sie in
Hessen auf wenig Gegenliebe stoßen, wo die Grenzen mit Lafontaine
schon abgesteckt und der Spitzbube Koch sein durchdachtes
Mienenspiel, seine Spasmen weitertreiben kann. Die Hessen glauben, sie seien
tolerant, in Wirklichkeit sind sie langweilig.
Martinez fragt, warum man das Experiment von damals
nicht wieder in den Mittelpunkt von heute stellen kann? Die
Studenten der Städelschule sollen eine Antwort geben: Ein Hindernis
sei der Antagonismus.
Der Frankfurter Kunstverein muß in großen Teilen
seine Gelder selbst erwirtschaften. In manchen Teilen hilft die
Stadt. Auch die Banken sind Geldgeber, haben aber weniger Geld zur
Verfügung, lautet eine dürftige Bemerkung von kultureller Seite auf
die Krise im Bankengeschäft. Bei dem aktuellen Projekt besteht
immerhin eine Kollaboration mit Dänemark.
Der Eintritt in den Frankfurter Kunstverein ist
während der Aktionswoche frei.
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