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Denn
er war einer der einflussreichsten und zugleich
umstrittensten Reformer des 20. Jahrhunderts. Er gründete nicht
nur die Waldorfschulen, sondern inspirierte Künstler wie Piet Mondrian, Wassily Kandinsky oder Joseph Beuys und gilt als einer
der wichtigsten Ideengeber der organischen Architektur. Hier ist
das erste Goetheanum mit runder Kuppel und in Holzbauweise
während der Bauphase aus dem Jahre 1914 abgebildet, das später
jedoch abbrannte und an dessen Stelle das heutige Gebäude
entstand.
Zum 150. Geburtstag Steiners präsentiert das Vitra
Design Museum die erste große Retrospektive zu seinem Werk.
Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm, das in
der bisherigen Geschichte des Museums einzigartig ist. Vitra
Design widmet sich darin Steiners Einfluß in Design, Kunst und
Gesellschaft, geht aber auch auf sein Wirken in der Region um
Basel nach.
Der Einfluß des Reformers ist zwar international bekannt und
geschätzt,
die Region um Basel ist jedoch stark alemanisch geprägt, was
wiederum mit eigenen Regeln der Lebensweise verbunden ist und
dialektischen Konventionen folgt. Erschwerend kommt die
geographische Lage im Dreiländereck: Deutschland, Frankreich und
Schweiz hinzu. Mit den Alemannen hat Rudolf Steiner und die
Anthroposophie dann nur wenig am Hut, weil eine ganzheitliche
Auffassung vertreten wird mit eigenen Riten. Vielmehr haben die Anthroposophen in Dornach
ein Zuhause gefunden, was aus alemannischer Sicht doch viel
wertvoller ist. Wer schon einmal vor Ort
gewesen ist, wird überzeugt sein wie schön die Umgebung um das Goetheanum
herum ist. Der Einfluß der Anthroposophie ist bis in die Spitzen
der Baumwipfel hinein spürbar. Garten Eden ist das nicht, vielmehr zählt Dornach zum weltweit bedeutendstem
Zentrum der von Steiner initiierten anthroposophischen Bewegung.
Dazu zählen dann auch die von den Anthroposophen praktizierten
tänzerischen Formen der Eurythmie. Einziges Manko ist die
anhaltende Abfallproduktion durch Touristen um das Goetheanum.

Das
architektonische Hauptwerk Rudolf Steiners liegt nur 15 Kilometer vom Vitra Design Museum entfernt in der Schweiz. Das Goetheanum
wurde von 1924 bis 1928 erbaut. Es gilt bis heute als
architekturgeschichtlicher Meilenstein - niemals zuvor wurde
Beton in einem solchen Maßstab skulptural eingesetzt. Das
idealistisch wirkende Foto aus der Zentralperspektive könnte
ebenso eine perfekte Computeranimation sein. Wie inszeniert wirkt die Außenfassade des Gebäudes auf den Betrachter.
Der Blick aus dem großen Fenster mit den Zwischenstegen an der
Westfassade ist bleibende Erinnerung.
Rudolf
Steiners Horizont ging jedoch weit über Architektur und Design
hinaus. Als ausgebildeter Geisteswissenschaftler trat Steiner
für ein ganzheitliches Menschenbild ein und vermittelte in über
5000 Vorträgen die Weltanschauung der Anthroposophie, in der
sich Kunst, Wissenschaft und Spiritualität verbinden sollten.
Hunderte von Kliniken, Bankinstituten, Bauernhöfen und
Waldorfschulen zeugen heute davon, wie weit sich Steiners
Gedanken ausgebreitet haben. Viele Aspekte davon sind längst in
der Mitte unserer Gesellschaft angekommen - ob in Biokosmetik,
einem gesteigerten Umweltbewusstsein oder in Produkten aus
biologisch-dynamischer Landwirtschaft.
Um die Vielfalt von Steiners Werk zu dokumentieren, hat das
Vitra Design Museum eine Fülle an Exponaten zusammengetragen.
Darunter sind 45 Möbel, 46 Modelle, 18 Skulpturen, über 100
Originalzeichnungen und -pläne, aber auch Dutzende weiterer
Dokumente von Plakaten bis hin zu Briefen an Steiner von Franz
Kafka, Piet Mondrian oder Else Lasker-Schüler.
Frühe expressionistische Filme sowie Arbeiten von Wassily
Kandinsky, Lyonel Feininger, Erich Mendelsohn, Bruno Taut oder
Frank Lloyd Wright veranschaulichen die intensiven
Wechselwirkungen zwischen Steiner und berühmten Zeitgenossen.
Auch die Verbindung zwischen Steiner und heutigen Gestaltern
wird dokumentiert, etwa mit Werken von Olafur Eliasson,
Konstantin Grcic oder Ronan & Erwan Bouroullec. Der
Armlehnstuhl um 1935 wird Oswald Dubach zugeschrieben.
In
der Ausstellung lernt der Besucher Steiner zunächst über dessen
eigene Zeit kennen. Dabei wird deutlich, daß Steiner vom
Jugendstil ebenso geprägt war wie vom Kubismus, Expressionismus
und den verschiedenen Lebensreform-Bewegungen des frühen 20.
Jahrhunderts. Auch die Kritik, die immer wieder an Steiner geübt
wurde, wird hier thematisiert, ob sie sich nun auf seine
Ansichten zur Menschheitsentwicklung oder seine Pädagogik
bezieht.
Im zweiten Ausstellungsteil wird gezeigt, wie Steiner aus den
vielen Einflüssen seiner Zeit eine völlig neue Alltagsästhetik
destillierte. Von Goethe übernahm Steiner Anregungen im Bereich
der Farbsymbolik sowie den Gedanken einer Metamorphosenlehre,
die für ihn die Grundlage einer neuen organischen Ästhetik in
Architektur und Design bildete. Aus diesen Anregungen entstanden
Möbel und Bauten mit eigentümlich kristallinen oder
geschwungenen Formen, deren Parallelen zu den Entwürfen heutiger
Gestalter teilweise erstaunlich sind. Die abgebildete Farbstudie
um 1917 ist von Rudolf Steiner und stellt einen Kentaurenkopf für die
Kuppelmalerei des ersten Goetheanums dar.
Im dritten Teil zeigt die Ausstellung, wie Steiner aus seinen
Reformgedanken praktische Anwendungen ableitete - von der
Heilkunde über die Pädagogik bis hin zur Bewegungskunst der
Eurythmie und komplexen geometrischen Modellen. Unter den
Höhepunkten des Parcours sind die Nachbauten zweier Farbkammern
Steiners von 1913, die in der Ausstellung als begehbare Räume
gezeigt werden.
In ihrer Gesamtheit zeichnen Ausstellung, Rahmenprogramm und
Katalog das Bild einer Person, deren Weltanschauung und Ästhetik
polarisieren mag, deren historische Bedeutung jedoch
unbestritten ist. Angesichts religiöser Konflikte,
wirtschaftlicher Krisen und ökologischer Neuorientierungen
erlebt Steiners ganzheitliches Denken heute eine Renaissance.
Auch Tendenzen in Design und Architektur der Gegenwart hat
Steiner vorweggenommen
-
etwa die Inspirationen an organischen Formen, die heute auch die
Bauskulpturen von Frank Gehry oder Herzog & de Meuron
prägen.
Zu einer der Zeitgenossen Rudolf Steiners die für das organische
Bauen eintraten, zählte auch Hans Poelzig, der im Film "Golem"
eine organisch inspirierte Gebäudekulisse entwarf, wie dessen
expressionistischer Stil in zahlreichen Farbskizzen zur Geltung
kommt. Organische Bauformen finden sich insgesamt jedoch eher
selten in der Architektur. Viele sind mit der
ganzheitlichen Auffassung Rudolf Steiners gar nicht in Berührung
gekommen.
Wandtafelzeichnung "Je weiter sich der Mensch von der Erde
entfernt", 20. April 1923
Zum Rahmenprogramm
Die Ausstellung „Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags". Es
bietet die Möglichkeit, den Spuren Steiners in der Region
nachzugehen, sich mit Steiner auseinanderzusetzen, Kritik zu
üben und nach Bezügen zu Design und Architektur der Gegenwart zu
suchen.
Unter den Veranstaltungen des Rahmenprogramms sind Vorträge,
Workshops, Tanzperformances, Filmvorführungen, Themenabende,
Exkursionen und vieles mehr. Manche Events widmen sich Steiners
eigenen Ideen und Initiativen, andere untersuchen ihre
Parallelen zu aktuellen Tendenzen, beispielsweise zum
organischen Bauen, zur Bionik, zu Fragen der Nachhaltigkeit oder
sozialen Aspekten von Gestaltung. Unter den vielen renommierten
Teilnehmern der Veranstaltungsreihe sind die Designer Jerszy
Seymour und Werner Aisslinger, der Architekt Jürgen Mayer H.,
Graft Architekten, der Schauspieler Urs Bihler sowie Künstler,
Wissenschaftler und Unternehmer unterschiedlichster Disziplinen.
Die Veranstaltungen finden zwischen Oktober 2011 und April 2012
im Vitra Design Museum statt, aber auch bei Partnern in der
gesamten Region. Unter den Kooperationspartnern sind das
Kunstmuseum Basel, das Museum für Gegenwartskunst, das S AM
Schweizerisches Architekturmuseum, das Staatsarchiv Basel-Stadt,
das Rudolf Steiner Archiv sowie das Goetheanum, das
Paul-Schatz-Archiv sowie das Unternehmen Mitte in Basel.
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