Rudolf Steiner Retrospektive bei Vitra in Weil am Rhein


"Die Alchemie des Alltags" Ausstellung bis zum 1. Mai 2012

 

   

Die Ausstellung widmet sich einer Persönlichkeit, die viele Jahre in Dornach lebte und dort einen Großteil seines Hauptwerkes schuf. Der Ort liegt unweit von Basel. Eine Straßenbahnlinie "das Trämli" fährt bis in den außerhalb gelegenen Stadtteil. Ebenfalls in der Nähe von Basel liegt Weil am Rhein, wo das Vitra Design Museum ist. Weil am Rhein ist auch einer der Wohnorte des Schriftstellers Rolf Hochhuth. Dornach, Weil am Rhein wie auch Riehen bei Basel, wo sich die kunstbeflissene Fondation Beyeler befindet, liegen geographisch nicht weit voneinander entfernt. Trotzdem waren die Verhandlungen zwischen Vitra und Dornach eher zäh bis eine umfassende Rudolf Steiner Retrospektive zustande kommen konnte. Denn in Dornach befinden sich die Kunstsammlungen und ein großer Teil aus Steiners Gesamtwerk. Dort steht auch das monumentale Goetheanum, das soviel wie das geistige Zentrum der anthroposophischen Bewegung ist. Zur Ausstellung bei Vitra ist ein umfangreicher bebildeter Katalog erschienen. Rudolf Steiner (1861-1925) wird hier als großer Reformer des 20. Jahrhunderts gepriesen, womit seine vielfältigen Tätigkeiten gemeint sind die universellen und kosmologischen Charakter haben. Von dem veralteten Begriff Universalgenie zu sprechen, ist abzuraten, weil diese Bezeichnung seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr verwendbar ist. Das Weltwissen der Menschheit hat mittlerweile solche unermesslichen Dimensionen angenommen, daß eine einzelne Person das gesamte Wissen nicht mehr in sich allein vereinen kann. Dennoch sind die Kenntnisse Steiners sehr umfangreich nicht nur in Architektur und bildender Kunst und kommen einer Gesamtauffassung schon sehr nahe. Schon der Kurator Harald Szeemann hat das Gesamtkunstwerk 1983 in einer Ausstellung gewürdigt. Bislang war Rudolf Steiner vor allem als Gründer der Waldorfschulen und alternativer Denker bekannt. Die Ausstellung „Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" verdeutlicht jedoch, daß er auch zu den ungewöhnlichsten Gestaltern des 20. Jahrhunderts gezählt werden muß.

     Foto: Vitra Design

   

Denn er war einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Reformer des 20. Jahrhunderts. Er gründete nicht nur die Waldorfschulen, sondern inspirierte Künstler wie Piet Mondrian, Wassily Kandinsky oder Joseph Beuys und gilt als einer der wichtigsten Ideengeber der organischen Architektur. Hier ist das erste Goetheanum mit runder Kuppel und in Holzbauweise während der Bauphase aus dem Jahre 1914 abgebildet, das später jedoch abbrannte und an dessen Stelle das heutige Gebäude entstand.

 

Zum 150. Geburtstag Steiners präsentiert das Vitra Design Museum die erste große Retrospektive zu seinem Werk. Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm, das in der bisherigen Geschichte des Museums einzigartig ist. Vitra Design widmet sich darin Steiners Einfluß in Design, Kunst und Gesellschaft, geht aber auch auf sein Wirken in der Region um Basel nach.

 

Der Einfluß des Reformers ist zwar international bekannt und geschätzt, die Region um Basel ist jedoch stark alemanisch geprägt, was wiederum mit eigenen Regeln der Lebensweise verbunden ist und dialektischen Konventionen folgt. Erschwerend kommt die geographische Lage im Dreiländereck: Deutschland, Frankreich und Schweiz hinzu. Mit den Alemannen hat Rudolf Steiner und die Anthroposophie dann nur wenig am Hut, weil eine ganzheitliche Auffassung vertreten wird mit eigenen Riten. Vielmehr haben die Anthroposophen in Dornach ein Zuhause gefunden, was aus alemannischer Sicht doch viel wertvoller ist. Wer schon einmal vor Ort gewesen ist, wird überzeugt sein wie schön die Umgebung um das Goetheanum herum ist. Der Einfluß der Anthroposophie ist bis in die Spitzen der Baumwipfel hinein spürbar. Garten Eden ist das nicht, vielmehr zählt Dornach zum weltweit bedeutendstem Zentrum der von Steiner initiierten anthroposophischen Bewegung. Dazu zählen dann auch die von den Anthroposophen praktizierten  tänzerischen Formen der Eurythmie. Einziges Manko ist die anhaltende Abfallproduktion durch Touristen um das Goetheanum.

 

 

Das architektonische Hauptwerk Rudolf Steiners liegt nur 15 Kilometer vom Vitra Design Museum entfernt in der Schweiz. Das Goetheanum wurde von 1924 bis 1928 erbaut. Es gilt bis heute als architekturgeschichtlicher Meilenstein - niemals zuvor wurde Beton in einem solchen Maßstab skulptural eingesetzt.  Das idealistisch wirkende Foto aus der Zentralperspektive könnte ebenso eine perfekte Computeranimation sein. Wie inszeniert wirkt die Außenfassade des Gebäudes auf den Betrachter. Der Blick aus dem großen Fenster mit den Zwischenstegen an der Westfassade ist bleibende Erinnerung.

 

Rudolf Steiners Horizont ging jedoch weit über Architektur und Design hinaus. Als ausgebildeter Geisteswissenschaftler trat Steiner für ein ganzheitliches Menschenbild ein und vermittelte in über 5000 Vorträgen die Weltanschauung der Anthroposophie, in der sich Kunst, Wissenschaft und Spiritualität verbinden sollten. Hunderte von Kliniken, Bankinstituten, Bauernhöfen und Waldorfschulen zeugen heute davon, wie weit sich Steiners Gedanken ausgebreitet haben. Viele Aspekte davon sind längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen - ob in Biokosmetik, einem gesteigerten Umweltbewusstsein oder in Produkten aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft.

 

Um die Vielfalt von Steiners Werk zu dokumentieren, hat das Vitra Design Museum eine Fülle an Exponaten zusammengetragen. Darunter sind 45 Möbel, 46 Modelle, 18 Skulpturen, über 100 Originalzeichnungen und -pläne, aber auch Dutzende weiterer Dokumente von Plakaten bis hin zu Briefen an Steiner von Franz Kafka, Piet Mondrian oder Else Lasker-Schüler.

 

Frühe  expressionistische Filme sowie Arbeiten von Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Erich Mendelsohn, Bruno Taut oder Frank Lloyd Wright veranschaulichen die intensiven Wechselwirkungen zwischen Steiner und berühmten Zeitgenossen. Auch die Verbindung zwischen Steiner und heutigen Gestaltern wird dokumentiert, etwa mit Werken von Olafur Eliasson, Konstantin Grcic oder Ronan & Erwan Bouroullec. Der Armlehnstuhl um 1935 wird Oswald Dubach zugeschrieben.

 

In der Ausstellung lernt der Besucher Steiner zunächst über dessen eigene Zeit kennen. Dabei wird deutlich, daß Steiner vom Jugendstil ebenso geprägt war wie vom Kubismus, Expressionismus und den verschiedenen Lebensreform-Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Auch die Kritik, die immer wieder an Steiner geübt wurde, wird hier thematisiert, ob sie sich nun auf seine Ansichten zur Menschheitsentwicklung oder seine Pädagogik bezieht.

 

Im zweiten Ausstellungsteil wird gezeigt, wie Steiner aus den vielen Einflüssen seiner Zeit eine völlig neue Alltagsästhetik destillierte. Von Goethe übernahm Steiner Anregungen im Bereich der Farbsymbolik sowie den Gedanken einer Metamorphosenlehre, die für ihn die Grundlage einer neuen organischen Ästhetik in Architektur und Design bildete. Aus diesen Anregungen entstanden Möbel und Bauten mit eigentümlich kristallinen oder geschwungenen Formen, deren Parallelen zu den Entwürfen heutiger Gestalter teilweise erstaunlich sind. Die abgebildete Farbstudie um 1917 ist von Rudolf Steiner und stellt einen Kentaurenkopf für die Kuppelmalerei des ersten Goetheanums dar.

 

Im dritten Teil zeigt die Ausstellung, wie Steiner aus seinen Reformgedanken praktische Anwendungen ableitete - von der Heilkunde über die Pädagogik bis hin zur Bewegungskunst der Eurythmie und komplexen geometrischen Modellen. Unter den Höhepunkten des Parcours sind die Nachbauten zweier Farbkammern Steiners von 1913, die in der Ausstellung als begehbare Räume gezeigt werden.

 

In ihrer Gesamtheit zeichnen Ausstellung, Rahmenprogramm und Katalog das Bild einer Person, deren Weltanschauung und Ästhetik polarisieren mag, deren historische Bedeutung jedoch unbestritten ist. Angesichts religiöser Konflikte, wirtschaftlicher Krisen und ökologischer Neuorientierungen erlebt Steiners ganzheitliches Denken heute eine Renaissance. Auch Tendenzen in Design und Architektur der Gegenwart hat Steiner vorweggenommen - etwa die Inspirationen an organischen Formen, die heute auch die Bauskulpturen von Frank Gehry oder Herzog & de Meuron prägen.

 

Zu einer der Zeitgenossen Rudolf Steiners die für das organische Bauen eintraten, zählte auch Hans Poelzig, der im Film "Golem" eine organisch inspirierte Gebäudekulisse entwarf, wie dessen expressionistischer Stil in zahlreichen Farbskizzen zur Geltung kommt. Organische Bauformen finden sich insgesamt jedoch eher selten in der Architektur. Viele sind mit der ganzheitlichen Auffassung Rudolf Steiners gar nicht in Berührung gekommen.

Wandtafelzeichnung "Je weiter sich der Mensch von der Erde entfernt", 20. April 1923    

Zum Rahmenprogramm

Die Ausstellung „Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags". Es bietet die Möglichkeit, den Spuren Steiners in der Region nachzugehen, sich mit Steiner auseinanderzusetzen, Kritik zu üben und nach Bezügen zu Design und Architektur der Gegenwart zu suchen.

 

Unter den Veranstaltungen des Rahmenprogramms sind Vorträge, Workshops, Tanzperformances, Filmvorführungen, Themenabende, Exkursionen und vieles mehr. Manche Events widmen sich Steiners eigenen Ideen und Initiativen, andere untersuchen ihre Parallelen zu aktuellen Tendenzen, beispielsweise zum organischen Bauen, zur Bionik, zu Fragen der Nachhaltigkeit oder sozialen Aspekten von Gestaltung. Unter den vielen renommierten Teilnehmern der Veranstaltungsreihe sind die Designer Jerszy Seymour und Werner Aisslinger, der Architekt Jürgen Mayer H., Graft Architekten, der Schauspieler Urs Bihler sowie Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer unterschiedlichster Disziplinen.

 

Die Veranstaltungen finden zwischen Oktober 2011 und April 2012 im Vitra Design Museum statt, aber auch bei Partnern in der gesamten Region. Unter den Kooperationspartnern sind das Kunstmuseum Basel, das Museum für Gegenwartskunst, das S AM Schweizerisches Architekturmuseum, das Staatsarchiv Basel-Stadt, das Rudolf Steiner Archiv sowie das Goetheanum, das Paul-Schatz-Archiv sowie das Unternehmen Mitte in Basel.

 

Titelseite

vom 19. Januar 2012