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In der
Einleitung seines Buches
[1]
wird gesagt, es sei eine alte Tradition über Architektur in literarischen Werken zu sprechen.
Bei Jöran Mjöberg ist „Architektur“ dann eine einfache
Umschreibung für Komposition oder Struktur. Bei manchen Autoren spielen architektonische Erscheinungen, wie Kirche, Schloß, Turm, Opernhaus
oder Bordell eine Rolle für die gesamte Rahmenhandlung. Das sei
speziell ein literarisches Phänomen, das besonders in Romanen und im
Schauspiel vorkommt. Es fällt außerdem auf, daß dieser architektonische
Handlungsrahmen kaum Bedeutung in der älteren Literatur findet.
Architektur kommt in antiker, in mittelalterlicher, in der Literatur der
Renaissance oder im Klassizismus so gut wie überhaupt nicht vor. Erst in
der Literatur des 19. Jahrhunderts dient Architektur als literarische
Vorlage. In einem gewissen Umfang kommt sie in der Romantik vor, im
höheren Grad erscheint sie jedoch in Realismus und Naturalismus, wie in
der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Mjöbergs Anliegen ist
es, zu erläutern, wie Architektur auf unterschiedlichste Weise den
Handlungsablauf speziell in Romanen und Dramen des 19. und 20.
Jahrhunderts beeinflußt. Das kann Hintergrund einer Handlung sein,
aber es kann auch dessen Struktur und ideologische Haltung wie dessen
literarische Bildsprache betreffen. Es kann allegorisch oder symbolisch
gemeint sein und kann auf verschiedene Art und Weise eine Auswirkung auf
die Eigenart eines Werkes haben.
Die Forschung hat in Bezug
auf die Relation zwischen Architektur und Literatur bisher nur sehr
wenig zu bieten. Es gibt einzelne Werke, die diesen Stoff eher knapp und
mit Ausrichtung auf einen bestimmten Autor beleuchten. Es scheint aber
keine prinzipielle Übersicht zu dieser Thematik zu geben.
Es existiert eine Arbeit, die
ursprünglich in französischer Sprache vorlag und dann erst ins Englische
übersetzt wurde. 1986 veröffentlichte Philippe Hamon in den USA
eine Untersuchung, die bestimmte Phänomene in der französischen
Literatur untersucht, besonders aus der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts: Expositions: "Literature and Architecture in Nineteenth
Cetnury France" (Berkeley 1992).
In "The Expressive Eye,
Fiction and Perception in the Work of Thomas Hardy", 1986, hat J.B.
Bullen einen Zusammenhang zwischen Architektur und Fiktionsgestalten
in den Erzählungen einiger englischer Romanschriftsteller untersucht.
In "Literary Architecture,
Essays Toward a Tradition" (Berkeley, Los Angeles, London, 1970)
versucht Ellen Eve Frank den architektonischen Einfluß bei
neueren Autoren in England, USA und Frankreich herauszufinden. Besonders
die Arbeiten der letzteren verwenden sich für eine Analyse, die mehr
kunstphilosophischen und kunsttheoretischen Charakter haben, aber
durchaus prinzipielle Parallelen der Werte repräsentieren.
Philippe Hamon
betont in „Expositions“ das Vorhandensein einer architektonischen
Terminologie innerhalb von Literaturkritik, gesichert durch das
Erscheinen bedeutungsvoller Worte des Typs: „Aufbau“ und „Gestalt“. Im
Zusammenhang mit schöner Literatur benennt er die Rolle der Architektur
als „Meta-Sprache“. In der Literatur des späten 19.Jahrhundert findet er
in der französischen Literatur eine Art architektonisches System, das
sechs besondere Gegenstände enthält: wie normale Fenster, Ladenfenster,
gemalte Fenster, Türen, Wände und Spiegel. Gegenstände die speziell in
einem metaphorischen Zusammenhang stehen. So präsentiert Jules Verne
seine Gestalten meist in besonderen architektonischen Einrahmungen
gleich einer Metapher der architektonischen Sprache. Philippe Hamon
verweist außerdem auf Emile Zola, der mit „Le Ventre de Paris“ eine
stark lokal betonte Einheit etabliert, indem eine bestimmte
Pavillonarchitektur nicht nur als Dekoration sondern als kollektiv
handelnder Faktor ständig anwesend ist.
Bullen
analysiert auf seinem Rundgang die Bedeutung der Architektur bei
Thomas Hardy, ein Autor, der faktisch als Architekt ausgebildet war,
bevor er zur Schriftstellerei kam und die Wirklichkeit um sich stets im Lichte
der Architektur betrachtete. Bullen bemerkt, daß in Hardys
Roman „The Mayor of Casterbridge“ verschiedene Gegenstände
zunehmend an Bedeutung gewinnen, die größer sind, als deren
oberflächliche Wahrnehmung im Werk dies andeutet. Die Hauptperson,
Burgmeister Henchard, repräsentiert seine soziale Stellung durch Wohnungen,
die symbolischen Typs sind. Zuerst hält er sich in einem Zelt auf, wo er
wohnt „wifeless, homeless and restless“. In seinen besseren Tagen wohnt
er in der Stadt Casterbridge in einem vornehmen Haus aus dem
18.Jahrhundert. Schließlich lebt er in einer ganzen Anzahl zufälliger
Wohnungen, die ein Abbild seines sozialen Niedergangs sind.
In einer kurzen Erzählung, „The
Laodicean“, hatte Hardy schon früher mit einem symbolischen
Vorbild gearbeitet. Hier wächst Bullens Beobachtung und
Interesse. George Somerset, die Hauptperson, hat eine ausgesprochen
starke Vorliebe für gotische Architektur. Während Paula Power einen
griechischen Bogen in einem mittelalterlichen Schloß zu Bauen wünscht.
Bullen sieht diese Neigung als die sinnliche Verkörperung in
einem Fall mit Sinn für historische Architektur. Zum anderen ist es eine
romantische aber etwas verwirrte Attitüde. Das gibt eine Anschauung von
dem, was die Persönlichkeit der beiden Gestalten betrifft.
Ellen Eve Franks
Arbeit: “Literary Architecture” publiziert von der
University of California Press, wird als kunstpsychologische Arbeit
bezeichnet. Das ist als früher Verweis auf Inter-Art-Wissenschaften zu
verstehen.
Ellen Eve Frank untersucht Themen mit Ausgangspunkt auf vier Autoren
vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu zählen zwei
Engländer, Walter Pater und Gerard Manley Hopkins, der Amerikaner
Henry James und der Franzose Marcel Proust. Dessen Referenzen
sich auf zwei klassisch, englische Autoren beziehen, William
Wordswoth und John Ruskin.
Ellen Eve Frank
zitiert Pater, der sagt, daß zwei alte Traditionen zusammengeführt
werden, teils als „ars memoria“ und als „ut architectura poesis“. Das
erstere meint die Architektur als eine Struktur von Gedächtnis und als
Metapher für Gedanken. Das zweite deutet an, daß der Autor in seinem
literarischen Stil architektonische Strukturen annimmt und imitiert.
Pater
und Hopkins, erklärt Frank in ihrem Schlußkapitel, wenden
eine Analogie von Architektur und Literatur an, weniger um die
strukturelle Einheit zu beschreiben, als ganze Sätze innerhalb des
poetischen Versmaßes darzustellen. Während Proust und James
diese Analogie anwenden, um die gesamte Romanstruktur zu umschreiben.
Hopkins, so meint Frank, verwendet für sich Thermen in
direkter oder ursprünglicher Bedeutung, die „primary meanings“ haben,
gleichzeitig aber eine tiefere architektonische Bedeutung beinhalten.
Außerdem betrachtet
Hopkins Wörter wie Baumaterial, konkretes und
sinnliches, um ein lyrisches Gedicht zu erstellen. Zuerst nimmt er
Wörter als „Struktur“ auf, wendet aber in einem späteren Stadium
„Konstruktion“ für Poesie an. Besonders gotische Architektur kommt in
seiner religiösen Vorstellung vor.
Wenn Frank auf
Proust zu sprechen kommt, betont sie dessen Romanserie „À la
recherche du temps perdu“ als ginge es darum eine Kathedrale
aufzubauen – eine Idee die vorher so noch nicht ausgeführt wurde. Sie
hebt auch hervor, wie er lebendige Gestalten im Romanwerk mit Skulpturen
in der Kathedrale vergleicht. Proust schrieb zudem ein Essay über
die Zerstörung von Kirchen. Er übersetzte ein zentrales Werk von
Ruskin „The Bible of Amiens“ auf Französisch. In den Essays,
wie im Vorwort zu den Ruskin Übersetzungen, hat er seine
Bedeutung auf Kathedralen mit deren doppelter Lehrmeinung gelegt,
geologische und ästhetische. Herausgegeben als „Bücher zum lesen“
wird erklärt, daß die Analogie umgekehrt wird, so daß literarische
Symbole in die Architektur einfließen.
Die Parallelen die Frank
zwischen Architektur und Literatur sieht, haben manchmal eine Tendenz
ein wenig subtil und schwebend zu wirken. Am wenigsten deutlich
erscheinen Mjöberg diese Analogien, wenn Frank auf Henry James
zu sprechen kommt. Sie erwähnt, daß der Romanautor den Buchumschlag der
großen New York Edition seiner „Novels and Tales“ mit
architektonischen Monumenten schmücken läßt. Ein klassisches Portal für
eine Arztwohnung „The Doctor’s Door“ ist einer dieser
architektonischen Räume. Ein anderer ist eine Pagode, noch einen anderer ist ein venezianischer Palazzo. Schließlich sieht sie die gotische
Kathedrale als Symbol für eine Frauengestalt, Isabel Archer, in Henry
James Roman „Portrait of a Lady“.
Mjöberg
zitiert einen Zeitschriftenartikel, der konkret und informativ in vier
Romanen des 20.Jahrhundert auf die Bedeutung von Architektur hindeutet:
Laura L. Doan, „Architecture and the Postwar British Novel, Resistance to Social Change“ (Mosaic 21.4.1988). Doan zeigt,
wie die Architektur als Ausdrucksmittel für eine Haltung mit sozialer
und politischer Veränderung verwendet wird.
In Evelyn Waughs
Roman „Brideshead, Revisited“, 1945 fungiert das große Haus im
Titel gemäß Doan, als Metapher für das alte System, die eine
aristokratisch katholische Tradition hat. Der Erzähler Charles Ryder ist
eine Person, die mit dem Abmalen älterer Architektur beschäftigt ist
und unempfänglich wird für moderne Betrachtungsweisen innerhalb der
Künstlerkreise, in denen er sich aufhält. Ryder ist kein wahrer,
freischaffender Künstler, sondern er ist eher ein pedantischer
Handwerker. Bevor vornehme Gebäude abgerissen werden, rückt er an und
bildet sie ab. Er bekennt öffentlich seine Sympathie für die Oberklasse
und seine Hingabe für deren Interessen.
„Brideshead House“ ist das
architektonische Gebäude, das Ryders tieferes Interesse erlangt. Es ist
synonym für Harmonie, Ordnung, Schönheit und Kultur zu verstehen. Ein
Wert, der in einer Zeit, da sich Hausbauten in Englands friedvoller und
ländlicher Umgebung breit machen, gefunden und verteidigt werden
müssen. Ja, er vergleicht die Einwohner der Vorstädte mit denen einer
Nervenheilanstalt. Für Waugh wird das Wesen der Bauwerke zum: alt
gleich gut und neu gleich zerstörerisch. Seine Hauptperson hat die
Aufgabe soviel von der Kultur zu retten wie möglich. Für Charles Ryder
sind bauende Menschen von höchster Tugend und damit wichtiger als der
Bürgermeister selbst.
Über einen Roman des
Schriftstellers Angus Wilson, „Last Call“ von 1954 sagt
Doan, besteht die architektonische Emblematik in einer Serie sozial
inspirierter Wohnhäuser, genannt: „New Town“, was als Struktur gegen ein
altes Landgut in der Einleitung des Romans gemeint ist, was dann
die Sehnsucht für das Vergangene einnimmt. Das New Towns-Projekt aber
wird als artifiziell rauh und verfault dargestellt. Im Roman flüchtet eine
Familie, nämlich Sylvia und ihr Mann Arthur samt Sohn Harold, nach
Carshall, ein Platz mit New Town-Architektur. Hier wird Harold ein
Symbol für die New Town: er ist fortschrittlich aber seelenlos.
Wilson erklärte selbst in einem Interview, daß diese Welt,
die versucht permanente Feststimmung und positive Nachbarschaft zu
erzeugen, gleichzeitig aber Einsamkeit versteckt hält, eine Auffassung von
Festivitäten haben muß, die von Übel sind, weil sie Menschen daran hindert,
tatsächlich einander näher zu kommen. Die Carshall Anlage verzichtet
gar nicht auf alte Klassengrenzen, sondern sie schafft neue. Dadurch entsteht
eine Form von klassengeprägter Gesellschaft.
Sylvia, die im
Bauernhof und dessen Architektur aus dem Einleitungskapitel bekannt ist,
entscheidet sich am Schluß für eine Wohnung im Stadtzentrum. Sie
demonstriert damit ihre Art zu Leben, ein Wohnen zwischen Vergangenem
und Neuem. Wilson plädiert nicht dafür eine ältere Epoche
anzuwenden, wie dies Waugh versucht, auch nicht um sie total zu
verlassen, meint Harold insofern ratsam. "Last Call", schließt
Doan, kann innerlich als optimistischer Roman betrachtet werden. Ihm
gegenüber steht eine Welt, die zwar Gedächtnis ist, sich aber
weigert gleichzeitig die Zukunft zu verneinen.
Doans
nächstes Beispiel ist der William Golding Roman "The Spire"
von 1964, der von Mjöberg in einem eigenen Kapitel untersucht
wird. Doan weist daraufhin, daß Golding die
Glaubensprobleme in einem Zeitalter behandelt, als die
institutionalisierte Religion ihre Bedeutung zu ansehnlichen Teilen
bereits verloren hat. Sein Entschluß die Handlung im Mittelalter zu
platzieren, mit einem festem Glauben an Gottes Allmacht und Güte, kann
als problematisch betrachtet werden. Wenn der Dompropst Jocelin in der
Romanintrige die zu erbauende Höhe des Turmes erzwingt, zeigt sich der
Erdboden als unsicher und das Gebäude wird vom Domkapitel in Frage
gestellt. Das kann als Bezug auf die Psychologie der Nachkriegszeit und
die geistige Verwirrung aufgefaßt werden.
Aber Doan sieht auch
eine Parallele zwischen dem Bau der Spitze im Roman und der
gleichzeitigen Restauration der Coventrykathedrale, die nach den
Bombardierungen des Krieges nicht mehr als nur ihre Spitze bewahrt hat. Der
Architekt, der Coventrys umgebaut hat, Basil Spence, war ein
Anhänger eines alten Glaubens, der darauf beruht, daß die Steine in
einem kirchlichen Bauwerk, Kraft und Reinheit ausdrücken würden. Er sah
zu, daß die Steine der alten Kathedrale in die Neue eingebracht wurden.
Spences architektonische Sprache gründete sich ganz auf der
mittelalterlichen. Coventry wurde ein heroischer Versuch dafür, was in
nachkriegszeitlich agnostischer Ära einen starken persönlichen Glauben
ausdrückt. Goldings künstlerische Zielsetzung ist mit Spences
verwandt.
Schließlich behandelt
Doan einen Roman von Fay Weldon, "Female Friends", von
1975, der in seiner Perspektive der am meisten pessimistische der
vier Romane ist. Ihre Hauptperson ist Christie, ein Bauingenieur, der
als besonders gewissenlos und nachlässig bei der Konstruktion seiner
Bauwerke gilt, was teils ein Ausstellungspavillon, teils ein Hotel
betrifft. In beiden Fällen handelt der vom tödlichen Verlust an Menschen, wenn das Dach der Bauwerke
zusammenbricht. Dieser Christie entkommt allen Konsequenzen seiner
Nachlässigkeit und deutet in einem Fall an, das Unglück sei die Folge
einer Bombenexplosion gewesen. Weldon ist aus kategorischer Sicht
sehr skeptisch gegen
die Technologie im Nachkriegsengland und meint die sozialen
Veränderungen haben nur einen kosmetischen und oberflächlichen
Charakter. Seine Hauptperson, der Bauingenieur habe keine andere
Motivation als Geld zu verdienen. Er hat keine Vision, wie zum Beispiel Jocelin in Goldings Roman es hatte. Christie zerstört seine Ehe
und schließt seine Ehefrau von den Kindern aus, die sich in dem
festungsähnlichen Haus aufhalten, welches Symbol für Entfremdung und
Verzweiflung ist.
Von diesem Roman, behauptet
Doan, geht die Tendenz einer tief konservativen Haltung aus, um
architektonische Metaphern zu erzeugen. Ihre Analyse ist konkret und
fruchtbar, obwohl sie eine marxistisch orientierte Kritikmethode
einsetzt, die nur undeutlich die Vorgänge wahrnehmen kann.
Ein Hinweis in Ellen Eve
Franks Arbeit findet man am Schluß in „Duelling in the Text –
Houses in American Fiction“ von Marylin R. Chandler, Prof. am
Mills College in Kalifornien, 1991. Der Haupttitel der Arbeit baut auf
einem Wortspiel auf, das sowohl mit „Wohnung im Text“ und „Sich
Aufhalten im Text“ übersetzt werden kann. Hier steht die Frage einer
tiefer gehenden Analyse, die für eine Person unmöglich durchzuführen
wäre, die nicht die Geschichte der amerikanischen Gesellschaft in vier
Zyklen kennt: deren Lebensform, deren religiöse Schattierungen, deren
politische und soziale Beispiele. Chandler beginnt mit Henry
Thoreau und dessen „Walden“ mit einem Sommerhaus, welches er in der
Einöde baute. Sie setzt fort mit Klassikern, wie Edgar Allan Poe
in „The Fall of the House Usher“, Nathaniel Hawthorne „The
House of the Seven Gables“, Willa Cather „The Professor’s
House“, F. Scott Fitzgerald „The Great Getsby“ und William
Faulkner „Absalom, Absalom!“, um am Schluß drei Autorinnen zu
erwähnen: Kate Chopin, Marylinne Robinson und Toni
Morrison.
Marilyn Chandler
weist in ihrer Einleitung auf das „Haus“ als Behausung des Menschen,
Schauplatz für grundlegende Konflikte im amerikanischen Leben. Es ist
der Ort für dramatisch bedingte Handlungen, wie zum Beispiel
Sexualpolitik oder Klassenkampf. Sie hat ein intuitives Verständnis für
die Zusammenhänge und die Strukturen im Milieu des Individuums und
welches Leben er oder sie haben und welche Psyche er oder sie an den Tag
legen. Sie zeigt die unerhörten
ökonomischen und moralischen Unkosten im großen Zivilisationsprozeß des
Landes auf und bezieht Gesellschaft und Menschen gleichermaßen mit ein. Sie lebt
geradezu auf, wenn sie eine gemeinsame Linie in allen Romanen erkennen kann, die
sie als einen Komplex der Konflikte und Spannungen analysiert.
Entstanden sind diese
Einsichten bei der Betrachtung der amerikanischen Mythologie. Sie betont
besonders den Konflikt zwischen geistigem und materialistischem
Verständnis,
der in der Begegnung zwischen offiziellem Christentum und Kapitalismus
auftaucht. „Gott und Mammon“ faßt sie zusammen „were never less
comfortable than in the American pantheon“.
Weiter betont die Autorin,
daß die bildstürmerische Strenge bei den puritanischen Theologen in der
amerikanischen Wertschätzung dominiert und die öffentliche Politik,
nachdem die Säkularisierung aufgekommen war, weiterhin die Gesellschaft
prägen mußte. Sie findet überall solche Spuren der Kontraste in
der amerikanischen Kultur. Zum einen im Schaffen der Gesellschaft
und zum anderen im Traum ein Leben zu verwirklichen, wie die Nomaden, die in der Prärie
nur den Himmel als Dach über sich haben.
Marilyn Chandler
gibt eine detailgetreue Wiedergabe der Bezugsmomente und dies als
eine der persönlichsten Autoren in ihrem Werk. Sie spricht an, wie
bei Thoreau der Hausbau zum Werkzeug wird, um sein
eigenes Ich zu formen. Was ein Schritt hin zur Entwicklung der Autorin
und zur
Philosophin wird. Bei Henry James werden in „Portrait of a Lady“
unterschiedlich viele Bauten geschildert. Das eigene Haus ist als
Erweiterung des eignen Ich
zu verstehen. Chandler berührt diesen Punkt ausführlicher bei
Fitzgeralds „The Great Gatsby“ und Faulkners „Absalom,
Absalom!“, wo das Haus für den „self-made man“ steht. Bei
Fitzgerald sind Häuser die offensichtlichsten Personifikationen für
den
amerikanischen Traum. Für die Hauptperson wird das Haus eine Hülle
vollständiger Leere im Leben. Bei Nathaniel Hawthorne, in „The
House of the Seven Gables“, dient das Haus als Emblem für die
menschliche Psyche, gleichzeitig spiegelt es die Fragen innerhalb von
Kirche, Familie, Psychologie, Moral und Rechtsprechung.
Was Edith Wharton
betrifft, wohnen die verschiedenen Gestalten in geschmackvollen,
ausgeschmückten Möbeln, wobei die Beschreibung der Räume als eine Art
Präsentation ihrer Persönlichkeit dient. Sie sind ein Indiz ihres
Geschmacks. Bedeutung und Gewohnheit wie ihre Gemeinplätze sind
verwoben in ein Netzwerk sozialer Relationen. Wenn es nach Marilynne
Robinson und Toni Morrison geht, handeln ihre Romane von
„Heimen“, die als Platz für Frauen stehen. Einsame Frauen, die ein
Abkommen mit sich und der Wahl einer Lebensalternative getroffen haben.
Oft ist es der Kampf gerade älterer Frauen, die sich für andere
Alternativen entschieden haben. In Morrisons Fall geht es um ein
Haus, das heimgesucht wird von einer schuldbelasteten, zweideutigen
Vergangenheit und der Schwäche im Kampf der Generationen zwischen
Männern und Frauen. In Kate Chopins frühem feministischem
Roman „The Awakening“ kann das Haus als traditioneller Schauplatz
für weibliche Aktivität aufgefaßt werden, obgleich es von Männern
bezeichnet und beherrscht wird. Entweder dient es als „goldener
Käfig“ oder als Mittel um durchkreuzte Vorsätze einzulösen, um Macht,
Intelligenz oder Kreativität zu entwickeln.
Rolf E.Maass
[1]
Jöran Mjöberg, Inledning, med forskningsöversikt,
in: Arkitektur i litteratur, Stockholm 1999, S.7-17.
Arkitektur i litteratur
von Jöran Mjöberg
Carlsson Bokförlag
1. Auflage, Stockholm 1999
264 Seiten, gebundene Ausgabe
Gewicht 458 gr
ISBN: 91-7203-862-4
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