Jöran Mjöberg "Arkitektur i litteratur" erschienen 1998 im schwedischen Carlsson Bokförlag. Analogien zwischen Architektur und Literatur am Beispiel einiger Autoren des späten 19. und 20. Jahrhunderts

 

Mjöbergs Buch ist eine Abhandlung zum Thema Architektur und Literatur. Ein nur wenig behandelter Stoff, wie Mjöberg eingesteht. Das Buch wurde aus dem Schwedischen bisher nicht in andere Sprachen übertragen. Mit der Einleitung, die hier behandelt wird, gibt er einen Überblick über den Forschungsstand zu diesem Thema und benennt mehrere Autoren, die vorwiegend dem englisch-, amerikanisch- und französischsprachigen Raum des späten 19. und 20. Jahrhunderts angehören.

 

In der Einleitung seines Buches [1] wird gesagt, es sei eine alte Tradition über Architektur in literarischen Werken zu sprechen. Bei Jöran Mjöberg  ist „Architektur“ dann eine einfache Umschreibung für Komposition oder Struktur. Bei manchen Autoren spielen architektonische Erscheinungen, wie Kirche, Schloß, Turm, Opernhaus oder Bordell eine Rolle für die gesamte Rahmenhandlung. Das sei speziell ein literarisches Phänomen, das besonders in Romanen und im Schauspiel vorkommt. Es fällt außerdem auf, daß dieser architektonische Handlungsrahmen kaum Bedeutung in der älteren Literatur findet. Architektur kommt in antiker, in mittelalterlicher, in der Literatur der Renaissance oder im Klassizismus so gut wie überhaupt nicht vor. Erst in der Literatur des 19. Jahrhunderts dient Architektur als literarische Vorlage. In einem gewissen Umfang kommt sie in der Romantik vor, im höheren Grad erscheint sie jedoch in Realismus und Naturalismus, wie in der Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

Mjöbergs Anliegen ist es, zu erläutern, wie Architektur auf unterschiedlichste Weise den Handlungsablauf speziell in Romanen und Dramen des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflußt. Das kann Hintergrund einer Handlung sein, aber es kann auch dessen Struktur und ideologische Haltung wie dessen literarische Bildsprache betreffen. Es kann allegorisch oder symbolisch gemeint sein und kann auf verschiedene Art und Weise eine Auswirkung auf die Eigenart eines Werkes haben.

 

Die Forschung hat in Bezug auf die Relation zwischen Architektur und Literatur bisher nur sehr wenig zu bieten. Es gibt einzelne Werke, die diesen Stoff eher knapp und mit Ausrichtung auf einen bestimmten Autor beleuchten. Es scheint aber keine prinzipielle Übersicht zu dieser Thematik zu geben.

 

Es existiert eine Arbeit, die ursprünglich in französischer Sprache vorlag und dann erst ins Englische übersetzt wurde. 1986 veröffentlichte Philippe Hamon in den USA eine Untersuchung, die bestimmte Phänomene in der französischen Literatur untersucht, besonders aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Expositions: "Literature and Architecture in Nineteenth Cetnury France" (Berkeley 1992).

 

In "The Expressive Eye, Fiction and Perception in the Work of Thomas Hardy", 1986, hat J.B. Bullen einen Zusammenhang zwischen Architektur und Fiktionsgestalten in den Erzählungen einiger englischer Romanschriftsteller untersucht.

 

In "Literary Architecture, Essays Toward a Tradition" (Berkeley, Los Angeles, London, 1970)  versucht Ellen Eve Frank den architektonischen Einfluß bei neueren Autoren in England, USA und Frankreich herauszufinden. Besonders die Arbeiten der letzteren verwenden sich für eine Analyse, die mehr kunstphilosophischen und kunsttheoretischen Charakter haben, aber durchaus prinzipielle Parallelen der Werte repräsentieren.

 

Philippe Hamon betont in „Expositions“ das Vorhandensein einer architektonischen Terminologie innerhalb von Literaturkritik, gesichert durch das Erscheinen bedeutungsvoller Worte des Typs: „Aufbau“ und „Gestalt“. Im Zusammenhang mit schöner Literatur benennt er die Rolle der Architektur als „Meta-Sprache“. In der Literatur des späten 19.Jahrhundert findet er in der französischen Literatur eine Art architektonisches System, das sechs besondere Gegenstände enthält: wie normale Fenster, Ladenfenster, gemalte Fenster, Türen, Wände und Spiegel. Gegenstände die speziell in einem metaphorischen Zusammenhang stehen. So präsentiert Jules Verne seine Gestalten meist in besonderen architektonischen Einrahmungen gleich einer Metapher der architektonischen Sprache. Philippe Hamon verweist außerdem auf Emile Zola, der mit „Le Ventre de Paris“ eine stark lokal betonte Einheit etabliert, indem eine bestimmte Pavillonarchitektur nicht nur als Dekoration sondern als kollektiv handelnder Faktor ständig anwesend ist.

 

Bullen analysiert auf seinem Rundgang die Bedeutung der Architektur bei Thomas Hardy, ein Autor, der faktisch als Architekt ausgebildet war, bevor er zur Schriftstellerei kam und die Wirklichkeit um sich stets im Lichte der Architektur betrachtete. Bullen bemerkt, daß in Hardys Roman „The Mayor of Casterbridge“ verschiedene Gegenstände zunehmend an Bedeutung gewinnen, die größer sind, als deren oberflächliche Wahrnehmung im Werk dies andeutet. Die Hauptperson, Burgmeister Henchard, repräsentiert seine soziale Stellung durch Wohnungen, die symbolischen Typs sind. Zuerst hält er sich in einem Zelt auf, wo er wohnt „wifeless, homeless and restless“. In seinen besseren Tagen wohnt er in der Stadt Casterbridge in einem vornehmen Haus aus dem 18.Jahrhundert. Schließlich lebt er in einer ganzen Anzahl zufälliger Wohnungen, die ein Abbild seines sozialen Niedergangs sind.

 

In einer kurzen Erzählung, „The Laodicean“, hatte Hardy schon früher mit einem symbolischen Vorbild gearbeitet. Hier wächst Bullens Beobachtung und Interesse. George Somerset, die Hauptperson, hat eine ausgesprochen starke Vorliebe für gotische Architektur. Während Paula Power einen griechischen Bogen in einem mittelalterlichen Schloß zu Bauen wünscht. Bullen sieht diese Neigung als die sinnliche Verkörperung in einem Fall mit Sinn für historische Architektur. Zum anderen ist es eine romantische aber etwas verwirrte Attitüde. Das gibt eine Anschauung von dem, was die Persönlichkeit der beiden Gestalten betrifft.

 

Ellen Eve Franks Arbeit: “Literary Architecture” publiziert von der University of California Press, wird als kunstpsychologische Arbeit bezeichnet. Das ist als früher Verweis auf Inter-Art-Wissenschaften zu verstehen. Ellen Eve Frank untersucht Themen mit Ausgangspunkt auf vier Autoren vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu zählen zwei Engländer, Walter Pater und Gerard Manley Hopkins, der Amerikaner Henry James und der Franzose Marcel Proust. Dessen Referenzen sich auf zwei klassisch, englische Autoren beziehen, William Wordswoth und John Ruskin.

 

Ellen Eve Frank zitiert Pater, der sagt, daß zwei alte Traditionen zusammengeführt werden, teils als „ars memoria“ und als „ut architectura poesis“. Das erstere meint die Architektur als eine Struktur von Gedächtnis und als Metapher für Gedanken. Das zweite deutet an, daß der Autor in seinem literarischen Stil architektonische Strukturen annimmt und imitiert.

 

Pater und Hopkins, erklärt Frank in ihrem Schlußkapitel, wenden eine Analogie von Architektur und Literatur an, weniger um die strukturelle Einheit zu beschreiben, als ganze Sätze innerhalb des poetischen Versmaßes darzustellen. Während Proust und James diese Analogie anwenden, um die gesamte Romanstruktur zu umschreiben. Hopkins, so meint Frank, verwendet für sich Thermen in direkter oder ursprünglicher Bedeutung, die „primary meanings“ haben, gleichzeitig aber eine tiefere architektonische Bedeutung beinhalten. Außerdem betrachtet Hopkins Wörter wie Baumaterial, konkretes und sinnliches, um ein lyrisches Gedicht zu erstellen. Zuerst nimmt er Wörter als „Struktur“ auf, wendet aber in einem späteren Stadium „Konstruktion“ für Poesie an. Besonders gotische Architektur kommt in seiner religiösen Vorstellung vor.

 

Wenn Frank auf Proust zu sprechen kommt, betont sie dessen Romanserie „À la recherche du temps perdu“ als ginge es darum eine Kathedrale aufzubauen –  eine Idee die vorher so noch nicht ausgeführt wurde. Sie hebt auch hervor, wie er lebendige Gestalten im Romanwerk mit Skulpturen in der Kathedrale vergleicht. Proust schrieb zudem ein Essay über die Zerstörung von Kirchen. Er übersetzte ein zentrales Werk von RuskinThe Bible of Amiens“ auf Französisch. In den Essays, wie im Vorwort zu den Ruskin Übersetzungen, hat er seine Bedeutung auf Kathedralen mit deren doppelter Lehrmeinung gelegt, geologische und ästhetische. Herausgegeben als „Bücher zum lesen“ wird erklärt, daß die Analogie umgekehrt wird, so daß literarische Symbole in die Architektur einfließen.

 

Die Parallelen die Frank zwischen Architektur und Literatur sieht, haben manchmal eine Tendenz ein wenig subtil und schwebend zu wirken. Am wenigsten deutlich erscheinen Mjöberg diese Analogien, wenn Frank auf Henry James zu sprechen kommt. Sie erwähnt, daß der Romanautor den Buchumschlag der großen New York Edition seiner „Novels and Tales“ mit architektonischen Monumenten schmücken läßt. Ein klassisches Portal für eine Arztwohnung „The Doctor’s Door“ ist einer dieser architektonischen Räume. Ein anderer ist eine Pagode, noch einen anderer ist ein venezianischer Palazzo. Schließlich sieht sie die gotische Kathedrale als Symbol für eine Frauengestalt, Isabel Archer, in Henry James Roman „Portrait of a Lady“.

 

Mjöberg zitiert einen Zeitschriftenartikel, der konkret und informativ in vier Romanen des 20.Jahrhundert auf die Bedeutung von Architektur hindeutet: Laura L. Doan, „Architecture and the Postwar British Novel, Resistance to Social Change“ (Mosaic 21.4.1988). Doan zeigt, wie die Architektur  als Ausdrucksmittel für eine Haltung mit sozialer und politischer Veränderung verwendet wird.

 

In Evelyn Waughs Roman „Brideshead, Revisited“, 1945 fungiert das große Haus im Titel gemäß Doan, als Metapher für das alte System, die eine aristokratisch katholische Tradition hat. Der Erzähler Charles Ryder ist eine Person, die mit dem Abmalen älterer Architektur beschäftigt ist und unempfänglich wird für moderne Betrachtungsweisen innerhalb der Künstlerkreise, in denen er sich aufhält. Ryder ist kein wahrer, freischaffender Künstler, sondern er ist eher ein pedantischer Handwerker. Bevor vornehme Gebäude abgerissen werden, rückt er an und bildet sie ab. Er bekennt öffentlich seine Sympathie für die Oberklasse und seine Hingabe für deren Interessen.

 

„Brideshead House“ ist das architektonische Gebäude, das Ryders tieferes Interesse erlangt. Es ist synonym für Harmonie, Ordnung, Schönheit und Kultur zu verstehen. Ein Wert, der in einer Zeit, da sich Hausbauten in Englands friedvoller und ländlicher  Umgebung breit machen, gefunden und verteidigt werden müssen. Ja, er vergleicht die Einwohner der Vorstädte mit denen einer Nervenheilanstalt. Für Waugh wird das Wesen der Bauwerke zum: alt gleich gut und neu gleich zerstörerisch. Seine Hauptperson hat die Aufgabe soviel von der Kultur zu retten wie möglich. Für Charles Ryder sind bauende Menschen von höchster Tugend und damit wichtiger als der Bürgermeister selbst.

 

Über einen Roman des Schriftstellers Angus Wilson, „Last Call“ von 1954 sagt Doan, besteht die architektonische Emblematik in einer Serie sozial inspirierter Wohnhäuser, genannt: „New Town“, was als Struktur gegen ein altes Landgut in der Einleitung des Romans gemeint ist, was dann die Sehnsucht für das Vergangene einnimmt. Das New Towns-Projekt aber wird als artifiziell rauh und verfault dargestellt. Im Roman flüchtet eine Familie, nämlich Sylvia und ihr Mann Arthur samt Sohn Harold, nach Carshall, ein Platz mit New Town-Architektur. Hier wird Harold ein Symbol für die New Town: er ist fortschrittlich aber seelenlos. Wilson erklärte selbst in einem Interview, daß diese Welt, die versucht permanente Feststimmung und positive Nachbarschaft zu erzeugen, gleichzeitig aber Einsamkeit versteckt hält, eine Auffassung von Festivitäten haben muß, die von Übel sind, weil sie Menschen daran hindert, tatsächlich einander näher zu kommen. Die Carshall Anlage verzichtet gar nicht auf alte Klassengrenzen, sondern sie schafft neue. Dadurch entsteht eine Form von klassengeprägter Gesellschaft.

 

Sylvia, die im Bauernhof und dessen Architektur aus dem Einleitungskapitel bekannt ist, entscheidet sich am Schluß für eine Wohnung im Stadtzentrum. Sie demonstriert damit ihre Art zu Leben, ein Wohnen zwischen Vergangenem und Neuem. Wilson plädiert nicht dafür eine ältere Epoche anzuwenden, wie dies Waugh versucht, auch nicht um sie total zu verlassen, meint Harold insofern ratsam. "Last Call", schließt Doan, kann innerlich als optimistischer Roman betrachtet werden. Ihm gegenüber steht eine Welt, die zwar Gedächtnis ist, sich aber weigert gleichzeitig die Zukunft zu verneinen.

 

Doans nächstes Beispiel ist der William Golding Roman "The Spire" von 1964, der von Mjöberg in einem eigenen Kapitel untersucht wird. Doan weist daraufhin, daß Golding die Glaubensprobleme in einem Zeitalter behandelt, als die institutionalisierte Religion ihre Bedeutung zu ansehnlichen Teilen bereits verloren hat. Sein Entschluß die Handlung im Mittelalter zu platzieren, mit einem festem Glauben an Gottes Allmacht und Güte, kann als problematisch betrachtet werden. Wenn der Dompropst Jocelin in der Romanintrige die zu erbauende Höhe des Turmes erzwingt, zeigt sich der Erdboden als unsicher und das Gebäude wird vom Domkapitel in Frage gestellt. Das kann als Bezug auf die Psychologie der Nachkriegszeit und die geistige Verwirrung aufgefaßt werden.

 

Aber Doan sieht auch eine Parallele zwischen dem Bau der Spitze im Roman und der gleichzeitigen Restauration der Coventrykathedrale, die nach den Bombardierungen des Krieges nicht mehr als nur ihre Spitze bewahrt hat. Der Architekt, der Coventrys umgebaut hat, Basil Spence, war ein Anhänger eines alten Glaubens, der darauf beruht, daß die Steine in einem kirchlichen Bauwerk, Kraft und Reinheit ausdrücken würden. Er sah zu, daß die Steine der alten Kathedrale in die Neue eingebracht wurden. Spences architektonische Sprache gründete sich ganz auf der mittelalterlichen. Coventry wurde ein heroischer Versuch dafür, was in nachkriegszeitlich agnostischer Ära einen starken persönlichen Glauben ausdrückt. Goldings künstlerische Zielsetzung ist mit Spences verwandt.

 

Schließlich behandelt Doan einen Roman von Fay Weldon, "Female Friends", von 1975, der in seiner Perspektive der am meisten pessimistische der vier Romane ist. Ihre Hauptperson ist Christie, ein Bauingenieur, der als besonders gewissenlos und nachlässig bei der Konstruktion seiner Bauwerke gilt, was teils ein Ausstellungspavillon, teils ein Hotel betrifft. In beiden Fällen handelt der vom tödlichen Verlust an Menschen, wenn das Dach der Bauwerke zusammenbricht. Dieser Christie entkommt allen Konsequenzen seiner Nachlässigkeit und deutet in einem Fall an, das Unglück sei die Folge einer Bombenexplosion gewesen. Weldon ist aus kategorischer Sicht sehr skeptisch gegen die Technologie im Nachkriegsengland und meint die sozialen Veränderungen  haben nur einen kosmetischen und oberflächlichen Charakter. Seine Hauptperson, der Bauingenieur habe keine andere Motivation als Geld zu verdienen. Er hat keine Vision, wie zum Beispiel Jocelin in Goldings Roman es hatte. Christie zerstört seine Ehe und schließt seine Ehefrau von den Kindern aus, die sich in dem festungsähnlichen Haus aufhalten, welches Symbol für Entfremdung und Verzweiflung ist.

 

Von diesem Roman, behauptet Doan, geht die Tendenz einer tief konservativen Haltung aus, um architektonische Metaphern zu erzeugen. Ihre Analyse ist konkret und fruchtbar, obwohl sie eine marxistisch orientierte Kritikmethode einsetzt, die nur undeutlich die Vorgänge wahrnehmen kann.

 

Ein Hinweis in Ellen Eve Franks Arbeit findet man am Schluß in „Duelling in the Text – Houses in American Fiction“ von Marylin R. Chandler, Prof. am Mills College in Kalifornien, 1991. Der Haupttitel der Arbeit baut auf einem Wortspiel auf, das sowohl mit  „Wohnung im Text“ und „Sich Aufhalten im Text“ übersetzt werden kann. Hier steht die Frage einer tiefer gehenden Analyse, die für eine Person unmöglich durchzuführen wäre, die nicht die Geschichte der amerikanischen Gesellschaft in vier Zyklen kennt: deren Lebensform, deren religiöse Schattierungen, deren politische und soziale Beispiele. Chandler beginnt mit Henry Thoreau und dessen „Walden“ mit einem Sommerhaus, welches er in der Einöde baute. Sie setzt fort mit Klassikern, wie Edgar Allan Poe in „The Fall of the House Usher“, Nathaniel HawthorneThe House of the Seven Gables“, Willa CatherThe Professor’s House“, F. Scott Fitzgerald „The Great Getsby“ und William Faulkner „Absalom, Absalom!“, um am  Schluß drei Autorinnen zu erwähnen: Kate Chopin, Marylinne Robinson und Toni Morrison.

 

Marilyn Chandler weist in ihrer Einleitung auf das „Haus“ als Behausung des Menschen, Schauplatz für grundlegende Konflikte im amerikanischen Leben. Es ist der Ort für dramatisch bedingte Handlungen, wie zum Beispiel Sexualpolitik oder Klassenkampf. Sie hat ein intuitives Verständnis für die Zusammenhänge und die Strukturen im Milieu des Individuums und welches Leben er oder sie haben und welche Psyche er oder sie an den Tag legen. Sie zeigt die unerhörten ökonomischen und moralischen Unkosten im großen Zivilisationsprozeß des Landes auf und bezieht Gesellschaft und Menschen gleichermaßen mit ein. Sie lebt geradezu auf, wenn sie eine gemeinsame Linie in allen Romanen erkennen kann, die sie als einen Komplex der Konflikte und Spannungen analysiert.

 

Entstanden sind diese  Einsichten bei der Betrachtung der amerikanischen Mythologie. Sie betont besonders den Konflikt zwischen geistigem und materialistischem Verständnis, der in der Begegnung zwischen offiziellem Christentum und Kapitalismus auftaucht. „Gott und Mammon“ faßt sie zusammen „were never less comfortable than in the American pantheon“.

 

Weiter betont die Autorin, daß die bildstürmerische Strenge bei den puritanischen Theologen in der amerikanischen Wertschätzung dominiert und die öffentliche Politik, nachdem die Säkularisierung aufgekommen war, weiterhin die Gesellschaft prägen mußte. Sie findet überall solche Spuren der Kontraste in der amerikanischen Kultur. Zum einen im Schaffen der Gesellschaft und zum anderen im Traum ein Leben zu verwirklichen, wie die Nomaden, die in der Prärie nur den  Himmel als Dach über sich haben.

 

Marilyn Chandler gibt eine detailgetreue Wiedergabe der Bezugsmomente und dies als eine der persönlichsten Autoren in ihrem Werk. Sie spricht an, wie bei Thoreau der Hausbau zum Werkzeug wird, um sein eigenes Ich zu formen. Was ein Schritt hin zur Entwicklung der Autorin und zur Philosophin wird. Bei Henry James werden in „Portrait of a Lady“ unterschiedlich viele Bauten geschildert. Das eigene Haus ist als Erweiterung des eignen Ich zu verstehen. Chandler berührt diesen Punkt ausführlicher bei FitzgeraldsThe Great Gatsby“ und FaulknersAbsalom, Absalom!“, wo das Haus für den „self-made man“ steht. Bei Fitzgerald sind Häuser die offensichtlichsten Personifikationen für den amerikanischen Traum. Für die Hauptperson wird das Haus eine Hülle vollständiger Leere im Leben. Bei Nathaniel Hawthorne, in „The House of the Seven Gables“, dient das Haus als Emblem für die menschliche Psyche, gleichzeitig spiegelt es die Fragen innerhalb von Kirche, Familie, Psychologie, Moral und Rechtsprechung.

 

Was Edith Wharton betrifft, wohnen die verschiedenen Gestalten in geschmackvollen, ausgeschmückten Möbeln, wobei die Beschreibung der Räume als eine Art Präsentation ihrer Persönlichkeit dient. Sie sind ein Indiz ihres Geschmacks. Bedeutung und Gewohnheit wie ihre Gemeinplätze sind verwoben in ein Netzwerk sozialer Relationen. Wenn es nach Marilynne Robinson und Toni Morrison geht, handeln ihre Romane von „Heimen“, die als Platz für Frauen stehen. Einsame Frauen, die ein Abkommen mit sich und der Wahl einer Lebensalternative getroffen haben. Oft ist es der Kampf gerade älterer Frauen, die sich für andere Alternativen entschieden haben. In Morrisons Fall geht es um ein Haus, das heimgesucht wird von einer schuldbelasteten, zweideutigen Vergangenheit und der Schwäche im Kampf der Generationen zwischen Männern und Frauen. In Kate Chopins frühem feministischem Roman „The Awakening“ kann das Haus als traditioneller Schauplatz für weibliche Aktivität aufgefaßt werden, obgleich es von Männern bezeichnet und beherrscht wird. Entweder dient es als „goldener Käfig“ oder als Mittel um durchkreuzte Vorsätze einzulösen, um Macht, Intelligenz oder Kreativität zu entwickeln. Rolf E.Maass

 

[1] Jöran Mjöberg, Inledning, med forskningsöversikt, in: Arkitektur i litteratur, Stockholm 1999, S.7-17.

 

 

 

Arkitektur i litteratur

von Jöran Mjöberg

Carlsson Bokförlag

1. Auflage, Stockholm 1999

264 Seiten, gebundene Ausgabe

Gewicht 458 gr

ISBN: 91-7203-862-4

 

 

 

 

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vom  08. September 2007